Medienschau: Die Welt – Über den Regisseur Matthias Hartmann
Erstickungstod in der Bedeutungsblase
Erstickungstod in der Bedeutungsblase
11. März 2025. Welt-Journalist Jakob Hayner hat in Wien Regisseur Matthias Hartmann getroffen, der Stadt, wo er bis zu seinem Sturz vor elf Jahren Intendant des Burgtheaters war. Hartmann ist, wie man erfährt, auf dem Weg von Salzburg, wo er lebt, nach Riga, wo er eine "Parsifal"-Adaption am Theater von Alvis Hermanis inszeniert.
Publikum statt Peer-Group
"Hartmann zeigt auf dem Smartphone, dass alle Vorstellungen des 'Parsifal' restlos ausverkauft sind, eine Stunde nach Beginn des Vorverkaufs", schreibt Jakob Hayner. "Das ist nicht nur für ihn eine gute Nachricht, die ihn sichtbar stolz macht, sondern für alle Mitarbeiter des Hauses. Die werden nämlich am Erfolg der Produktionen beteiligt, wie Hartmann erzählt." Das sei genau sein Thema: ein Theater, das auf Publikum statt Peer-Group setzt, das Erfolg an der Kasse mit Förderung verbindet. "Es geht um nichts Geringeres als einen 'Dritten Weg' in der großen Subventionsdebatte."
Hartmanns Kritik besteht Jakob Hayner zufolge darin, dass die Theater für eine Bedeutungsblase statt fürs Publikum produzieren würden, weil die Subventionen wichtiger als die Einnahmen an der Kasse sind. Es gelte also eine Kryptowährung, über die das normale Publikum nicht verfüge, weil der Schattenmarkt nur kulturpolitische Hinterzimmer, Redaktionsstuben und Jurysitzungen umfasse. "Wie eine Thomas-Bernhard-Figur kann Hartmann sich über 'Geschmackspolizei', 'Gesinnungskonsens' und 'Theatertreffenmafia' empören." Das Theater der Zukunft müsse sich aus Hartmanns Sicht von der Bedeutungsblase mit ihrer Kryptowährung unabhängig machen.
(Die Welt / sle)
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Ein so mutiger Mann, nur 2 Meter groß und im Besitz diverser Sportwagen zwischen Riga und Wien unterwegs: Wie er da mit seinem Porsche gegen die "Salonlinken" aller Zeiten anstinkt, "das Publikum" befragt, verführt und sich selbst feiert. Seine Rede vom "Angstregime" ("die Linken", "die Subventionen") und die mit aller Heiterkeit zelebrierte Opferrolle haben sicher gar nichts mit seinen leitenden Funktionen bei Red Bull/Servus TV zur Dietrich Mateschitz-Zeit zu tun. Der stand ja immer für genau die "Freiheit" (à la FPÖ), von der sich ganz authentisch-libertär-kapitalistisch träumen lässt. Und bei Klopp heutzutage fragt auch keiner danach.
Dass es hierzu in der Welt - aber nicht nur dort - keine Fragen gibt, überrascht mich seit Jahren nicht mehr. (...) Eine klitzekleine Nachfrage, inwieweit denn die Künstler*innen in Riga qua Erfolgsbeteiligung dauerhaft ihren Lebensunterhalt bestreiten können - eine solche klitzekleine Nachfrage wäre vielleicht doch statthaft gewesen?
Ich dachte nur Könige, Kaiser und Diktatoren werden GESTÜRZT.
Unser Weg in der Theaterwelt ist noch weit.
Tatsächlich ist es schwer, die eigene Kritik im Gesamtdiskurs nicht in eine "Hinaufempörung" münden zu lassen, wichtiger Einwand. Könige ohne Land wähnen sich immer im Besitz aller Stimmen, "das Publikum" und "das Volk" sind für diese Weltanschauungsbesitzer identisch und niemand kann wie sie "Dissidenz"/"Widerstand" und permanente Selbst-Inauguration miteinander verbinden. Diese Gefahren von rechts auch für Kultur und Künste zu thematisieren ist wohl dennoch wichtig, weil inzwischen so gut wie jede Sparvorgabe seitens der Politik eine identitär-libertäre Stoßrichtung impliziert, kleinen und großen „Hartmännern“ Auftrieb gibt - beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Die Sparpolitik des Berliner Senats ist nur ein Beispiel dafür - und im Zusammenhang mit dem 500 Mrd.-Sondervermögen "Infrastruktur" der neuen Groko ist das Wort "Kultur" bislang kein einziges Mal gefallen. "Kulturelle Hegemonie" (Gramsci) beanspruchen Libertär-Identitäre derzeit besonders wirksam für sich selbst. Und jene „Transparenz“, die „man“ dem „Deep State“ entgegensetzt: Ein starker, reicher Mann gibt Geld für das, was ihm gefällt. Siehe auch „Kühne-Oper“ in Hamburg.
Auch ein links und im besten Sinne föderal motiviertes Misstrauen gegenüber einer Stärkung des Bundes bei der Kulturfinanzierung („Zentralismus“) dient in dieser ideologischen Gemengelage nicht einem offenen, diversen, nachhaltig finanzierten kulturellen Leben.