Ihr schwachen, herrlichen Menschen

9. Dezember 2023. Anne Lenk setzt ihre Reihe der Klassiker-Inszenierungen am Deutschen Theater fort: Nun mit Tennessee Williams' Drama über gesellschaftliche Erwartungen und das Eingeschnürt-Sein im Familien-Korsett. Mit Ulrich Matthes als Big Daddy.

Von Simone Kaempf

"Die Katze auf dem heißen Blechdach" in der Regie von Anne Lenk am Deutschen Theater Berlin @ Konrad Fersterer

9. Dezember 2023. Das Familienoberhaupt hat 65. Geburtstag, aber verschwindet als Erstes ins Bett. Wenig Feierlaune verströmt der verkappt schwerkranke Big Daddy. Genauso bleich und verhangen steht auch der Rest der Familie da, als zu später Stunde Big Daddys Arzt erscheint, dem einer der etlichen skurrilen Auftritte dieses Abends gehört: In kurzen Hosen nämlich, geföhnt und so strahlend, dass Big Daddys Ehefrau mal wieder das Gesicht zu Grimassen des Wohngefallens verzieht und sichtlich angetan nach vorne tritt. 

Die Frau im Gardinen-Kostüm

Ihrem Mann fasst sie schon mal an den Hintern. Ihren Lieblings-Sohn umhalst und küsst sie, ohne lang zu fragen. Als Ehefrau eine Mannes, der sich zum reichen Unternehmer hochgearbeitet hat zu Zeiten, als weibliche Emanzipation noch in weiter Ferne lag, scheint sie sich einiges von ihm abgeschaut zu haben. Andererseits steht sie plötzlich da mit einem plüschigen Lampenschirm auf dem Kopf, neben ihr ein vergreistes Enkelkind im Sessel. Und tatsächlich, etwas ausgestellt Verstaubtes hat diese Frauenfigur im Gardinen-Kostüm wie alle in der Familie: Jede Anzüglichkeit nimmt sie mit, stets drängt sie sich in den Vordergrund. Ein Typus wie aus alten vergangenen Zeiten, die der Schwiegertochter die Frage stellt, wie sie bei Tennessee Williams steht: "Machst du Brick im Bett glücklich?" Und eben nicht, ob er sie glücklich macht. 

Matthes als Big Daddy

Anne Lenk setzt ihre Reihe von Klassiker-Inszenierungen am Deutschen Theater mit "Die Katze auf dem heißen Blechdach" fort. Jenes Familiendrama aus den Fünfzigerjahren um unterdrückte Homosexualität, den Zwang zum Kinderkriegen und andere familiäre Erwartungshaltungen, sie sich hochschaukeln, weil es einiges zu erben gibt. Wie im "Zerbrochnen Krug" und im "Menschenfeind" ist auch der Schauspieler Ulrich Matthes wieder dabei. Matthes als Big Daddy, da wartet man natürlich drauf. Als er dann endlich kommt, geht gleich ein Raunen durchs Publikum: Man hätte ihn kaum erkannt mit falschem Haarkranz und blässlich zurecht geschminkt. In der Familienaufstellung bleibt er am Rand, eher Typus sensibler Mitfühlender als ein garstiger Patriarch. Um die Zuneigung seines Sohnes ringt er verzweifelter als es das Original für die Männerrolle vorsieht.

Katze5 c David BaltzerEin feinfühliger Patriarch im komplizierten Familiengefüge © David Baltzer

Das sind Verschiebungen, mit denen Anne Lenk die Figuren greifbar machen will und dabei den Frauen viel Raum gibt. Allen voran Lorena Handschin, die als Maggie (in der Verfilmung aus dem Jahr 1958 von Liz Taylor gespielt) ganz leichtfüßig in die Schwerstarbeit des Ehe-Streits startet. Ziel: ihren potenziell schwulen, alkoholkranken Ehemann aus der Reserve zu locken. Gar nicht so einfach, Jeremy Mockridge agiert als Brick so abwartend und zuvorkommend, dass alle Provokationen abperlen. Sein Vorschlag, dass sie sich jemanden als Liebhaber suchen könnte, hat nichts Trotziges, sondern klingt ganz nach Vernunftlösung aus heutigen Beziehungsmodellen abgeschaut.

