Medienschau: BZ, Berliner Zeitung, Die Welt – Muss das Berliner Ensemble umziehen?
Eine Cash Cow schickt man nicht zur Notschlachtung
Eine Cash Cow schickt man nicht zur Notschlachtung
29./30. Juli 2025. Ende 2027 läuft der Pachtvertrag des BE für das Theater am Schiffbauerdamm mit der Ilse-Holzapfel-Stiftung aus, der das Haus gehört. Auf eine Verlängerung konnten sich, Berichten in Berliner Zeitungen wie der BZ, der Welt, der Berliner Zeitung oder der Berliner Morgenpost zufolge, die Eigentümerin und der Senat bislang nicht einigen.
Die Stiftung wurde von dem Dramatiker Rolf Hochhuth im Namen seiner Mutter Ilse Holzapfel gegründet und ist seit dem 1. März 1996 Besitzerin von Grundstück und Haus am Bertolt-Brecht-Platz 1. Hochhuth und seine Stiftung hatten nach der Wende bei den Erben der von den Nazis enteigneten jüdischen Besitzer der Immobilie die Rechte am 3.000 Quadratmeter großen Grundstück erworben. Die Immobilie war zum 1. März 1996 restituiert worden. 1998 schlossen die Stiftung und das Land Berlin einen Mietvertrag über 30 Jahre ab, der Ende 2027 ausläuft.
Nun habe die Ilse-Holzapfel-Stiftung die Verhandlungen mit dem Senat für gescheitert erklärt, so die BZ. Seit 2024 würden die Verhandlungen um die Vertragsverlängerung laufen. Laut Ilse-Holzapfel-Stiftung besteht das Angebot des Senats ausschließlich aus einer Weiterführung der Konditionen, während die Stiftung eine Erhöhung der Pacht fordert. Da eine Einigung nach Einschätzung der Stiftung kaum noch zu erwarten sei, plane sie ab 2028 einen Eigenbetrieb des Hauses. Eigenen Angaben zufolge hat die Stiftung inzwischen ein Ingenieurbüro beauftragt, Vorbereitungen für die Umplanungen der technischen Strukturen im Gebäude vorzunehmen. "Man würde dann eventuell einen Kultur-Investor suchen", so die BZ.
Ob es ihm nicht schwerfalle, das Brecht-Theater aus seinem angestammten Haus zu vertreiben? will die Berliner Zeitung von Stiftungsvorstand Mike Wündsch wissen. "Was würden Sie an meiner Stelle machen? Wir stehen mit dem Rücken zur Wand," klagt Wündsch. Die Entscheidung habe jetzt fallen müssen, denn es müssten Umbauarbeiten in die Wege geleitet werden. Der Stiftung gehört zwar das Große Haus, nicht aber die Kantine und die Probebühne. Nun müsse man Wasser- und Stromleitungen voneinander trennen. "Da ist jetzt schon die Zeit knapp.“
"Die Behauptung der Ilse-Holzapfel-Stiftung ist sachlich unrichtig und in der Darstellung nicht korrekt," zitiert Jakob Hayner in der Tageszeitung Die Welt die Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson. Das Land Berlin sei sehr interessiert, den Theaterstandort am Schiffbauerdamm weiterhin als Spielort für das Berliner Ensemble zu erhalten und strebe daher einen neuen, langfristigen Mietvertrag an. "Würde die Stiftung das Berliner Ensemble tatsächlich vor die Tür setzen?", fragt Hayner also. "Eine solche 'Cash Cow' schickt man nicht zur Notschlachtung, aber man kann ihr damit drohen, zudem in Berlin aufgrund der Kürzungen sowieso – trotz gegenteiliger, ernstzunehmender Beteuerungen aus der Senatsverwaltung – das Gespenst der Theaterschließungen umgeht."
