Pastete à la Tarantino

4. Juni 2025. Das Gefängnistheater Aufbruch ist in Berlin eine Instanz. Aber der CDU-SPD-Senat legt mit seiner Kürzungspolitik gerade die Axt an. Zeit für eine Rache-Komödie der besonders blutigen Art: "Titus Andronicus" von Shakespeare, Dürrenmatt und ein bisschen Heiner Müller.

Von Janis El-Bira

"Titus Andronicus" am Gefängnistheater Aufbruch in Berlin © Thomas Aurin

4. Juni 2025. Dies ist der Tarantino-Film unter den Shakespeare-Stücken. Von Bluttat zu Bluttat rast "Titus Andronicus", überschlägt und überbietet sich im Morden, Matern, Verstümmeln und Vergewaltigen, bis man bald schon an zwei Händen nicht mehr abzählen kann, wer hier alles bereits das Zeitliche gesegnet hat. Und ziemlich kreativ sind die Grausamkeiten obendrein. Da werden Zungen herausgerissen und Gliedmaßen abgehackt, Knochen gemahlen und Pasteten aus Menschenfleisch kreiert. Irgendwann stumpft man entweder ab, oder es kommt einem – wie bei Tarantino eben – das Lachen. Vielleicht ist "Titus" ein furchtbar schlechtes Stück – oder die erste große Groteske des Theaters.

Killer-Komödie

Als solche hat sie jedenfalls Friedrich Dürrenmatt aufgefasst, dessen Adaption die Tragödie um den römischen Feldherrn und heißspornigen Goten-Killer konsequenterweise gleich mit "Komödie" überschreibt. Für seine aktuelle Produktion hat das tolle Berliner Gefangenentheater Aufbruch eben diese Dürrenmatt-Fassung mit Shakespeares Original und dankenswerterweise nur wenigen panzerdeutschen Heiner-Müller-Sätzen aus dessen "Anatomie Titus" verschnitten, die nach alter Müller-Art stets männerchorisch gebrüllt werden müssen.

Worum es bei alledem äußerlich geht – der siegreiche Titus opfert aus Rache für eigene Verluste einen Sohn der geraubten Gotenkönigin Tamora, deren weitere Söhne vergewaltigen daraufhin Titus' Tochter Lavinia, Titus backt sodann menschlichen Kuchen aus den Tamora-Kindern und am Ende sind praktisch alle tot – ist an diesem Ort tatsächlich ein bisschen zweitrangig.

Theater in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel © Thomas Aurin

Nicht in erster Linie deshalb, weil den Knast-Männern des Aufbruch-Ensembles dabei zuzuschauen, wie sie noch die härtesten Textlern- und Verwandlungs-Nüsse mit Hingabe knacken, eh eine Freude ist. H. Peter Maier C.d.F. zum Beispiel, ein Star der Kompanie, gibt den Kaiser Saturnin als schmierigen Sonnengott mit Goldstola und einem aus den Eingeweiden des Boulevards emporrollenden Zarah-Leander-Rrrr.

Großartig auch "Norman", der als Tamora eine Rachekönigin mit Witz und Würde ist, wie man sie genau so direkt ans Stadttheater casten wollen würde. Es bleibt verblüffend, wie viel Schauspieltalent in dieser Truppe steckt – und wie geschickt sich kaschieren lässt, dass es natürlich nicht ganz gerecht verteilt ist.

Leben am seidenen Faden

Aber fast mehr noch als das scheint dieser grausliche Stoff unter dem freien Himmel eines Gefängnisinnenhofs und vor den Augen der an ihren E-Zigaretten nuckelnden JVA-Beamten mit den großen Schlüsselbunden erst ganz zu sich zu finden. Wie schnell ist doch ein Menschenleben ausgehaucht, der Körper zum Leichnam verwandelt! Wie wenig braucht es, ein Mörder zu werden! Zwei, drei präzise Schnitte oder Stiche und wieder sackt da einer in sich zusammen oder purzelt gleich von den Stufen der proto-faschistischen Ruhmeshalle von Bühnenbildner Holger Syrbe. Von den dünnen Fäden, an denen ein Menschenleben und das eigene Schuldigwerden hängen, wissen diese Männer. Davon "lebt" dieser Ort.