"Alles Quatsch!"

Doch da ist ja noch der Rest dieser zänkischen Familie. Sie nutzen seine Alkoholsucht zum eigenen Erbvorteil oder wollen sie mit Zuneigung heilen. Matthes versucht mit langen altväterlichen Liebes-Geständnissen an den Sohn, diesen zum Einhalt zu bringen. Woraufhin Mockridge mit ulkigem "Häh?" einfach abhaut. Und Miriam Maertens als wunderbares Muttertier die multiplen Gründe für sein Trinken wegfegt: "Alles Quatsch". Julischka Eichel lässt wiederum als Schwägerin Mae keine Gelegenheit aus, seine Kinderlosigkeit anzuschwärzen. Ein Mechanismus aus Druck und Erwartungshaltung, dem die Inszenierung zwar Exaltiertheit, aber sonst keinen Ausweg bietet.

Selbstironie über die im Stück angelegten Konventionen blitzt an diesem Abend immer wieder durch, aber viel weniger, als es Anne Lenk zuletzt in der "Minna von Barnhelm" gelang. Wie in der Vorlage greift Maggie zur Notlüge und behauptet, schwanger zu sein. Eine Illusion, die alle vom Erbstreit erlöst oder es tun zumindest alle wider besseres Wissen so. Selbst Julischka Eichels Mae protestiert erst noch zeternd, dass es nicht sein kann, aber gibt dann Ruhe.

Katze7c Konrad FerstererViel Gezänke im ehrenwerten Haus – und im Bühnenbild von Judith Oswald © Konrad Fersterer

Grabesruhe sozusagen, denn auch das Thema Tod zieht sich als ein roter Faden durch den Abend. Da ist der Versuch des Vaters, nochmal ins Gespräch zu kommen, seine Klage über alles Verpasste und die Lust, sich jetzt einen schönen Lenz zu machen. Das Bühnenbild von Judith Oswald zeigt vier hintereinander gereihte Leuchtrahmenbühnen in speckig-braunem Samt und gedämpfter Grabkammer-Atmosphäre. Manchmal hallen die Stimmen gespenstisch wie von Ferne. Die Kargheit ist genau das Gegenteil von der prallen Üppigkeit der Verfilmung, aber der Gefahr der atmosphärischen Lähmung entkommt der Abend nicht, auch wenn Anne Lenk ihr Ensemble präzise lenkt und im Bühnenbild mit Liebe zum Detail arrangiert. Ein Emanzipationsdrama entspinnt sich daraus nicht, der spaßige Familien-Clash nur halb. "Oh ihr schwachen, herrlichen Menschen", hat Lorena Handschin das letzte Wort.

Die Katze auf dem heißen Blechdach
von Tennessee Williams
Deutsch von Jörn van Dyck
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Ingo Schröder, Licht: Cornelia Gloth, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Lorena Handschin, Jeremy Mockridge, Julischka Eichel, Jonas Hien, Miriam Maertens, Ulrich Matthes, Andri Schenardi, Frieder Langenberger.
Premiere am 8. Dezember 2023
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.deutschestheater.de


Kritikenrundschau

"Der künstliche Schmelz der Ausstattung findet sich in der klug und reinlich durchgerechneten Psychoanalyse der Figurenaufstellung wieder und legt sich wie eine kühle Haut auch über die Schauspieler, die mit brillanter Schlagfertigkeit und Präzision zu Werke gehen", lobt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (10.12.2023). 

