777 / Die sieben Todsünden - Volksbühne Berlin
Sündenspiel im Kaffeehaus Größenwahn
30. November 2024. Als "Monsterwerk" wurde Adalbert von Goldschmidts Musikdrama 1876 ein Sensationserfolg. In Berlin uraufgeführt, fand es dennoch nicht den Weg in den Kanon – das wussten die organisierten Antisemiten des 19. Jahrhunderts zu verhindern. Mit Sophie Rois als teuflischer Dirigentin fand die Sünden-Allegorie nun auf die Bühne zurück.
Von Sophie Diesselhorst
Sophie Rois in "777 / Die sieben Todsünden" an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz © Johannes Jost
30. November 2024. Welch Opulenz! 142 Chorsänger*innen drängeln sich auf den Stufen zu beiden Seiten des Zuschauerraums der Berliner Volksbühne, umfangen das Publikum mit ihrer Stimmgewalt zum erhebenden Schluss des "Musikdramas" – und bekommen prompt Standing Ovations und Jubelschreie zurück. Auch wenn das "große Orchester", das Sophie Rois als launig durch das Todsündenspiel moderierender Teufel zu Beginn zum Auftritt zitierte, nur aus 60 Musiker*innen besteht – eine kleine Besetzung für einen spätromantischen Schinken wie diesen –, schwelgt man sich in der Volksbühne trotzdem in einen kollektiven Rausch.
1876 wurde das Oratorium "Die sieben Todsünden" des jüdischen Wiener Komponisten Adalbert Goldschmidt in Berlin uraufgeführt. Obwohl es ein Erfolg war, verschwand es zusammen mit Goldschmidts anderen Werken lange Zeit in der Versenkung. Christian Filips hat es jetzt wieder entdeckt und ihm gemeinsam mit der Berliner Sing-Akademie und der Volksbühne eine szenische Uraufführung beschert, die trotz unmittelbaren Auftritts von Sophie Rois erst einmal ein bisschen in die Gänge kommen muss, dann aber bald eine unwiderstehliche gesamtkünstlerische Sogwirkung entwickelt.
Genervt von Ideologie
Filips reichert die allegorische Sündenparade an mit einer Rahmenhandlung, in der Goldschmidt selbst auftritt und ästhetische Glaubensbekenntnisse spricht. Die menschheitsbefreiende Wirkung der Musik (und nur der Musik als "bedeutungslose Sprache") stand für ihn fest, und so suchte er in der Kunst die Ausflucht vor seiner Zeit und holte für sein Oratorium "die Todsünden aus der Politik in die Kunst", wie Sophie Rois als Goldschmidt anfangs trotzig ihre Motivation zum Komponieren des Stücks begründet. Der Komponist sitzt in Filips' szenischem Arrangement mit Theodor Herzl (Ariel Nil Levy), einer Pariser Kommunardin (Margarita Breitkreiz) und Wagners Tochter (Susanne Bredehöft) im Kaffeehaus Größenwahn und ist genervt von jeglicher Ideologie, die ihn da aus unterschiedlichsten Richtungen anweht.
Dann doch lieber rein in die Vollen der ewigen menschlichen Abgründe, immer mit einem halben Auge darauf, wie die Geister aus dem Kaffeehaus wohl darauf reagieren. Ihr programmatisches Aneinandervorbeireden sorgt am Anfang noch für eine etwas hölzerne Atmosphäre. Das Einsetzen des eigentlichen Oratoriums macht die Erfahrung gleich noch ein bisschen sperriger, weil man sich erst einmal an die Kunstsprache des selbsternannten "jüdischen Wagners" gewöhnen muss, während im Hintergrund auch noch die ganze Zeit Videocollagen von Adrian Terzic über die große Leinwand flimmern.