(BZ / Berliner Mogenpost / Berliner Zeitung / presseportal.de / Die Welt / sle)
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Welch eine enttäuschende Haltung das doch wäre…
Sie hätten halt gerne mehr Pacht, was angesichts der horrend gestiegenen Immobilienpreise in Berlin kein abwegiger Gedanke, aufgrund der Kahlschläge im Berliner Kulturhaushalt aber natürlich trotzdem eher realitätsfern ist. Jetzt wird gepokert, und der Senat scheint gar nicht einmal in einer schlechten Verhandlungsposition. Wenn die Stiftung an ihren Forderungen festhält, spart das Land Berlin die Subventionen und kann seine Hände in Unschuld waschen, denn Schuld an der Theaterschließung (oder geschrumpften Fortsetzung an anderem Ort) wären dann "die beknackten Hochhuth-Erben", die sich in Zukunft ohne Geld mit den Denkmalschutzauflagen für das Haus rumärgern müssten. Und - @2 - nicht einmal einen Transporter an ihrer Hinterbühne vorfahren lassen könnten.
Das werden sie auch wissen und zu einem winzigen symbolischen Preis wahrscheinlich doch einlenken. Tendenz also: Sturm im Wasserglas.
Warum also sollen dann die Kultur und die Kunst auf irgendetwas verzichten oder irgendwo reduzieren? Offenbar gibt es für die richtigen Zwecke weiter genügend Geld. Und dass ohne Kunst und Kultur keine Demokratie denkbar ist, sollte klar sein. Das zeigen Politik und Politiker doch selbst, wenn sie gerne bei Veranstaltungen auftauchen, in der ersten Reihe sitzen, Preise verleihen, Reden halten und sich auf dem roten Teppich fotografieren lassen wollen.
Bis 1954 dauerte diese Einquartierung, die der DT-Intendant Wolfgang Langhoff schon bald wieder zu beenden versuchte, weil die „Gäste“ dauernd Ärger machten: Zeiten für Bühnenproben, technische Ressourcen und Spielplanansetzungen und eine ziemlich streitbare Chefin… Erst als die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wiederhergestellt war, erhielt das BE endlich das Haus am Schiffbauerdamm zugesprochen und brachte dort das berühmte, von Peter Palitzsch entworfene Signum aufs Dach.
Es ist ein bezeichnendes Ärgernis, dass diese Sachverhalte aus dem deutschen Kulturgedächtnis verdrängt worden sind. Vielen Kommunisten, vor allem aus der Moskauer Emigration war Brechts Konzeption der ‚Theaterkunst für das wissenschaftliche Zeitalter‘ wenigstens suspekt und entsprach jedenfalls nicht der von Georg Lukács vertretenen Programmatik des „Realismus“, der dem Publikum die „wirkliche Wahrheit“ der gesellschaftlichen Verhältnisse dramatisiert vorführen sollte. Und für die überwiegende Mehrheit der Theaterleute und des Feuilletons im Westen waren Brecht und sein Theater schon als ‚politisch‘ suspekt und meist schlicht „kommunistisch“ und damit umstandslos dem Reich des Bösen zugehörig. Die Besonderheit dieser Produktionsweise eines Künstler*innenkollektivs, das forschende Entwicklung von theatralen Interventionen in die gesellschaftlichen Prozesse zum Zwecke der Erregung von unterhaltsamer Reflexion beim Publikum produzierte, wurde während des ‚Kalten Krieges‘ kaum wahrgenommen.
Auch die Welterfolge des Ensembles haben den Verdrängungen kaum entgegenwirken können, zumal eben auch in der DDR vor allem an der Legende des (sozialistischen) „Realisten“ Brecht gestrickt wurde. Und spätestens seit dem Zusammenbruch der DDR ist die Rede vom BE als Immobilie, die sich Rolf Hochhuth mit seiner Holzapfel-Stiftung ‚unter den Nagel reißen‘ konnte, allgegenwärtig.
Insofern wäre es tatsächlich spannend zu sehen, wie (...) mit der Entmietung der Immobilie durch die unbestrittenen Eigentümer umgehen und wo die heutige „Berliner Ensemble gGmbH“ unterkommen könnte: Vielleicht nochmal im DT? Der Holzapfel-Stiftung wäre jedenfalls ein glückliches Händchen zu wünschen, vielleicht mit der Gründung eines „Produktionshauses“? Dessen Konzeption könnte ja an jenes Bespieltheater der 1920er Jahre anknüpfen, das damals ein gewisser Ernst Josef Aufricht gemietet hatte und und zu dessen Wiedereröffnung am 31. August 1928 die „Dreigroschenoper“ uraufgeführt wurde.
Kleiner Trost: Die Kantine ist für Ensembles JEDER Struktur der wichtigste Ort und werden sogar ungeprobt dauerbespielt...