Anne Lenk wolle kein Yesterday inszenieren, "sondern hatte offenbar eher die historische Verlaufsfrage im Sinn: Welche gestrigen Verhältnisse haben uns zu denen gemacht, die wir heute sind? Welche Antiquiertheiten haben wir wirklich hinter uns gelassen, und von welchen glauben wir es nur?", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (10.12.2023). "Merkwürdigerweise ist das aber nicht, was die Inszenierung erzählt." Stattdessen trete das traurige Familienpersonal hier aus dem Sepiabraun gleichsam in eine abstrakte Zeit- und Ortlosigkeit, die plötzlich eine fatale Allgemeingültigkeit suggeriert. "So bekommen ausgerechnet Figuren, die man wie die Williams’schen wirklich besser aus ihrer Zeit heraus verstehen kann als von heute, eine Archetypen-Behauptung aufgebrummt, die den Abend äußerst schwierig macht – und streckenweise auch einfach langweilig." Häufig misslinge der Spagat zwischen Komödie und psychologischer Tiefenschürfung an diesem Abend.

"Trotz des fantastischen Ensembles droht die Inszenierung mitunter, an ihrer betonten Künstlichkeit zu ersticken", sagt Barbara Behrendt auf rbb Kultur (9.12.2023). "Bei Klassikern wie 'Maria Stuart' und 'Der zerbrochene Krug' hat das ein neues Licht auf die im Kanon fast erstarrten Protagonist:innen geworfen. Beim psychologisch-realistischen Broadway-Stoff wirken die Figuren nun etwas aseptisch und verloren – auch, weil unklar bleibt, in welcher Zeit und Gesellschaft sie sich bewegen."

"Welch starke kollektive schauspielerische Leistung, die an den Ensemblegeist längst vergangener DT-Tage erinnert!", schreibt Gunnar Decker im nd (11.12.2023). "Der feministischen Stück-Lesart von Anne Lenk muss man nicht folgen, aber Rhythmus und Intensität der Inszenierung, trotz – oder wegen – ihrer offenkundigen Handlungsstillstellungsmomente, frappieren. Welch irritierendes Vexierbild eines Bestiariums der modernen Familie, die vor allem ein Wirtschaftsverbund zu sein scheint, angeführt von überaus zielstrebigen Frauen."

"Das Stück ist alt. Aber bei Anne Lenk wirkt es historisch“, schreibt Andreas Kilb von der FAZ (11.12.2023). Die Inszenierung lande nie auf dem Blechdach der Gegenwart, wo das Stück hingehöre. "Sie springt nicht. Sie hampelt nur." Die Regie versäume es, den Ball aufzunehmen, den ihr die Ausstattung vorgelegt habe. "Stattdessen spielt Anne Lenk mit den Guckkästen Heimkino, und die Bühnentechnik schaltet dazu das Licht an und aus, nah, halbnah, Totale, immer ist ein anderer Rahmen, ein anderer Bildschirm aktiv." Das setze Pointen, die keine seien.

"Entweder ist das Stück nicht alt und in der Form nicht dicht und hermetisch genug für Lenks sezierenden Zugriff, oder es ist in den verhandelten Konflikten und Familienbildern so weit von der Gegenwart entfernt, dass man sich dauernd fragt, was die bedauernswerten Bühnenfiguren denn so quält", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (11.12.2023). Bei Tennessee Williams und in Elia Kazans berühmter Verfilmung des Stücks brodele zum Beispiel unter dem Verhältnis von Margaret und Brick ein Abgrund an unterdrückter Triebenergie und Verzweiflung über Bricks unklare, nicht gelebte Homosexualität oder die Liebe zu einem toten, vielleicht schwulen Freund. "In Anne Lenks Inszenierung sind davon nur irgendwie unglückliche Familienverhältnisse in albern übertrieben grotesken Fünfzigerjahre-Kostümen übrig geblieben." "Vielleicht muss man die etwas flache Inszenierung, in der die Figuren zu grotesken Puppen zu mutieren scheinen, als hilfreiche Handreichung für die Freuden der Weihnachtstage verstehen: Nach dem Anblick dieser schrecklich netten Familie wirkt die eigene Verwandtschaft plötzlich ganz okay."