Todsünden als coole Typen
Doch spätestens wenn der Eiserne Vorhang hochgefahren ist und es auf der großen Bühne mit einem Riesenchor richtig abgeht, wenn die Gier die Massen entfesselt hat und die Versuchung in Gestalt eines riesigen Lampions ("die goldene Kugel Fortunas") über den Köpfen schwebt, kommen selbst die langweiligen Propheten aus dem Kaffeehaus richtig in Gang, auch wenn sie dabei immer ein bisschen cringe bleiben werden. "Deutschland braucht neue Helden walalawei" phrasiert Wagners Tochter (Susanne Bredehöft ist das komische Highlight der Aufführung) und die Pariser Kommunardin winkt aufgeregt der nahenden Revolution, während Theodor Herzl überall Antisemitismus sieht (und am Ende natürlich recht behalten wird).
Jubelnd von Sünden umstellt: der Chor der Menschen © Johannes Jost
Die Todsünden selbst sind hier die coolen Typen. Sie können singen und haben schimmernde Boxerkutten an, in allen Farben des Regenbogens. Kein Wunder, dass der "Chor der Menschen" beim Auftritt der Völlerei direkt anfängt zu singen "Der Kopf ist Arbeit, schwere Not – der Bauch sei unser Gott!". Belohnt wird er mit einer "teutonischen Volksspeisung", während auf der Leinwand Insta-Reels flimmern mit Menschen, die in möglichst kurzer Zeit möglichst viel in sich hineinstopfen. Das Video von Adrian Terzic wird immer variationsreicher und auch kunstvoller, je mehr Todsünden lustvoll mitmischen. In Jahrmarktsbildern verschmelzen sie alle miteinander, kurz bevor der Zorn/Fürst der Finsternis als Nummer 7 der lustigen Dekadenz ein Ende macht. "Ich ermorde die Völker" donnert Margarita Breitkreiz, als Galionsfigur auf einer Siegessäule stehend. Um sie tanzen verschiedene Gespenster, unter anderem das des Kommunismus.
Entschiedene Flucht in die Kunst
Es folgt ein Epilog, der wieder auf die Lebensgeschichte des Komponisten rückschließt. Seiner künstlerischen Karriere machte der Aufstieg der Antisemiten in Wien einen Strich durch die Rechnung, 1906 starb er verarmt und vergessen in einem Sanatorium. Aber diese Aufführung holt ihn jetzt wieder zurück und gönnt sich dann doch noch ein leichtes Ende, schickt die Moral nochmal ins Exil, um die Siegessäule erst von der Kommunardin erobern und anschließend als Rakete in den Bühnenhimmel steigen zu lassen.
Es folgt die entschiedene Flucht in die Kunst, und in den höchsten Tönen wird noch einmal Goldschmidts eben gerade noch vom Lauf der Geschichte angekratztes Credo aufpoliert: "Die bedeutungslose Sprache ist das Grab des Teufels – und der Gottheit. Sie ist das Ziel des menschlichen Willens."
777 / Die sieben Todsünden
Ein Musikdrama nach Adalbert Goldschmidt
Text & Regie: Christian Filips, Musikalische Leitung: Kai-Uwe Jirka, Bühne & Kostüme: Daniela Zorrozua, Licht: Frank Novak, Video: Adrian Terzic, Dramaturgie: Sabine Zielke, Programmvideo: Sebastian Kaiser.
Mit: Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz, Balthazar Gyan Alexis Kuppuswamy, Ariel Nil Levy, Silvia Rieger, Sophie Rois, Kammersymphonie Berlin, Haupt- und Mädchenchor der Sing-Akademie zu Berlin, Herren des Staats- und Domchor Berlin, Sänger:innen: Benjamin Bruns, Sara Gouzy, Gerrit Illenberger, Arttu Kataja,Rosa Lüttschwager, Yury Makhrov, Mima Millo, Christoph Pfaller.