Für den Tarantino-Drive des Abends sorgt Regisseur Peter Atanassow indes mit fliegenden Auf- und Abtritten und auf Anschluss geschnittenen Wortgefechten. Eigentlich naheliegende und möglicherweise ja gar nicht so doofe Verweise auf unsere unironisch blutgetränkte Gegenwart, die den "Titus" in den letzten Jahrzehnten als Stück wiederentdeckt hat, spart er sich. Nur der Berliner Senat, der auch bei Aufbruch die Zuwendungen existenzbedrohend zusammengestrichen hat, bekommt einen freundlichen Seitenhieb ab.

Ort der Freiheit

So gluckst man sich meist frostigen Lachens von Leiche zu Leiche. Und zuckt am ehesten da zusammen, wo sich der Rassismus der Shakespeare-Zeit ziemlich ungebrochen über der Schwarzen Figur des Einflüsterers Aaron ergießt, auch wenn dieser am Ende als Totengräber einer römischen Republik lesbar werden mag, die sich längst selbst "barbarisiert" hat.

Zwischen "Schmerz und Lust der Verwandlung" – davon sprechen die Schauspieler in einem Moment des Rollenaustritts – fallen diese Passagen doch eher dem Schmerz zu. Aber es ist dies eben auch ein Ort, an dem die Uhren anders ticken, die Mauern dick sind und der Glaube daran groß, dass das Theater sagen und spielen lässt, was man nicht gleichzeitig meinen oder sein muss. Zwei Stunden lang ein Ort der Freiheit.

Titus Andronicus. Eine Komödie
nach William Shakespeare, Friedrich Dürrenmatt und Heiner Müller
Regie: Peter Atanassow, Bühne: Holger Syrbe, Kostüme: Haemin Jung, Dramaturgie: Franziska Kuhn, Hans-Dieter Schütt, Musikalische Leitung: Vsevolod Silkin, Choreographie: Suzann Bolick, Produktionsleitung: Sibylle Arndt, Regieassistenz: Anaïs Scheel, Kostümassistenz: Elena Chant, Technik: Moh K., Lukas Maser, Grafik: Dirk Trageser.
Mit: André S., Atak, H. Peter Maier C.d.F., Horst Grimm, Idah.J, Jan M., Jörg, Khaled H., Kristian, Marco, Medjit, Moussa, Muhammet, Norman, Oliver, Paul E., Robin, Sven.
Premiere am 3. Juni 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.gefaengnistheater.de


Kritikenrundschau 

"Genau durchgearbeitet sind Gestik und Mimik, der Ton trägt, die 66 Seiten Text sitzen. Der Auftritt des diesmal 18-köpfigen aufBruch-Ensembles kündet von sorgfältigem Handwerk", schreibt Elena Philipp in der Berliner Morgenpost (6.6.2025). Inhaltlich beziehe die Inszenierung, wie stets bei Regisseur Peter Atanassow, auch die Erfahrung der Haft mit ein.

"Die Männer auf der Bühne zeigen Unmenschliches, Barbarisches, aber sie zeigen es als absurd, ja komisch", so Ricarda Bethke und Annekatrin MückeRicarda Bethke und Annekatrin MückeRicarda Bethke und Annekatrin Mücke in der Berliner Zeitung (6.6.2025). "Sie leben sich aus in einem Freiraum, den ihnen dieses großartige Theaterprojekt hinter Gefängnismauern seit 25 Jahren bietet." Der Schlussapplaus ist lang. Und die Hoffnung groß, dass es für Aufbruch, auch mithilfe von Spenden, weitergeht.

 

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