Medienschau: FAZ – Simon Strauß über Gegenwart und Zukunft des Theaters
Neue Sinnlichkeit
Neue Sinnlichkeit
16. Februar 2022. Über nicht weniger als die "Lage der Theaternation" und eine Zukunft mit postpandemischer "Theaterwende" denkt Feuilleton-Redakteur Simon Strauß in der FAZ nach.
Nach all den Verschiebungen und Ausfällen der jüngsten Zeit bangt er um den Enthusiasmus des Publikums. "Das deutsche Theater ist von Corona erschlafft", heißt es in seinem Debattenbeitrag wenig optimistisch – doch, relativiert der Autor, "in Lebensgefahr ist es nicht". Denn: "Der deutsche Sozialstaat funktioniert – noch".
Nicht die Kulturbürger verschrecken
So die Einleitung dazu, was Simon Strauß in seinem Text umtreibt: Wie wird es nach der Pandemie weitergehen? Dafür zieht er unter anderem Carsten Brosda, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, ins Sichtfeld, der Sorgen geäußert hatte, ob denn die Zuschauer:innen nach der Pandemie zurück ins Theater kommen werden. Von dem Vorschlag Brosdas, zukünftig mehr in Richtung "Vielfalt und Digitalisierung" zu arbeiten, hält Strauß aber wenig: "Abgesehen davon, dass die Mehrzahl der treuen Besucherinnen und Besucher bislang nicht jung und nicht divers waren und es ein strategischer Fehler wäre, die letzten Kulturbürger jetzt brüsk abzuschrecken, wäre die blinde Orientierung an solch gedankenlos reproduzierten Schlagworten für das postpandemische Theater auch sonst verhängnisvoll", meint er.
Der Autor schlägt dagegen vor, sich "dem Markt zu entziehen". Ein "Ort des poetischen Widerstands gegen die durchkommerzialisierte Gegenwart", könne Theater werden. Bekräftigt fühlt sich Strauß auch durch andere Stimmen, denn die Euphorie für das digitale Theater teilten längst nicht alle. So verweist er unter anderem auf Stefan Kaegi von "Rimini Protokoll", der mahnte, dass Produktionen zu eingleisig auf das Digitale verlegt worden seien.
Postdramatische Nebelkerzenwerferei
"Theater als Gegenkraft zu der in der Pandemie gewachsenen Sehnsucht nach einfachen Antworten – das klingt überzeugender als das, was der Branchenvorsitzende zur Lage der Theaternation mitzuteilen hat", kommentiert Strauß Carsten Brosdas Position.
Noch interessanter findet Strauß aber, was der Würzburger Operndirektor Berthold Warnecke zu Jahresbeginn gesagt habe. Es sei wichtig, auch inhaltliche Konsequenzen zu ziehen, das Regietheater brauche eine Erneuerung – so fasst Strauß dessen Haltung zusammen. Das jüngere, an der stringenten Erzähl- und Darstellungsform der Serie orientierte Publikum sei vielfach nicht mehr in der Lage oder gewillt, der postdramatischen Nebelkerzenwerferei von pseudoradikalen Regisseurinnen und Regisseuren zu folgen, paraphrasiert der Autor Berthold Warnecke.
Die Theaterwende
Eine kommende "Theaterwende" sieht Strauß gar als eine Möglichkeit: Die Epoche der Postdramatik könne von einem Publikum beendet werden, das sowohl die Suggestion des psychologischen Schauspiels als auch "die Einfühlung in ferne, fremde Welten" gewöhnt sei.
Interessanterweise führt Strauß als einziges und damit zentrales Beispiel zur Untermauerung seiner These ein digitales Werk heran: Werther.live von Regisseurin Cosmea Spelleken. Die Produktion habe "auf unprätentiöse Weise" Elemente der klassischen Stoffadaption mit gegenwärtigen Kommunikationsmitteln verbunden. "Das war eben weder demütig abgefilmtes Regietheater noch eine hochgejazzte Immersionserfahrung, sondern eine eigene Art und Weise, mit Goethes berühmten Briefroman unter den Bedingungen der gegenwärtigen Lebenswelt umzugehen."
Gar einen Paradigmenwechsels der Regie hält Strauß für möglich: Hin zu einer "Neuen Sinnlichkeit", die das Schicksal zweier Menschen so zu inszenieren wisse, "dass die Verzweiflung über ihre unüberwindliche Nähe jedem einzelnen der diversen Zuschauer ans Herz geht."
(FAZ / sdre)
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