düsterer spatz am meer / hybrid (america) - Theater Bremen
Stars & Stripes im Ausverkauf
von Jens Fischer
Bremen, 26. September 2020. Irgendwann muss der Niedergang Amerikas ja mal begonnen haben, der zu einem Bildungssystem führte, das Millionen Menschen entlässt, die sich schwer bewaffnen und eine narzisstische Weißwurst auf den Präsidententhron heben. Da die mögliche Wiederwahl dieses rüden Wortführers in Sachen Nationalismus, Protektionismus und Rassismus gerade für mediale Aufmerksamkeit sorgt, ist der Zeitpunkt ideal, Armin Petras den angekündigten "Abgesang auf den US-amerikanischen Traum" seines Autoren-Alter-Egos Fritz Kater uraufführen zu lassen: "düsterer spatz am meer / hybrid (america)".
Posende Beweismittel
Groß angelegt wie in einer TV-Serie erstreckt sich diese Familiengeschichte von den 1980er Jahren bis 2015, um die Grundlagen des Trump-American-Way-of-Life zu erklären, der Geld, das eigene Ego und den eigenen Erfolg über alles stellt und die extrem ungleiche Verteilung von Reichtum, Besitz und somit eben Macht forciert. Für Petras ist das Stück geradezu ein Gegenentwurf zu den herzig lakonisch gezeichneten Kleine-Leute-Dramen, die ihm bisher immer wieder sehnsuchtsgroß und realitätsbitter gelangen. Jetzt sind die Figuren zwar ebenso unbehaust, aber nur noch Beweismittel einer in Radikalismus-Pose zelebrierten Antikapitalismus-Pädagogik, gegen die das Brecht-Theater geradezu feinsinnig ist.
Die Orte sind aber prima gewählt: ein heruntergekommenes Hotel irgendwo in Florida, eine Aussteiger-Holzhütte im Wald und ein Managerbüro völlig unproduktiv Geld verdienender Finanzspekulanten. Der Abend beginnt mit dem unflätigen Vietnamveteran John. Als physischer wie auch psychischer Kriegskrüppel ist er in einem schrill zusammengezimmerten Holzgestell in der Senkrechten fixiert. Seine Frau putzt und putzt und putzt. Die von ihr behauptete Restliebe zum Säufer-Gatten ist Unterwerfung, weil sie mit von seiner Pension lebt. Ihre Tochter Melinda spricht von Liebe als ihrem Eigentum und meint damit auch das Kapital ihres jugendlichen Körpers, mit dem sie sich einen Mann und so die Flucht aus dem elterlichen Kaff erarbeiten möchte. In Stars and Stripes gekleidet, schafft es diese Möchtegern-Miss America später tatsächlich von der beschimpften "Provinznutte" zur Millionärin – während John den sozialen Abstieg schwer verkraftet. Sein ehemaliger General zerstört dann auch noch heroische Kriegsverklärungen und all den Nationalstolz, indem er andeutet, dass die plutokratische US-Politik die Hingabe an die Interessen der sehr Reichen darstellt. Das aber herauszuarbeiten, vergisst Petras. Es bleibt Behauptung, auf die Bestrafung folgt. John bezeichnet seinen General als "Kommunistensau", wenig später tötet er ihn.
Hybride Spatzen
Ornithologe Ernest (Alexander Swoboda) bringt als Gast in Johns Hotel mit einer Lecture Performance etwas Licht ins Kryptische des Stücktitels. Der dort erwähnte Vogel ist durch Naturzerstörung für endlose Vorstadtwüsten und Straßenbauten vertrieben worden. Fast ausgestorben, soll er aber gerettet werden, indem man ihn mit anderen Spatzenarten hybridisiert. Dafür aber bekommt der Wissenschaftler kein Geld. So ist der düstere Spatz Zeichen dafür, was schief läuft in Amerika, vielleicht auch Symbol für die schwindende bürgerliche Mittelschicht. Aber gerade vorgestellt, ist der Vogel auch wieder aus dem Text verschwunden. Erst kurz vor Aufführungsende hört eine junge Idealistin noch einmal auf den Zuruf "Spatz", bevor sie dem Terrorakt eines Irakkriegsveteranen zum Opfer fällt. Gegen die Welthungerfolgen des Klimawandels hatte sie trockenheitsresistente Pflanzen gezüchtet Da die Szene in Afrika spielt, wird sie in "König der Löwen"-Art mit herumgetragenen Elefant-, Giraffe-, Savannenbaum-Prospekten illustriert. Kann Petras nicht anders oder soll das so lächerlich wirken?
