Lost in Transformation

9. März 2025. Paul und Paula sind wieder da. Autorin Juliane Hendes lässt ein gleichnamiges Paar in "Liebe und Plattenbauten" eine Liebesgeschichte durchleben. Nicht in der Enge der DDR, sondern modellhaft in den Wirren der Nachwendezeit bis heute. Romy Lehmann hat das Stück in Marburg inszeniert.

Von Martin Schäfer

Julianes Hendes' "Liebe und Plattenbauten" frei nach Motiven des Films "Die Legende von Paul und Paula", von Romy Lehmann inszeniert am Hessischen Landestheater Marburg © Jan Bosch

9. März 2025. Es sind die großen Fragen, auf minimalistischer Bühne. Zwei Menschen. Hervorragende Schauspieler*innen noch dazu, die die großen Widersprüche, Aufs und Abs durch die Adoleszenz und gesellschaftlichen Transformationen durchspielen. Paul und Paula, gespielt von Christian Simon und Anke Hoffmann. An Ende schlägt der eine zu. Und man könnte diese Essenz der Geschichte politisch deuten, da gerade der geographische Osten durch sein tiefblaues Bundestagswahlvotum der gesamtdeutschen Idee eine harte Klatsche gab. Doch hier geht es um zwei Individuen, die prototypisch die große politische Transformation in den Plattenbau holen.

Paul und Paula wachsen in den Neunziger- und Nullerjahren in einem beliebigen Plattenbauviertel auf. Die Elternhäuser sind brüchig. Paula wird mit 14 Jahren schwanger. Sie sprüht dennoch vor Energie, die Augen der glänzend spielenden Anke Hoffmann leuchten im prima gesetzten Bühnenlicht. Trotz Kind, das häufig bei der Mutter geparkt wird, will sie studieren. Für sie steht alles auf Aufbruch. Transformation ins Positive.

Gehen oder Bleiben?

Den ostdeutschen Landschaften steht hingegen der Abbruch bevor. Menschen suchen nach Halt, verlieren die Arbeit, gleich mehrfach hintereinander. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geht verloren und gerade die Platte, der alte, 15,2 Quadratmeter große Schutzraum vor dem sozialistischen Systemzugriff wird zur verklärten Selbstvergewisserung. Ein Grund zu bleiben, für Paul, der nicht weiß, welche Möglichkeiten er sonst hätte. Er ging zwar in den Westen zur Armee, kam zurück, nahmen den Beruf des Stahlbetonarbeiters auf, was anfänglich okay, dann aber "scheiße" war, ohne eine Entwicklungsmöglichkeit. Christian Simon spielt diesen Paul präszis, in allen Widersprüchen: deprimiert auf der Platte, euphorisch in der Disco, brutal im Streit. Wobei das Stück Im Grunde lustig ist, das Publikum lacht viel mit.

Auf und ab einer jungen Liebesbeziehung: Paula und Paul (Anke Hoffmann, Christian Simon) in "Liebe und Plattenbauten" in Marburg © Jan Bosch

Alles ist auf die beiden Schauspieler*innen mit toller Bühnenpräsenz fokussiert. Da brauchts an Kostümierung nur den Jeans-Stil der Neunzigerjahre. Nur einmal wechselt das Duo in Anzug und Brautkleid und spielt mit Bühnengebläse die klassische Titanic-Szene "Ich fliege" auf dem Klappsofa nach (Bühne & Kostüme Romy Rexheuser).

Soviel Spaß muss sein, wobei Paul und Paula wie so viele ihr Vergnügen in der Disco und in der Musik finden. Regisseur*in Romy Lehmann (geboren im geographischen Osten) und Produzent*in Demian Jakob (Musik & Video) spielen viele Songs aus damaliger Zeit ein, Ost wie West, die Puhdys, Silly, Karussell, Jennifer Lopez und mehr, was das Stück mitsamt der Tanzeinlagen von Paul und Paula zeitgenössisch schmissig macht.