Premiere am 29. November 2024
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, keine Pause
www.volksbuehne.berlin
Kritikenrundschau
"Die drei Stunden ohne Pause mit mehr als 200 Mitwirkenden hinterließen einen trotz mancher Zwiespältigkeit tiefen emotionalen Eindruck", schreibt Gerald Felber in der FAZ (2.12.2024). Die Neuerschließung Goldschmidts sei "überfällig" gewesen. Die Inszenierung des Oratoriums "wirkte als eine Art Satyrspiel zum hohen Ton des eigentlichen Stückes im Sinne dramaturgischer Abwechslung gelegentlich sinnvoll", so Felber, "inhaltlich freilich oft belehrend-bemüht". "Köstlich" sei Susanne Bredehöft als hingebungsvoll bornierte Wagner-Nachfahrin aus dem Lebensborn. "Und Sophie Rois verkörperte neben ihrer Rolle als Fürstin der Finsternis auch Goldschmidt persönlich. Sie lieferte die bezwingende Studie eines spätinfantil versumpften, aber bei aller Naivität zwischendrin schlagartig hellsichtigen Fast-Genies."
Regisseur Filips mache aus Goldschmidts Oratorium "ein gewaltiges, endlich mal wieder die Maschinerie der Volksbühne voll auffahrendes Spektakel. (...) Es zieht einem den Boden weg, so viele Darsteller, so kunstvoll choreografiert, hat man hier lange nicht gesehen", schreibt Udo Badelt im Tagesspiegel (1.12.2024). "Hemmungsloser, stehender Applaus im Saal (...) Dazu dieses Gefühl: Die Volksbühne lebt noch, oder wieder. War das der Knall, die Erweckung? Gibt es eine Kraft, die die vielen Tode, von Christoph Schlingensief, Bert Neumann, René Pollesch, das künstlich erzwungene Aus von Frank Castorf überdauert und weiterwirkt? An diesem Abend scheint es so. Vegard Vinge und Ida Müller – übernehmen Sie."
"'Todsünden' wird – anders wohl kaum auszuhalten – unter Filips’ Ironie-Puderstaub auch Trickdrama mit Videospiel-Appeal, behält aber seinen Ernst. Trotz Figuren wie aus einem Dracula- oder Dandy-Dramolett mit Bildungsglamour", schreibt Roland H. Dippel von der Neuen Musikzeitung (1.12.2024). "Die Chor-Ensembles gestalten ihre großen Auftritte mit hingebungsvoller Kraft, Energie und Brillanz." Imponierend sei auch das Ausstattungswerk von Daniela Zorrozua (physische Deko und Kostüme) mit Adrian Terzic (Video). "Was da alles passierte, ist definitiv unbeschreiblich."
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Wie ein trotziges Ausrufezeichen wirkt die Opulenz dieses genresprengenden Musiktheater-Abends unter der Regie von Christian Filips (Sing-Akademie zu Berlin). Während am Nachmittag ein Trauerzug durch Berlin zog und die Häuser seit Wochen beklagen, dass die Kürzungen des Senats zu einem Kahlschlag des Berliner Kulturlebens führen werden, stemmen Filips/Rois und Co. einen fast dreistündigen Hybrid aus Oper und Sprechtheater-Rahmenhandlung mit Mammutbesetzung, der zunächst nur 2x in der ausverkauften Volksbühne zu sehen sein wird.
Neben den Todsünden, die in szenischen Miniaturen einzeln vorgestellt werden, setzt sich der Abend vor allem mit den großen gedanklichen Strömungen des späten 19. Jahrhunderts auseinander: über Antisemitismus und Zionismus spricht Theodor Herzl (Ariel Nil Levy), die rote Fahne der Pariser Communardin schwenkt Margarita Breitkreiz und mit dem Nationalismus von Richard Wagner setzen sich zwei weitere Volksbühnen-Urgesteine auseinander: Silvia Rieger schmettert einen Monolog aus dem Rang als Wagner himself, Susanne Bredehöft hat komödiantische Auftritte als seine Tochter.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/11/30/777-die-sieben-todsuenden-volksbuehne-kritik/
Von Beginn an zog die Inszenierung das Publikum in ihren Bann. Die Zuschauer wurden buchstäblich eingekesselt, als die mächtigen Chöre von der Sing-Akademie zu Berlin und dem Staats- und Domchor an den Seiten des Saals postiert wurden. Diese Chorformationen verwandelten den Raum in ein klingendes Ritual, das den Zuschauer zugleich umschloss und mitriss. Besonders in den Bacchanalen und den dramatischen Höhepunkten – etwa bei der Sünde des „Zorns“ – entfalteten die Chöre ihre volle emotionale Kraft und ließen die Volksbühne erzittern.
