Medienschau: Elfriede Jelinek – Die Nobelpreisträgerin zum Ende der Intendanz Stemann/Blomberg in Zürich

Raus mit ihnen!

Raus mit ihnen!

14. Februar 2025. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nimmt in einem Text auf ihrer Website Stellung zum Intendanz-Aus von Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg am Schauspielhaus Zürich.

Der Vertrag des Duos war nach fünf Jahren mit Verweis auf die finanzielle Lage des Hauses nicht verlängert worden. Im letzten Sommer wurden Stemann / von Blombeg von Interimsintendant Ulrich Khuon abgelöst.

Jelinek geht in ihrem Text in dem für sie typischen Kalauer-Stil auf die Gründe für die Nichtverlängerung ein. "Der Punkt also, wo alles zusammenläuft und sich entsetzt aneinanderklammert, weil sie gleich alle bankrott sein werden, ist, man glaubt es nicht, nein, nicht schon wieder, da kommt es schon wieder auf uns zu, verfehlt uns aber leider, wie immer: Das Geld. Zürich ist eine arme Stadt und will nicht noch ärmer werden wegen ein paar Kasperln. Der Konkurs des Hauses droht, ja, er ist vielleicht schon angekommen und packt gerade seine Argumente aus, die sich in einem schicken Argumente-Etui befinden, was haben wir da: einen als 'woke' verschrieenen Spielplan, war da noch was?"

Nicolas Stemann, den Jelinek im Text einen "Meister" nennt, hat zahlreiche ihrer Texte uraufgeführt.

Hier geht es zum vollen Text mit dem Titel "Nicht versetzt". 

(www.elfriedejelinek.com / miwo)

Kommentare  
Medienschau Jelinek: Senf
Ich schreib jetzt doch noch meinen Senf - als Zürcher.

Es scheint, als würde die Theaterbubble mittlerweile völlig unkritisch das Narrativ von Bloomberg/Stemann und ihren Gefolgsleuten Jelinek, Milo Rau und anderen zu übernehmen. Die Sache ist aber meiner Meinung nach nicht so schwarz-weiss wie dargestellt. Meine Gründe:

1) Bei Jelinek lese ich: "Die Stadt...hat ihr Wir... gegenüber einer Theatergemeinschaft das etwas wollte, das den Oberen offenkundig nicht gefallen hat, in Gegnerschaft gesetzt...". Ich würde sagen da waren mehrere Akteuren: die bürgerliche Zeitung NZZ und ihre Gefolgsleute haben Stimmung gegen "Woche" gemacht, die Stadt hingegen hat die Intendanz lange mitgetragen. Was ist geschehen, dass die Stadt nicht mehr mitmachte?

2) Die Intendanz war bei Publikum mässig erfolgreich. Einerseits sicher aufgrund der Stimmungsmache der NZZ. Andererseits aber auch, weil die Vorstellungen oft unterdurchschnittlich waren, oder auch nicht dem Interesse und Standard des Zürcher Publikums entsprach. Leonie Böhm war beim Grossteil ein totaler Flop und ihre reduzierten, Bühnenlosen, ziemlich banalen und einstündigen Theaterabenden sind vielleicht für eine Hippe Kleinbühne toll, aber sicher keine 100 CHF auf der Pfauenbühne. Stemann machte Vorbühnenstücke oder die Inszenierung "Sonne, los jetzt" von Jelinek war ja jetzt wirklich eher chaotisch und altbacken, als gut gemacht. Rüping floppte und brillierte: geniales wechselte sich mit belanglosem ab (er war immerhin der erfolgreichste). Gesches Inszenierungen waren neben "Holozän" einfach mehrheitlich langweilig und eher vollgepumpt mit Technik als berührend oder "poetisch" (Man denke an Momo oder Afterhour...). Einzig moved by the motion machte grandiose Inszenierungen, sind dann aber an der "Woke"-Propaganda von rechts gescheitert. Trajell Harrell ist schwierig und der Tanz hat keine gute Basis in Zürich. Das Jungend-Programm lief prächtig und wird von Suna Gürler auch weitergeführt. Unabhängig davon: Experimente sollten sein, und manchmal entsteht grandioses dabei - so auch in Zürich. Das soll uns noch nicht davon abhalten, sie aus der Stadt zu jagen. Aber was war noch?