Immer wieder Umbau

Die Autorin Juliane Hendes schrieb "Liebe und Plattenbauten" im Auftrag des Hessischen Landestheaters Marburg. Natürlich lehnt sich der Stoff an die Filmvorlage "Die Legende von Paul und Paula" von Heiner Carow und Ulrich Plenzdorf an. Damals subversiver Kultfilm. Die Autorin transponiert den Stoff aus damaliger Transformationszeit (die DDR war dabei sich zu stabilisieren, Plattenbauten galten als Inbegriff des sozialistischen Fortschritts) auf die zweite Transformation der Wendezeit. Sie erzählt eine große Liebesgeschichte zweier getriebener Geister, die abschnittsweise zusammenfinden, dann aber auch wieder auseinanderbrechen.

Symbolisiert wird die Transformationsarbeit der Individuen und der Gesellschaft handgreiflich auch durch das ständig umgestellte Bühnenbild. Die Plattenbaubühne besteht aus einer Fensterfront und drei Fassadenteilen auf einem Lagergestell. Zwei Bühnenmitarbeiter montieren nach fast jeder Szene die Platten um – zum Wohnzimmer, zur Außenfläche vor dem Hochhaus, zur Disco, und zurück. Bisweilen suchen die Schauspielenden den Blickkontakt zu den überall durchlaufenden Bühnentransformationsarbeitern, warten bis das Szenenbild zurecht gerückt ist. Es dauert einige Zeit, bis die Zuschauenden realisieren, dass die zwei Männer in schwarzer Handwerkerkluft zum Bild dazu gehören.

Bis zum großen Knall

Wenngleich es mit Paul zum großen Knall kommt: Das Ende des Stücks bleibt offen. Wie auch die Entwicklungen auf großer gesellschaftspolitischer Bühne offen sind. Viele der Akteur*innen des Stücks haben eine ostdeutsche Biographie. Ein nicht zu unterschätzendes Verdienst ist es, in Westdeutschland, am Hessischen Landestheater Marburg die fragilen Facetten, die Suchbewegungen, das Gehen oder Bleiben der Menschen im Transformationsmodus und die Herausforderungen wie Wagnisse bis heute zu zeigen.

Liebe und Plattenbauten
Uraufführung
von Juliane Hendes, nach Motiven des Films “Die Legende von Paul und Paula”
Regie: Romy Lehmann, Bühne und Kostüme: Romy Rexheuser, Musik und Video: Demian Jakob, Dramaturgie: Christin Ihle.
Mit: Anke Hoffmann, Christian Simon.
Premiere am 8. März 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minute, keine Pause

www.hltm.de

Kritikenrundschau

Die Inszenierung biete einigen Unterhaltungswert, schreibt Sabine Jackl in der Oberhessischen Presse (10.3.2025). Die turbulente Geschichte und schnell aufeinanderfolgende Szenen geben allerdings "nur selten Gelegenheit, innerlich Atem zu holen und einen tieferen Bezug zu den Figuren zu entwickeln". Das Stück sei bisweilen auch verwirrend in der Rollenführung, sodass es nicht über eine stereotype Darstellung der Figuren hinauswachsen könne. "Sie bleiben bei aller schöner, auch dramatischer Schauspielkunst, die Christian Simon und Anke Hoffmann auf Augenhöhe zelebrieren, eher schablonenhaft." Desto plastischer scheine der soziokulturelle Hintergrund des Geschehens auf, auch dank des hervorragend konzipierten Bühnenbilds.

"Was Juliane Hendes’ Stück so einzigartig macht, ist, dass sie das oft thematisierte Problem des sozialen Aufstiegs nicht wie üblich aus einer finanziellen Perspektive erzählt, sondern den Fokus auf die emotionalen und sozialen Aspekte dessen setzt. Die Entfremdung aus dem eigenen Milieu und der Herkunftsfamilie und den damit einhergehenden emotionalen Konflikten. Hendes bringt die Probleme des Aufstiegs auf den Punkt, veranschaulicht soziologische Theorie aufs Feinste und bettet es elegant in den Kontext der Transformationszeit der Nullerjahre ein", schreibt Elena Cardarella vom studentischen Magazin Philipp (17.3.2025).

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