Sachlichkeit mit Notenschlüssel

29. Juni 2023. Wie visualisiert man das Verlorene? Adam Ganz setzt – als Teil des "Spielräume!"-Projekts von Berliner Ensemble und Komischer Oper – seine in der Shoa ermordeten Großeltern in Szene, halb als virtuell aufgeladenes Doku-, halb als Musiktheater. Und schafft damit eine sehr eigene Atmosphäre.

Von Christian Rakow

29. Juni 2023. Hin und wieder hält das Berliner Ensemble ein besonderes Schmankerl am Saisonende bereit. Für Freunde des "immersiven" Theaters, also jener Theaterform, in der man als Zuschauer nicht vom Parkettsessel aus romantisch glotzt, sondern aktiv ins Erlebnis eintaucht. So war das 2018, als man bei Thomas Bo Nilsson in einer verspielten Renaissancewelt das Dekameron des Boccaccio durchstreifte. Oder auch letztes Jahr, als das Kollektiv Raum+Zeit sein Publikum mit Virtual-Reality-Brillen ausstattete und zum Gang durch das Liebe-und-Trennungslabyrinth von Bertolt Brecht und Ruth Berlau einlud (Berlau :: Königreich der Geister).

Immenser Aufwand

"Felix's Room" schließt technologisch hieran an, auch wenn man dieses Mal nicht selbst mit Brille durch eine Installation streift, sondern vielmehr von der Tribüne aus ganz traditionell das Spiel inmitten virtueller Projektionen und Hologramm-Bildern verfolgt.

Der Aufwand hinter dieser an sich kleinen, gerade einmal 55-minütigen Produktion ist immens (man kann es an der langen Liste der Beteiligten unten im Besetzungskasten ermessen). Seit 2019 arbeitet das Berliner Ensemble gemeinsam mit der Komischen Oper am Projekt "Spielräume!", das – gefördert aus dem Digitalfonds der Kulturstiftung des Bundes (mit insgesamt 880.000 Euro) – die Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien für die Bühne erprobt. "Felix's Room" ist nur ein Teil dessen, was in "Spielräume!" entsteht (eine digitale App für virtuelle Hausbesuche des BE ist auch schon veröffentlicht worden).

Virtuelles 3D-Bühnenbild

Der britische Regisseur und Autor Adam Ganz hat sich mit seiner Stückentwicklungsidee in einer öffentlichen Ausschreibung unter rund dreihundert Bewerbungen durchgesetzt, erklärt das BE auf seiner Homepage. Die Idee verfängt durch ihre Konkretheit: Ganz erzählt die Geschichte seiner Großeltern Felix und Erna Ganz: reiche Teppichhändler in Mainz, die unter den Nazis aus ihrer Villa auf dem Michelsberg vertrieben wurden, 1942 ins sogenannte "Judenhaus" kamen, bald nach Theresienstadt deportiert und schließlich im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. Fokussiert wird auf die Mainzer Zeit vor der Verschleppung.

07 Felixs Room foto JR Berliner EnsembleIm virtuellen Bühnenbild: Alma Sadé und Veit Schubert, als Erzähler am Rand: Adam Ganz © JR Berliner Ensemble

Aus dem Zimmer im "Judenhaus" gibt es eine Skizze des Mobiliars, die Felix Ganz einem seiner Briefe an die Tochter beigelegt hat und die im Familiennachlass wieder auftauchte. Sie hat Adam Ganz mit Hilfe der auf Architektur-Animation spezialisierten Company "Scanlab Projects" in ein virtuelles 3D-Bühnenbild überführt, das nunmehr per Projektion auf Gazevorhänge in einer ansonsten leeren Box auf der BE-Probebühne entsteht. Leer bis auf eine reale Barock-Kommode, die ein authentisches Stück der Wohnung ist und unlängst in einem Mainzer Museum entdeckt wurde.

Tanz der Geister

Felix Ganz hat das Mainzer Leben in Briefen an Freunde und bereits aus Deutschland geflohene Familienmitglieder festgehalten, die die Grundlage für dieses Stück bilden. Veit Schubert leiht ihnen seine wohltuend nüchterne Diktion, gedämpft, resignativ, aber der selbstbewusste Habitus des Großkaufmanns scheint auch in der Entrechtung weiter durch. Regisseur Adam Ganz ist als Erzähler auf der Bühne anwesend, mit kleinen Einwürfen von einem Schreibtisch am Rande her. Auch er bleibt diskret, literarisiert nicht, kommentiert zurückhaltend. Das Material gibt über die äußeren Sachberichte zum Leben der Familie hinaus wenig her. Das Grauen des Realen ergänzt man als Zuschauer aus dem Kontextwissen. Es sei schade, dass der Großvater "keinen Ausdruck" dafür fand, "was ihnen angetan wurde", erklärt Adam Ganz gegen Ende.