3) Internas: Es wird unter den Teppich gekehrt, und die einen loben die beiden nun, weil sie ihnen Jobs gaben. Aber: das Haus wurde ausgepresst: Die Werkstätten unterbeschäftigt, die Technik überfordert. Das Haus als Betrieb stand definitiv nicht hinter der Intendanz. Auch haben sich die einzelnen Ensembles zerfleischt. Zudem: Die einen haben unglaublich viel verdient, während andere sehr schlechte Verträge hatten. Schlussendlich haben sie an der Kasse und im Zuschauerraum gekloppt. Mit einer unter 50%-Auslastung, während Bern, Luzern, ST.Gallen oder auch Basel schon wieder Zahlen über 80% hatten.

4) Die Intendanz sah sich von Anfang an in einem Widerspruch zur Stadt (man denke an Rüpings erste Inszenierung Früchte des Zorns). Man hat sich nie für die Stadt oder die freie Szene interessiert. Tatsächlich haben sie einfach ihr Ding gemacht, und meinten dann die Stadt ist nicht progressiv genug. Aber so einfach ist es nicht - tatsächlich floppten doch am meisten die biederen, privat-häuslichen Abende von Leonie Böhm oder umarmenden Inszenierungen von Rüping. Es war einfach oft, ja wirklich, zu banal. Zu einfach. Zu simpel. intellektuell unterkomplex. Inszenatorisch uninteressant. Aber wenn Florentina Holzinger in der Gessnerallee ist, dann ist das Ding ausverkauft und die Leute jubeln.

