Presseschau vom 16. Oktober 2020 – FAZ über "gefühlte Wahrheiten" in der "digitalen Theaterkantine"
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16. Oktober 2020. In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meldet sich der Regisseur und ehemalige Schauspieldirektor des Landestheaters Linz, Gerhard Willert, zu mehreren "gefühlten Wahrheiten" zu Wort, die er einigen bei nachtkritik.de erschienenen Texten entnommen habe. "Was nun in dieser Online-Kantine zur allseits konstatierten (Führungs-)Krise des Theaters samt angeblichen Folgen zu lesen ist", schreibt Willert, "lässt ein paar Muster erkennen. Zunächst einmal: Es scheint um Strukturen zu gehen."
Unter diese Strukturfragen falle zum Beispiel das als "feudalistisch" gezeichnete Bild des Intendanten ("meist ganz ohne Sternchen"), dem auf nachtkritik.de mit dem Vorschlag einer "Ausweitung von Kontrollfunktionen" begegnet werde: "Findungskommissionen und Gremien sollen den korrekten Gang der Dinge absichern." Willert hingegen findet, dass sich die "Strukturen der deutschen Stadt- und Staatstheater (...) als sinnvoll erwiesen" hätten, und: "Modifikationen dieser Struktur ergeben nur dann Sinn, wenn ein konkretes künstlerisches Projekt solcher Modifikationen bedarf."
Hochkonjunktur des Opfernarrativs
Die "Schuld" immer beim Intendanten zu suchen, so Willert, blende aus, "dass die Machtfrage jeden Einzelnen" betreffe: "Jede(r) Einzelne trägt Verantwortung und macht sich somit potentiell schuldig. Schuld will aber niemand haben. Also delegiert man sie, fallweise nach oben oder nach unten. Dabei befindet man sich reibungslos in bester neoliberaler 'be yourself'-Gesellschaft." Hieraus resultiere auch die "mit dem Siegeszug des Neoliberalismus einhergehende Hochkonjunktur des Opfernarrativs". Für Willert messen sich darin "selbstdeklarierte Minoritäten, um einen Platz auf dem Opferstatuspodest zu erringen".
Darauf lässt der Autor eine Kritik des Begriffs der "cultural appropriation" folgen, der auf eine "(Selbst-)Beschränkung der künstlerischen, der ästhetischen Mittel" hinausliefe. Man bescheide sich mit dem "Besetzen einer exklusiv identitär-kommunitaristischen Insel". Eine "Trans-Person", die "eine Trans-Person der entsprechenden Colour" spiele, bliebe so "in Wirklichkeit tautologisch".
Jammern und Wehklagen
Statt die Frage zu stellen, warum der Mensch seit jeher ein "unstillbares Bedürfnis" nach Kunst, also "nach Re- und nach Präsentation" habe, klammerten sich die "Theatergemeinden" lieber fest an sich selbst: "Zwangsläufig weiß man dann auch alles besser."
Gegen die Errichtung "akademisch abgesicherter, reichlich esoterischer 'Safe Spaces' zur wechselseitigen Versicherung Verunsicherter" auf Ebene der Sprache stellt Willert abschließend die Philosophie des französischen Anthropologen François Flahault. Dieser fasse das Individuum als ein "Konstrukt, das der permanenten Bestätigung durch die Gesellschaft bedarf". Verweigerte man den "selbstdeklarierten 'Masters of the Universe'" nun eben jene Anerkennung, würden sie mit "Jammern und Wehklagen (...) und Klopfen auf die eigene Brust" reagieren, so Willert. Das Theater müsse demnach zeigen, dass das "Verhalten von Menschen mitnichten 'authentisch' oder 'alternativlos', sondern vielmehr gesellschaftlich bedingt" sei.
(FAZ / jeb)
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es stellt sich schon die Frage, wie man eine Gesellschaft davor schützt, dass Minderheiten mit immer radikaleren Theorien und Strategien Mehrheiten stigmatisieren?