Einen kleinen Clou hat sich die Inszenierung dennoch erlaubt, und hier kommt die Komische Oper ins Spiel – mit ihrem Kammerorchester unter Leitung von Christoph Breidler. Weil Großmutter Erna keine Briefe hinterlassen habe und also eigentlich ihrer Stimme beraubt sei, füllt jetzt die Musik die Leerstelle, heißt es. Alma Sadé ruft als Erna mit kurzen Operettennummer oder Schlagern ("Tanta Paula liegt im Bett und isst Tomaten") den Sound der Ära auf. Später treten in der Rolle von Familienmitgliedern Julia Domke mit einer Verdi-Arie und Johannes Dunz mit einem Brecht-Weill-inspirierten Song über die "Ludwig Ganz AG" dem Lieder-Reigen hinzu. Denn Musik spielte im Hause Ganz eine zentrale Rolle. Im schönsten Bild des Abends tanzt eine fliehend erinnerte Ball-Gesellschaft in der Kaufmanns-Villa einen Walzer. Virtuelle Tanzpaare erscheinen hauchzart wie Geister und umschwirren das Ehepaar in seiner Blackbox.

09 Felixs Room foto JR Berliner EnsembleLeben in Schemen: Veit Schubert, Alma Sadé © JR Berliner Ensemble

Hologramme und 3D-Projektionen sind am Theater an sich natürlich nicht ungekannt. Crossover von Schauspiel und Musiktheater gehört vielerorts zum guten Stadttheaterton (wobei diese Lockerheit und Brillanz der Akteure von der Komischen Oper schon besonders sind). Die Geschichte des jüdischen Lebens im NS-Regime wiederum ist, rein formell betrachtet, anderswo eindringlicher beschrieben worden. Aber das Ineinander der Elemente in diesem unprätentiös auftretenden, kompakten Abend schafft doch eine eigene Atmosphäre; Sachlichkeit mit Notenschlüssel. Die Reihe der sehenswerten Spielzeitabschlusskleinodien am Berliner Ensemble setzt sich fort.

 

Felix's Room
von Adam Ganz & ScanLAB Projects
Konzept/Regie: Adam Ganz, ScanLAB Projects, Text: Adam Ganz, Creative Director: Matt Shaw (ScanLAB Projects), Executive Producer & Associate Director: meriko borogove (ScanLAB Projects), Associate Director: James Yeatman, Mitarbeit Regie: Max Lindemann, Creative Producer: Anetta Jones (ScanLAB Projects), Lead Visual Artist: James White (ScanLAB Projects), Musikalische Leitung & Komposition: Christoph Breidler (Komische Oper Berlin), Komposition: Tonia Ko (Supported by StoryFutures), Sound Design: Benjamin Grant, Ausstattungsmitarbeit & Kostüm: Noemi Baumblatt, Licht: Hans Fründt, Dramaturgie: Julia Jordà Stoppelhaar (Komische Oper Berlin), Karolin Trachte, Musiker:innen: Tjadina Wake-Walker und Ryoichi Masaka (Oboe), Alexander Glücksmann und Tilo Morgner (Es-Klarinette mit B-Klarinette), Carsten Meyer und Daniel Holthaus (Bassposaune), Stefan Adam und Freia Schubert (1.Violinen), Melinda Watzel und Volker Friedrich (2. Violinen), Anton Loginov und Julia Lindner de Azevedo Conte (Viola), Felix Nickel und Christian Tränkner (Cello), Jörg Lorenz und Frank Lässig (Kontrabass), Christoph Breidler (Klavier).
Mit: Veit Schubert, Alma Sadé, Adam Ganz, Julia Domke, Johannes Dunz.
Premiere am 28. Juni 2023 am Berliner Ensemble
Dauer: 55 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de
www.komische-oper-berlin.de
scanlabprojects.co.uk

 
Kritikenrundschau

Der Text, den Adam Ganz für diese Aufführung schrieb, ist kein Stück, "eher eine Verschriftlichung des eigenen Erinnerns an seinen Urgroßvater, den er nie kennengelernt hat", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (30.6.2023). In der Koproduktion der Komischen Oper Berlin und des Berliner Ensembles stecke ein bisschen Musiktheater mit Kammerorchester, ein bisschen Schauspiel und vor allem die 3D-Scans von ScanLAB Projects. Mit ihnen sei "Felix’s Room" nicht nur eine Petitesse, sondern die reinste Faszination. Die High-End-Spielerei könne viel mehr als ein normales Bühnenbild oder ein Video. Fazit: "Ein absolutes, technisch ohnehin verblüffendes Meisterwerk. Dass der Rest ausbaufähig ist – geschenkt."

Adam Ganz hat zusammen mit ScanLAB Projects ein 3-D-Modell des Zimmers angefertigt, das sich auch drehen und wenden lasse "und alle möglichen Perspektiven auf die Vergangenheit zulässt. Im Zentrum von 'Felix’s Room' stehen aber nicht die Effekte, sondern die erinnerten Leben", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (30.6.2023). Die Inszenierung sei eine Art Requiem, eine musikalische Reise in die virtuelle Realität. "Dieser eindringliche, stimmig komponierte Abend setzt auf berührende Weise Puzzleteile zusammen, ohne Anspruch auf ein vollständiges Bild zu erheben."

"Wozu eigentlich die ganze Technik? Sie ist konservativ", findet dagegen Matthias Nöther in der Berliner Morgenpost (30.6.2023). Denn eigentlich wirke die mit Digitalsimulationen von bürgerlichen Möbeln behängte Wohnzimmerwand eher wie eine zusätzliche Barriere zum Zuschauerraum hin "Weshalb bittet man nicht das Publikum in Felix s Room und lässt es die menschliche Tragik zwischen dreidimensionalen Imaginationen quasi am eigenen Leib spüren." Der Kritiker staunt aber auch, wie passgenau in manchen Augenblicken eine Verzahnung von Form und Inhalt passiere. 

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