"Anne Lenk benutzt surrealistische Slapstickszenen, um eine eigentlich hitzige Ehe- und Familienschlacht sehr kühl und klug in die Gegenwart zu befördern", schreibt Wolfgang Höbel im Spiegel (10.12.2023). "So sehr Lenks Inszenierung aber die Abstraktion und den Slapstick sucht: Die zentrale und dann eben doch nahezu packend naturalistisch dargestellte Szene des Stücks und des Theaterabends bleibt der Showdown zwischen Vater und Sohn, zwischen dem alten Knorz des Schauspielers Matthes und dem jungen Kaputtnik des Darstellers Mockridge." "Am Ende der Premiere gibt es verhaltenen und eher kurzen Applaus. Ganz so, als hätten sich viele im Publikum eine große, wilde, heißblütige Familienschlacht erhofft. Die hat ihnen die Regisseurin Lenk mit ihrem Reigen aus lauter hochintelligenten und streng stilisierten Theater-Schaubildern dann doch ziemlich frostig verweigert."

Kommentare  
Katze auf dem heißen Blechdach, Berlin: Großer Auftritt
In zwei Teile zerfällt Anne Lenks neue Arbeit am Deutschen Theater Berlin. In der ersten Stunde setzt sie auf das bewährte Rezept vergangener Inszenierungen. Frau nehme einen Klassiker, kostümiere die Spieler in den opulenten Kostümen von Sibylle Wallum als Karikaturen, trenne die Szenen durch Blacks und bürste den bekannten Stoff etwas gegen den Strich: nicht zu heftig, um das meist konservative und ältere Publikum, das diese Stoffe von Molière über Schiller bis Lessing nun mal anlockt, nicht zu vergraueln, aber doch so, dass eine Prise Feminismus spürbar und die Frauenrollen dezent aufgewertet werden.

Dieses bewährte Erfolgsmodell versuchten Regisseurin Anne Lenk und ihr Dramaturg David Heiligers auch dem moderneren Klassiker „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams aus dem Jahr 1955 überzustülpen. Das funktioniert noch ganz gut, solange sich die ersten Szenen auf den Schlafzimmer-Schlagabtausch von Margaret (Lorena Handschin) und Brick (Jeremy Mockridge) konzentrieren. In Unterwäsche handeln die beiden ihr Beziehungsmodell und sprechen deutlich aus, was in der berühmten Hollywood-Verfilmung mit Liz Taylor und Paul Newman wegen der prüden, queerfeindlichen Regeln des Hays Conduct nur verschämt zwischen den Zeilen zu lesen war: Maggie und Brick haben sich arrangiert, leben ein freundschaftlich-platonisches Modell, leidenschaftlichen Sex hat Brick stattdessen mit seinem Sportler-Kumpel und Jugendfreund Skipper.

Sobald sich das Figuren-Panorama weitet und neben Big Mama (Miriam Maertens) noch Bruder (Jonas Hien) mit seiner Frau (Julischka Eichel) und einer ganzen Armada von Kindern auftauchen, geiern alle auf das Erbe des Patriarchen und droht der Abend mit Witzeleien und allzu stereotypen Figuren in einer Sackgasse zu landen.

Zum Glück reißt Uli Matthes, der Elder Statesman des DT, der sich fast nur noch in Lesungen und eben Neuinszenierungen von Anne Lenk die Ehre gibt, den Abend an sich. Als „Big Daddy“ tritt er zunächst wie die Karikatur des rechthaberischen, alten, weißen Mannes auf. Im Schlagabtausch mit dem Lieblingssohn Brick (Jeremy Mockridge) gelingt es beiden, dass ihre Figuren differenzierter werden und der Abend die nötige Fallhöhe erreicht. Statt Komödie wird nun Lebenslügen-Drama gespielt, Brick wird vom halbnackten Schönling zu einem Verzweifelten, der seine seelische Not offenlegt und seinem Vater mit der verdrängten Wahrheit, dass dies sein letzter Geburtstag sein wird, einen Wirkungstreffer versetzt. Vor allem wird diese zweite Hälfte aber zum großen Auftritt von Uli Matthes.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2023/12/09/die-katze-auf-dem-heissen-blechdach-deutsches-theater-berlin-kritik/
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