Reizvoll hingegen sind ins Spiel integrierte Rockmusikattacken, wenn die zweite Hauptfigur einen bösen Gesinnungswandel vollzieht. Martin (Ferdinand Lehmann), der Johns Tochter Melinda geheiratet hat, stellt anfangs noch den materiellen, individuellen Erfolg als Kern des amerikanischen Traums infrage und will ein Buch gegen die Gesellschaft schreiben. "Plastik, Ausbeutung, Ressourcenzerstörung" sind seine Stichpunkte. Als Inspirationsquelle auf die Bühne gestellt wird Terrorist Theodore Kaczynski, der meint, "die Herrschaft des Geldes führt zur Selbstzerstörung der Menschheit". Das wird jetzt vielleicht auch Martin zu plakativ.
Auch Frauen können Raubtierkapitalismus
Wenn anschließend pillenschluckende Zaster-Junkies und zynische Gierhälse den Wettbewerb des freien Marktes als Festival befreiter krimineller Energien feiern, schaut das ein bisschen so aus wie einst DDR-Theaterabende wider den Klassenfeind. Martin hat in die Immobilienblase investiert und wettet nun darauf, dass sie platzt, gewinnt dabei Milliarden mehr als er Millionen verliert. Abgefeimt hysterisch ist das gespielt. Als Hab-Acht-Einkehr folgt die Szene einer Ehe: Melinda (Annemaaike Bakker) sucht nochmal Zugang zu Martins menschlicher Seite, sagt zu seiner Verrohung: "so bist du doch nicht". Das war es dann auch. Schon planen die Protagonisten den nächsten Coup, wollen Bodenschätze des Mondes abbauen und Space Shuttles in den Weltraum schicken – Melinda bekennt, auch Frauen können Raubtierkapitalismus.
Meist passiert in diesem Lehrtheater wenig zwischen den Figuren, alle agieren einsam und verloren. Häufig treten sie schlicht an die Rampe und sprechen ins Publikum. Während im Hintergrund Filme laufen und Lichter blitzen, muss Singer-Songwriter Miles Perkin als "Engel der Verzweiflung" traurig gucken sowie melancholische bis verzweifelte Hits der Popgeschichte anspielen. Die Produktion gönnt sich einen großen Aufwand an Schauspielern, Videofilmen und szenisch bemühter Bilderwucht für einen riesigen Aufwand an Schauspielern, Videofilmen und szenisch bemühter Bilderwucht. Mehr ist nicht. Der Text verpufft im Bühnenpomp und wird zugenebelt. Vielleicht ist mit der Vorlage aber auch gar nicht viel mehr anzufangen.
düsterer spatz am meer / hybrid (america)
von Fritz Kater
Uraufführung
Regie: Armin Petras
Filmregie: Rebecca Riedel, Bühne: Julian Marbach, Kostüme: Patricia Talacko, Musik: Miles Perkin, Director of Photography: Lio Klose, Dramaturgie: Simone Sterr.
Mit: Mirjam Rast, Annemaaike Bakker, Guido Gallmann, Shirin Lilly Eissa, Christian Freund, Ferdinand Lehmann, Alexander Swoboda, Verena Reichhardt
Premiere am 26. September 2020
Aufführungsdauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.theaterbremen.de
Kritikenrundschau
Als "recht sperrig" bezeichnet Christine Gorny von Radio Bremen (27.2.2020) das Stück. "Der amerikanische Traum stirbt hier tausend Tode. Und zwar sehr langsam. Das Publikum erfährt nichts, was es nicht schon x-mal so ähnlich gelesen oder gesehen hätte." Und die Inszenierung? "Es herrschte enormes Tempo. Phasenweise tobten sich die Akteure so richtig aus und hauten im Wortsinne auf die Tonne. Und dabei entstanden ästhetisch durchaus eindrucksvolle Bilder." Am Ende seien zwar alle Register gezogen, aber es bleibe trotzdem der Eindruck einer "überinszenierten Leere" zurück.
"Petras gelingt es, das gesamte Spiel coronagerecht frei von Körperkontakt auf die Bühne zu bringen, ohne, dass dies als unnatürlich empfunden wird – eine großartige Leistung, zu der auch das durch die Bank überzeugende Ensemble seinen Beitrag leistet", schreibt Alexandra Knief vom Weser-Kurier (28.9.2020). "Dennoch hat das Stück (knapp drei Stunden inklusive Pause) hier und da seine Längen, eine halbe Stunde weniger hätte ihm nicht geschadet. Und auch bei der Themenvielfalt wäre weniger mehr gewesen."
Benno Schirrmeister berichtet in der taz (2.10.2020) von "einer dreiminütigen Szene", die in der dreistündigen Uraufführung "lebt", wenigstens diese eine. Und das, obwohl auch hier der Text noch schlampig bleibe. Über weite Strecken verrate "die sorglose Schlampigkeit des Autors Armin Kater und die planlos wirkende Krawalligkeit des Regisseurs Fritz Petras oder vice versa Thema, Figuren und Settings des eigenen USA-Bilderbogens".
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