Medienschau: Berliner Zeitung – Berliner Volksbühne vor dem Aus?

Opfer im kunstfeindlichen Klima?

Opfer im kunstfeindlichen Klima?

12. Dezember 2024. Angesichts der jüngst geleakten zweiten Streichliste des Berliner Senats, in der viele Hauptstadthäuser mit weniger Einsparungen wegkommen, nicht aber die Volksbühne, malt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung den Teufel an die Wand.

"Hat man das Theater, das sich aus vielen Gründen gerade in einer schwierigen Phase befindet, vergessen? Vielleicht mit Absicht?", fragt Seidler. Das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz droht, ins Defizit zu rutschen. Und dann? Seidler weiter: "Okay, und dann steht der Senat bei nicht nachlassendem Spardruck vor der Entscheidung, ein Theater zu retten, das unbequem und renitent ist, das die künstlerische Freiheit ausreizt und Risiken eingeht wie kein anderes Haus. Das wäre dann in dem kunstfeindlichen Klima, in dem die Spardebatte geführt wird, die Chance, den Laden loszuwerden."

(Berliner Zeitung / chr)

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Es erscheint mir nicht so glücklich, nur auf die Rücklagen zu verweisen und nur ein mittelfristiges Defizit zu prognostizieren. Wie Seidler richtig schlussfolgert, würde ein solches Defizit inmitten einer auf mindestens (!) 3 Jahre angelegten Kultur-spare-ich-mir-Politik des Senats in eine Abwicklung des Hauses münden. Unabhängig von den Kosten einer solchen Abwicklung bleibt eine Schließung dieses Hauses imagerelevantes Symbol rechtslastiger Politik. Die Rücklagen jedenfalls dürften nicht auf Kosten unbesetzter und damit schlussendlich abgeschaffter Stellen entstehen. Spätestens seit Polleschs Tod lebt das Haus von dessen Produktionen – aus eigenem Bestand, aber auch aus Zürich „eingekauft“. Damit stehen lauter mit Polleschs/Castorfs Volksbühne assoziierte Künstler*innen auf der Bühne, die – im Blick der Zuschauer*innen – isoliert vom Holzinger-Ensemble, Macras-Ensemble etc. agieren oder durch Rois, Breitkreiz, Bredehöft bei den grandiosen „777 Die sieben Todsünden“ von Adalbert Goldschmidt mit der gigantischen Eigeninitiative der Singakademie „verwoben“ sind. Inwieweit werden hier ein festes Volksbühnen-Ensemble und die Infrastrukturen (Ensemble, Probenräume/-zeiten, entsprechender Arbeitszeiteinsatz in Gewerken, bei Bühnenmeister*innen etc.) nachhaltig investiert, um die Schwebe zwischen einer „Plattform“ (Dercon) und einem neu zu bauenden Ensemble-/Repertoiretheater zu halten? Beschäftigt sich das Haus damit, inwieweit die revolutionäre Denk- und Spielpraxis von Pollesch tradiert werden kann, ohne ausschließlich an dessen eigene Produktionen gebunden zu sein? Oralität, Überlieferung, lebendiger Austausch lässt sich durch belastbare Netze zwischen den Mosaiksteinen/Ensembles gewährleisten Die Volksbühne war in den 20er Jahren eine wichtige Wirkungsstätte von Erwin Piscator, mit Castorf, Schlingensief, Pollesch, Marthaler, Holzinger etc. ist hier ein vieldimensionaler, zukunftsoffener Raum entstanden, der „Tradition“ gegen Rechts (in Politik und Ästhetik) immer wieder, immer neu erspielen kann und muss.
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