5) Schlussendlich: Ich denke es war ihre Kommunikation, und ihr Gebahren, progressives Theater zu machen, was aber für die meisten (Stimmen die ich wahrgenommen habe) eher spiessiges Getue und befindliche Selbstbespielung. Wenn ich den ganzen Tag arbeite, dann interessieren mich doch die Befindlichkeiten von Schauspieler:innen auf der Bühne einfach nicht?
Medienschau Jelinek: Anders gelesen
@1, danke vielmals für Ihren Kommentar. Dem schliesse ich mich an. Aber die NZZ habe ich nicht! als "Stimmungsmache" gegen die ehemaligen Intendanten gelesen. Aus meiner Sicht war die NZZ in ihren Recherchen, Artikeln ..zum Glück mutig.
Medienschau Jelinek: Schmusibusi
Meine Meinung: Stemann, Blomberg, Hartmann, Sonja Anders, Wissert, Mundel, Voges &&& Bei ihnen allen waren immer die Medien und die Stadt (Publikum vor Ort!) daran schuld, dass sie gescheitert sind und missverstanden. Aber die Theaterblase feiert sie, weil es so megaschmusibusimultiinklusivbinär waren. Aber dieselbe Blase kreischt dann, wenn die Städte den Geldhahn abdrehen, weils zu Wenige interessiert. Und dann kommt die GDBA und Lisa Jopt und nachtkritik und dann wird’s ganz schnief. Macht Theater für Menschen, nicht für die dramaturgischen Gesellschaften der Welt. Dann hat’s Relevanz und wird weiter so sehr gut subventioniert.
Medienschau Jelinek über Zürich: Provinziell?
Das erinnert doch irgendwie sehr an Marthaler: man holt sich besondere Künstler nach Zürich, erfolgreich zwischen Berlin, Paris und New York – und wenn sie dann da sind, ist man doch irgendwie überfordert und findet das ganze zu wild, zu krass, zu «nackt» (bei Marthaler) oder meinetwegen zu «woke» - und ist nur damit beschäftigt, sie möglichst schnell wieder loszuwerden. Ging es nicht auch bei Marthaler um ein Defizit, das es dann schließlich doch nicht gab? Dass man dann im Nachhinein versucht, die künstlerische Qualität runterzumachen, ist verständlich – schließlich steht der Vorwurf der Provinzialität im Raum. Da ist es bequemer, zu sagen (wie es «Andreas» in Kommentar 1. tut), dass es einfach künstlerisch nicht gereicht hat. An dieser Stelle möchte ich jedoch nun auch «meinen Senf» dazugeben – denn von außen bietet sich doch ein deutlich anderes Bild. Ich habe nichts in Zürich gesehen, aber ich habe doch eine Menge aus Zürich gesehen. Christopher Rüpings Züricher «Gier» hatte vorgestern hier in Berlin umjubelte Premiere (wie vorher schon «Das Ende der Welt»). Die Leute rennen rein und feiern es. Vieles, was ich sehen konnte, war innovativ und von großer Qualität. Stemanns «Riesenhaft» beim Theatertreffen war ein Fest, ein immersiver Rausch (mit dem Theater Hora – also gab es offensichtlich durchaus Zusammenarbeit mit der Freien Szene?), wenn das in Zürich nicht angekommen sein sollte, weiß ich auch nicht. Andere Arbeiten, die ich etwa in Avignon sehen konnte (von Trajal Harral) waren großes Weltniveau. Stemanns «Besuch der alten Dame» beim Holland Festival, Leonie Böhms «Blutbuch» bei den Wiener Festwochen – alles sehr einladende, sinnliche, humorvolle Arbeiten – überhaupt nicht elitär oder belehrend, oder woke, oder was da sonst noch als Vorwurf im Raum steht. Ist es allen Ernstes so, dass das in Zürich nicht läuft? Auch institutionell scheinen Blomberg/Stemann viel Richtiges auf den Weg gebracht zu haben – dass es da in einer eher konservativen Institution auch mal rappelt, kann jemanden, der solche Vorgänge ein bisschen kennt, eigentlich nicht wundern. Nein, liebe Züricher, jetzt alles auf mangelnde Qualität zu schieben, damit macht ihr es euch glaube ich zu einfach. So lange ihr immer wieder international erfolgreiche (und meinetwegen auch komplizierte oder fordernde) Leute engagiert, nur um die dann doch nicht zu ertragen und sie sofort wieder aus der Stadt zu jagen, müsst ihr euch den Vorwurf der Provinzialität wohl gefallen lassen.
Medienschau Jelinek: Schuld der Stadt?
Grundsätzlich muss ich als Insider #1 recht geben, auch wenn ich seine ästhetischen Beschreibungen nicht utnerschreiben kann. Die saubere Bilanz, die kürzlich erschienen ist, sagt wenig bis nichts aus über das Geschäftsgebaren der nicht verlängerten Intendanz, und das wirklich beleidigend simple Narrativ, man habe die Künstler wie einst Stein oder Marthaler aus der Stadt verjagt, ist fast so erstaunlich wie die Schrumpfmedien, die sowas noch verbreiten helfen. Zürich ist ein hartes Pflastern, und auch ein konservatives, stimmt schon, es ist nicht immer lustig da, dann noch die blöde Seuche, die dem Team in die Parade gefahren ist, kaum waren sie da. Aber es ist doch nicht allzu schwer zu sehen, was dann passiert ist. Zwei internationale Tanzensembles (zwei!!) an ein Schauspielhaus zu binden, ist ein Himmelfahrtskommando, respektiv das geht halt nur mit richtig guten Auslastungszahlen, und nicht mit knapp 54 Prozent. Es wäre gar kein Problem gewesen, die Lücke einzusparen und mindestens eine Compagnie ziehen zu lassen (für die das nachhaltige, ach so vor Ort konzentrierte Haus Visa, Flüge etc. ständig neu organisieren musste...), aber man hat sich dafür entschieden, "der Stadt" die Schuld zuzuschieben, und die Nobelpreisträgerin, wirklich keine ausgebildete Rechercheurin (die Welt hat Jelinek noch nie interessiert, immer nur die Medien), wiederholt das willig. Ich kann das nicht mehr lesen.
Medienschau Zürich: Kein Defizit
Zu 5. Ich komm nicht mehr mit. Ich dachte, der Geschäftsbericht besagt, dass es kein Defizit gab? Und das, obwohl beide internationale Gruppen noch da waren? Wo, lieber „Insider“ ist dann das Problem?
(https://www.nachtkritik.de/medienschau/medienschau-tagblatt-kein-konkurs-am-zuercher-schauspielhaus)
Dass eine solche Institution davon überfordert sein soll, Visa zu besorgen, ist zumindest bemerkenswert.
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