Hammerschlag - Kampnagel Hamburg
Fiebertraum einer öffentlichen Toilette
17. April 2026. Bis 1980 legte die Hamburger Polizei "Rosa Listen" über schwules Leben in der Hansestadt an. Der Künstler Simon Schultz dokumentiert diese Überwachung mit der Installation "Hammerschlag" im Produktionshaus Kampnagel.
Von Falk Schreiber
"Hammerschlag" von Simon Schultz auf Kampnagel Hamburg © Maik Gräf
17. April 2026. Der Sanitärbereich im Hamburger Produktionshaus Kampnagel wurde erweitert. In der Halle K4 sind Toiletten aufgebaut, individuell gestaltet, aber ohne Türen, dazu ein großzügiger Vorraum mit Waschbecken und Spiegeln. Sowie mit einem Gang, der hinter die Spiegel führt, in eine dunkle Kammer, aus der man heimlich das Geschehen beobachten kann.
Simon Schultz' Installation "Hammerschlag" nimmt Bezug auf ein Geschehen im Jahr 1980: Seit über 20 Jahren observiert die Hamburger Polizei Klappen im Zentrum der Hansestadt, öffentliche Toiletten, die für anonyme schwule Sexkontakte genutzt wurden. Die Beamten führen Buch, was dort passiert, legen "Rosa Listen" an, lange nach der Entkriminalisierung von Homosexualität in der Bundesrepublik – man weiß ja nicht, ob die hier gewonnenen Erkenntnisse nicht irgendwann noch nützlich sein würden. In der schwulen Szene sei die Überwachung bekannt gewesen, erzählt Schultz bei der "Hammerschlag"-Eröffnung am Donnerstag, entsprechend unbeliebt seien die Klappen hier gewesen. Wer konnte, wich auf Schwulenbars, Clubs oder in Privaträume aus. Wer diese Möglichkeit nicht hatte – zum Beispiel heterosexuell Verheiratete, Männer, die Angst vorm Jobverlust nach einem Outing hatten oder schlicht Menschen, die sich Barbesuche nicht leisten konnten –, musste mit der Überwachung leben.
Mit dem Hammer Wellen im Feuilleton schlagen
Am 2. Juli 1980 zerschlug ein Kollektiv anonymer Aktivist*innen einen Einwegspiegel in einer Klappe am Jungfernstieg. Am Tag darauf wurde die Aktion am Spielbudenplatz in Nachbarschaft zur Reeperbahn wiederholt, diesmal in Anwesenheit der Presse und mit dem Theatermacher Corny Littmann als prominentem, weniger von Repression bedrohtem Gesicht. Mit dem gewünschten Ergebnis: Die bürgerliche Gesellschaft solidarisierte sich mit den Überwachten, das Verhalten der Polizei wurde als Skandal offensichtlich. "Das deutsche Feuilleton musste auf die Seite der Homosexuellen geholt werden", beschreibt Schultz die letztendlich erfolgreiche Strategie.
Wobei der damalige Erfolg rückblickend hinterfragt werden kann. Bei der Recherche zu "Hammerschlag" durchforstete Schultz Akten im Hamburgischen Staatsarchiv, nur um festzustellen, dass inhaltlich zweitrangige Aufzeichnungen zum Jugendschutz zwar abrufbar sind, die Polizeiakten sowie die berüchtigten "Rosa Listen" allerdings bis 2040 gesperrt bleiben, aufgrund von Schutzfristen für persönliche Angaben der Betroffenen. Ebenso im Dunkeln liegen die Motive der Überwachungsbeamt*innen. Zwar hatte sich eine damals beteiligte Person zu einem Gespräch mit Schultz bereiterklärt, den verabredeten Termin dann aber wieder abgesagt: Obwohl sie längst pensioniert sei, habe ihr Dienstherr interveniert und ein Interview verboten.
