Rauflust oder Fifty Shades of Green - Theater Freiburg
Wie Loriot auf Speed
18. April 2025. Was macht eigentlich Herbert Fritsch? Er zettelt in Freiburg eine Prügelei an!
Von Jürgen Reuß
"Rauflust oder Fifty Shades of Green" von Herbert Fritsch am Theater Freiburg © Thomas Aurin
18. April 2025. Am liebsten würde Herbert Fritsch, wie er im Programmheft zu "Rauflust oder Fifty Shades of Green" erzählt, an den Punkt kommen, dass der Raum völlig leer ist, Kostüme unwichtig sind, Worte sowieso, und dann die Schauspieler*innen plötzlich anfangen zu leuchten. Die Uraufführung im Großen Haus des Theater Freiburg kann man gut als Schritt in diese Richtung betrachten. Es gibt ein paar Setzungen und dazwischen viel Raum, in dem die Schauspieler*innen "zur Blüte kommen" können, wie Fritsch das nennt.
... ist alles, was ich habe
Die augenfälligste Setzung für diesen Abend: Alles außer dem roten Vorhang ist grün – der Boden, das Klavier links, das Schlagzeug rechts, die überpinselten abgespielten Bühnenelemente aus dem Fundus wie Vogel, Schildkröte, die lasziv das Gemächt präsentierende Sitzstatuen an den Seiten, die große lavalampig kaleidoskopartige rückwärtige Projektion, die Kostüme, die Gesichter, die Hände – alles in allem locker Fifty Shades of Green.
Die zweite Setzung ist, das Ende vorwegzunehmen. Langsam näherte sich einer der Grünlinge aus den weiten das Grüns, strahlt das Publikum an, verbeugt sich, und das Publikum spielt mit, applaudiert. Der Grünling kostet die Applausrunden aus, andere gesellen sich dazu, orchestrieren eine leicht irrsinnige Applausordnung in der mal der eine, mal die andere aus den kunstvoll verstolperten Choreographien herausleuchtet. Sie melken das Publikum bis zur Begeisterung und darüber hinaus in die einsetzende Ermüdung.
Frei aufgespielt
Ein starker Anfang und eine einleuchtende Idee, wenn man wie Fritsch keine Lust hat, "Sklaven bei der Arbeit zuzusehen", sondern an der Befreiung der Schauspieler*innen arbeitet. Wenn das Publikum dem Ensemble schon all die Anerkennung und Liebe gegeben hat, für die es auf der Bühne steht, kann es für den Rest der Zeit eigentlich frei aufspielen und machen, was es will.
Ein grünes Wunder: Jakob Kunath, Inga Schäfer, Roberto Gionfriddo © Thomas Aurin
Und so fühlt sich die Struktur des restlichen Abends auch an. Es gibt ein paar Ansagen oder Setzungen, und dann spielen mal alle, mal Einzelne drauf los. Holger Kunkel stellt sich vor die Gruppe, alle sollen nachmachen und man bekommt eine Albernheit wie Loriot auf Speed. Henry Meyer, steif wie ein Brett, lässt sich fallen und die anderen fangschubsen ihn mit steigender Rauflust. Thieß Brammer opfert sein Gesicht für gefühlt zehn Kinnhakensoli seiner Mitspieler*innen, schlagfertig von Ro Kuijpers an den Trommeln begleitet.
Ein wirklich schwerer Stuhl
Die Operngäste Roberto Gionfriddo, Jakob Kunath und Inga Schäfer steuern mit ihren mächtigen Organen gelegentlich fantasievoll rumpelnde Chorpastiches bei. Dazwischen bekommen auch die Fundusfiguren ihren Auftritt, und immer wieder streicht Hartmut Stanke über die Bühne – mal verwirrt, mal souverän, als ob er den jüngeren Kolleg*innen zeigen wolle, wie das geht, einen Stuhl so zu tragen, dass er einen Zentner wiegt.
Das Ganze ist überwiegend recht amüsant, aber man muss auch aushalten, "dass der eine blüht und der andere mal nicht", wie Fritsch das im Programmheft voraussagt. Nicht selten fühlt man sich, als ob man in der Schauspielschule spicken darf, so à la: Jetzt nehmt mal alle Demoschilder und macht was draus, jetzt blast einen orangen Luftballon auf und jetzt das Treppengestell.
Ach du Shrek! © Thomas Aurin
Die Wirkung von so einem Meta-Theaterabend ausgestellten Nichts-Wollens hängt total an der überspringenden Spielfreude des Ensembles. Die hatte zwar ein paar Durchhänger, vielleicht der Premierenspannung geschuldet, aber auch ein spürbares Potenzial, die Luft nach oben immer weiter auszuschöpfen. Wunderbar konsequent das Ende, an dem alle Beteiligten strikt auf das verzichteten, was sie am Anfang schon bekommen hatten und sich demütig als Dekostatuetten ins Garderobenfoyer stellten. Ein Abend für alle, die das Brechen von Erwartungen nicht nur aushalten, sondern auch genießen können.
Rauflust oder Fifty Shades of Green
von Herbert Fritsch
Regie, Bühne, Kostüme, Choreografie, Video-Design: Herbert Fritsch; Licht: Stefan Maria Schmidt; Ton: Kai Littkopf; Video: Laurin Lampe; Dramaturgie: Rüdiger Bering; Mitarbeit Bühnenbild: Michael Barth; Mitarbeit Kostüme: Levi David Böhm.
Mit: Raban Bieling, Thieß Brammer, Charlie Casanova, Angela Falkenhan, Josefin Fischer, Roberto Gionfriddo, Ro Kuijpers, Jakob Kunath, Holger Kunkel, Henry Meyer, Inga Schäfer, Hartmut Stanke, Michael Witte.
Premiere am 17. April 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.theater.freiburg.de
Kritikenrundschau
"Die absolute Offenheit der Methode 'Rauflust' ergibt nicht durchgehend das lustigste und tiefsinnigste Clownstheater", schreibt René Zipperlein in der Badischen Zeitung (19.4.2025). "Nach Innen, in der Ensemblearbeit, ist der Ertrag aber spürbar hoch."
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