Medienschau: Süddeutsche Zeitung – Alexander Kluge über Kunst im Krieg
Kunst ist kein Richter
Kunst ist kein Richter
12. April 2022. "Ein ägyptisches Sprichwort sagt, dass man Dämonen an ihrer Geschwätzigkeit erkennt. Der Krieg ist ein Dämon," schreibt Alexander Kluge in der Süddeutschen Zeitung. Nicht nur auf der Lit.Cologne hätten Schriftsteller kürzlich Forderungen gestellt, die, würden sie umgesetzt, aus Kluges Sicht den Atomkrieg auslösen könnten. "Wie also gewinnen wir wieder Bodenhaftung?" fragt er nun.
Und liefert auch gleicheine Antwort: mit Hilfe der Kunst. "Kunst vermag mit Räumen und Zeiten anders umzugehen, als es im Alltag geschieht. Sie kann sich neben die aktuelle Wirklichkeit stellen und von dort die Zahl der Perspektiven erweitern. Vor allem im Wechsel zwischen dem Möglichkeitsraum und dem Wirklichkeitsraum. Die Künste haben ein großes Reservoir an Vorstellungskraft. Sie verstehen etwas von Heterotopie. Sie können beobachten. Man kann mit ihrer Hilfe Punkte aufspüren, wie sie dem abarischen Punkt zwischen Erde und Mond entsprechen, wo sich die Gravitationskräfte gegenseitig aufheben."
Wir im Westen haben aus Kluges Sicht die Abrüstung der Konflikte auf null unter Gorbatschow dankend entgegengenommen. "Wir haben uns aber nicht um die Ideen und Vorschläge Russlands gekümmert, nicht auf Forderungen reagiert, stattdessen Russland als Regionalmacht bezeichnet. Gleichgültigkeit kann mehr verletzen als ein Schlag ins Gesicht. Aber Kunst ist kein Richter. Kunst trainiert Wahrnehmung. Die Kriegssituation ist eine Welt der Algorithmen. Die Kunst ist der Anwalt der Gegenalgorithmen. Im Märchen von Dornröschen reicht das Geschirr nur für zwölf weise Frauen. Die dreizehnte Fee wird aus dem Schloss verjagt. Die Kunst ist der Anwalt der dreizehnten Fee."
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