Das Bühnenbild war eine Wucht für die Sinne: eine ständig wechselnde Szenerie aus Massenszenen, opulenten Kostümen und durchgängig flimmernden Videoprojektionen, die den Blick in alle Richtungen forderten. Regisseur Filips nutzte die gesamte Maschinerie des Theaters, um ein Spektakel zu schaffen, das Klang, Bild und Bewegung nahtlos miteinander verband.
Sophie Rois war der unangefochtene Star des Abends. Mit unverwechselbarem Stil und Stimme verkörperte sie die Fürstin der Finsternis und Goldschmidt selbst – eine Rolle, die sie mit scharfem Witz, subtiler Ironie und fast unheimlicher Bühnenpräsenz ausfüllte. Ihr Spiel war zugleich düster und komisch, dabei immer zutiefst menschlich.
Musikalisch war der Abend ein Meisterwerk. Kai-Uwe Jirka führte das Orchester der Kammersymphonie Berlin präzise und mit leidenschaftlicher Energie durch Goldschmidts vielschichtige Partitur. Die Chöre glänzten dabei nicht nur durch ihre klangliche Gewalt, sondern auch durch ihre Bühnenpräsenz, die sie in Massenszenen fast zu eigenständigen Protagonisten machte. Ihre Einsätze waren perfekt abgestimmt, und der Wechsel zwischen zarten, fast intimen Momenten und eruptiven Klangwellen verlieh dem Abend eine beeindruckende Dramatik.
Als die Siegessäule im Finale symbolisch als Rakete gen Himmel abhob, war die visuelle und akustische Überwältigung perfekt. Die Zuschauer, bereits von der Fülle der Eindrücke berauscht, brachen in hemmungslosen Jubel aus. Der Applaus hielt Minuten lang an, und es blieb das Gefühl, Teil eines seltenen, rauschhaften Theatererlebnisses gewesen zu sein.
777 war mehr als eine Wiederaufführung – es war ein Ereignis, das alle Sinne ansprach und die Volksbühne einmal mehr als Ort der großen Emotionen und künstlerischen Wagnisse erstrahlen ließ.
Christian Rakow hatte in der Februar-Ausgabe von „Theater heute“ ja analysiert, was der Abend von den Ursprüngen und Widersprüchen der „Utopie Israel“ im Wiener Kaffeehaus erzählt (siehe auch hier in den Kommentaren, #2 Benjamin). Zudem zieht Rakow einen interessanten Vergleich mit den Arbeiten von Florentina Holzinger: „So voll hat man die riesige Volksbühne noch nie erlebt, und auch selten so tosend und wallend. (…) Tatsächlich nimmt sich „777 / Die sieben Todsünden“ wie ein Satyrspiel zu Holzingers geradezu kunstmetaphysischer Himmelfahrtstour aus. Wiewohl es ein inverses Satyrspiel für diesen Referenzabend wäre. Denn es bezieht seinen Witz aus der totalen Steigerung, aus der nochmaligen Überbietung in puncto Manpower und aus der ungebremst ironisch ausgestellten Maßlosigkeit. Fast schon zwangsläufig sind für dieses Goldschmidt-Musiktheater nur wenige Aufführungstage angesetzt.“
Wahrscheinlich gibt es jetzt die letzte Gelegenheit… Denn wer weiß, wann die Berliner Theater sich solche Massenhappenings wieder leisten können, angesichts der Kürzungsorgien. Lesenswert ist übrigens auch das Interview, das Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung mit Sophie Rois und dem Regisseur geführt hat. Und hörenswert Marion Braschs Interview auf Radio Eins, das immer noch online steht. Hingehen lohnt sich bestimmt.