"Hammerschlag" dokumentiert ein Stück Hamburger Polizeigeschichte und die Repressionen gegen queere Menschen © Maik Gräf
Die Installation selbst ist kein originalgetreuer Nachbau einer der zehn einstmals überwachten Klappen, er ist das, was Schultz als "Fiebertraum einer öffentlichen Toilette" bezeichnet: Wer die Ausstellung durchwandert, steigt hinab in eine queere Gegenwelt, in einen Ort sexueller Verheißung, aber auch in einen Ort der Repression. In den verschiedenen Räumen finden sich historische Dokumente, zum Beispiel zum Café TucTuc, einer kollektiv organisierten Kneipe, die ab 1979 gleichzeitig als Ort offen gelebter Queerness wie auch als aktivistische Kommandozentrale galt. Oder zum Hamburger Tuntenchor, der 1980 als Parodie auf den Mike-Krüger-Schlager "Der Nippel" sang: "Wir müssen nur den Hammer aus der Tasche ziehen / Und damit spät am Abend auf die Klappe geh'n / Da holen wir dann aus / Und hau'n den Spiegel ein / Dahinter onaniert ein Bullenschwein!". Man wusste sehr genau, was Sache war.
Queerness als Kampfzone der Politik
Die Monstrosität der Überwachungspraxis erwischt einen dann dennoch kalt. Den Observationsraum betritt man, nachdem man die "Disco Toilet of Queer Joy" durchquert hat, einen queeren Emanzipationsort, hinter dem die Trostlosigkeit und Bösartigkeit der Überwachung umso drastischer wirkt. Zumal Schultz darauf hinweist, dass diese Bösartigkeit bis heute fortdauert, beispielsweise in Politikeraussagen von Jens Spahn oder Alice Weidel, die betonen, schwul (beziehungsweise lesbisch) aber nicht queer zu sein, und so eine vorgeblich akzeptable Homosexualität einer verachtenswerten Queerness gegenüberstellen. "Mir als schwulem, weißen cis Mann aus der Mittelschicht wird das Versprechen gemacht, kein Opfer zu werden, wenn ich brav bleibe", erkennt Schultz die Perfidie, die hinter diesem Versprechen steckt. Weil damit nämlich gesagt wird, wer weiterhin Opfer werden kann: migrantische und migrantisierte Personen, trans Personen, Queers.
Die Augen der Überwachung bleiben geöffnet
Die Spionagespiegel sind längst abgebaut, aber Überwachung findet weiterhin statt. Zum Beispiel auf elektronischem, KI-gestütztem Wege am Hansaplatz in St. Georg, nicht zufällig einer der Orte, an dem weniger "weiße cis Männer aus der Mittelschicht" unterwegs sind. "Welchen Hammer brauchen wir heute, um welche Spiegel einzuschlagen?", fragt der Künstler. Antworten dürften während des Wochenendes in "Hammerschlag" gefunden werden: In der Installation finden neben performativen Führungen Panels zu Themen wie "Social Media als Spiegel der Gesellschaft" und "Kunst als Hammer der Gesellschaft" statt, Workshops, DJ-Sets und zum Abschluss am Sonntag um 15 Uhr ein "Afternoon Cruising".
Hammerschlag
von Simon Schultz
Künstlerische Leitung: Simon Schultz, Produktion: Dana Tucker, Johanna Thomas, Szenografie: Aria Gilani, Anne Sofie Ravnsbæk Geertsen, Daniel Pietschmann, Tourkonzept und Performance: Sarah Plochl, Nina Kuttler, Sound: keos, Layout: Mawuto Dotou, Social Media: Kenneth Komlan Soussoukpo, Dokumentation: Maik Gräf, Diskursprogramm: Stefan Valdés Tittel, Anouar Merabet, Dramaturgische und konzeptionelle Begleitung (Kampnagel): Lucien Lambertz.
Premiere am 16. April 2026
Dauer: frei wählbar, Installation
www.kampnagel.de
www.simonschultz.net
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