Bye, bye, Peer!

19. Mai 2024. Was passiert eigentlich mit Peer Gynts Geliebter Solveig und all den anderen Menschen, die Henrik Ibsens egomanischer Dramenheld zurücklässt, während er in der Weltgeschichte herumtourt? Dieser Frage geht Markus Dietzes Inszenierung nach – und landet vergleichsweise häufig am Kneipentresen. 

Von Karolin Berg

"Nach Peer Gynt" in der Regie von Markus Dietze am Theater Koblenz © Matthias Baus

19. Mai 2024. Peer Gynt ist fort. Seine Zeit ist vorbei. Der Protagonist des gleichnamigen Stücks von Henrik Ibsen tritt nicht auf. All seine Geschichten sind erzählt, all seine Taten passiert, das Zentrum, um den sich alle drehten, ist leer.

Peer Gynt spielt in Ibsens Klassiker vielen Menschen böse mit. Mads raubt er seine Braut Ingrid, Solveig lässt er jahrelang warten. Peer kommt zu Reichtum mit Sklavenhandel und Ausbeutung, zur Rechenschaft gezogen wird er nie. Am Ende derselbe wie zu Beginn, macht er keine Läuterung durch.

Wie erzählt sich heute eine Geschichte, in der ein rücksichtsloser, narzisstischer Mann auf der Suche nach Identität sein Umfeld ausbeutet, moralisch alles in Schutt und Asche legt und am Ende keinerlei charakterliche Entwicklung vollzogen hat?

Dramatik an der Kneipentheke

Am Theater Koblenz geben, in der letzten Premiere vor der Kernsanierung des Hauses, die Autorin Deborah Kötting und der Intendant und Regisseur Markus Dietze in der Uraufführung des Auftragswerks "Nach Peer Gynt" eine mögliche Antwort: Man kann die Geschichten der Menschen erzählen, die Peer Gynt als Verlierer:innen zurücklässt, während er radikal sein Ding durchzieht.

Die dramatischsten Lebensgeschichten hocken an der Kneipentheke. Da kauert lamentierend Ingrid (Esther Hilsemer und Svea Schiedung), die "so schrecklich unverheiratet" ist, in ihrem Brautkleid und versackt schon die dritte Nacht an der Theke, während ihr eigentlich Angetrauter Mads (Jona Mues und Tizian Steffen) sie stammelnd mit dem zigsten Blumenstrauß zurückzugewinnen trachtet – erfolglos.

Nach Peer Gynt 2 CMatthiasBaus uDramatische Schicksale in Brautkleid und Schlafanzug: Das Koblenzer Ensemble © Matthias Baus

Der arme Mann, ein einziges Nervenbündel, schlägt um Hilfe bettelnd bei seinen Schwiegereltern auf – wie verzweifelt kann man sein. Doch die haben gerade ein ganz anderes Problem. Denn Ingrids gutgläubige Eltern, Marianne (Jana Gwosdek und Annika Schaper) und Dirk Hagstad (Marcel Hoffmann und Stephan Siegfried) haben einem dubiosen Investmentgauner ihr Erspartes anvertraut, den sie aber – oh Wunder – plötzlich nicht mehr an den Hörer bekommen. Das Lügen und Betrügen setzt sich auch nach Peer Gynt unnachgiebig fort.

Das Peer-Prinzip

Im auf wenige Möbel reduzierten Bühnenbild von Bodo Demelius warten die Betrogenen, die auch ein Stück vom Glück möchten oder insgeheim so sein wollen wie der Macher Gynt. Der Knopfgießer (Lukas Winterberger und Maurice Voß) und Emma Farlig haben sich das "Peer-Prinzip" zu eigen gemacht, um nicht wie die anderen dessen Opfer zu werden. Der eine dreht den Suchenden Broschüren mit verlockenden Versprechen auf Glück und Gewinn an. Die andere ist in ihrem Politikerinnenaufstieg dem Populismus verfallen und sieht in einer "strategisch ungenauen Darstellung" (ergo: Lüge) ein probates Mittel zum Machtgewinn. Hier sind die Widergänger Gynts am Werk.

Nach Peer Gynt 3 CMatthiasBaus u Ob im Wein wirklich die Wahrheit liegt? Die Koblenzer Akteur:innen auf Bodo Demelius' Bühne © Matthias Baus

Die Autorin verleiht ihren Figuren trotz allen Geschlagen-Seins eine angenehme Portion lockeren Humor. Das Außergewöhnliche der Inszenierung: Jede Figur existiert in diesem Kosmos doppelt – dargestellt von Schauspieler:innen und Puppenspieler:innen. Das ermöglicht ein sehr dichtes Erzählen. Die Doubles wirken als Kommentarspur. Allerdings erscheint die Entscheidung, ob figurativ doppelt oder im Puppen- oder Schauspieler:innen-Solo erzählt wird, willkürlich, da keine Motivation durchscheint.

Das Stück fußt auf kurzen, schlaglichtartigen Episoden. Dietze und Demelius lassen diese szenischen Bruchstücke über eine doppelte Drehbühne ineinanderfließen. Eine Illusion von Stillstand, wo der Boden in Wirklichkeit rotiert. Dass der Auslöser allen Übels nicht auftaucht, ist eine clevere Setzung. Die Leerstelle, die dadurch entsteht, wird aber nicht durch neue Dynamiken gefüllt. Es fehlt eine Triebfeder, die Handlungsstränge auf einen Konflikt zusteuern lässt. Das Erzählte könnten an diesem oder jenem Punkt abrupt enden oder einfach vor sich hinplätschern.

Weiter im Suchmodus

Die Dopplung der Figuren ist unabhängig von der Motivationsfrage als Highlight des Abends hervorzuheben: Das Ensemble spielt spartenübergreifend organisch und perfekt im Timing und ergänz sich brillant.
Am Ende sitzt Solveig (Raphaela Crossey) eingesunken am Bühnenrand, blickt über die Rampe. Sie erinnert sich an Peer, auf den sie so lange vergeblich wartete. "Du hast dich selbst nicht gefunden" hallt es in die Leere. Hinter der Gaze balanciert Solveig (Anastasiia Starodubova) vorsichtig tastend, mit einem Hauch von Leichtigkeit über die Bank, auf der sie die ganze Zeit saß. Solveig blickt Solveig fragend an. Doch auch die Zurückgebliebenen scheinen wie Peer weiter auf der Suche.

Nach Peer Gynt
von Deborah Kötting nach Motiven von Henrik Ibsen
Auftragswerk des Theaters Koblenz, Uraufführung
Regie: Markus Dietze, Bühne: Bodo Demelius, Kostüme: Bernhard Hülfenhaus, Puppenbau: Ulrike Langenbein, Verena Waldmüller, Video: Georg Lendorff, Musik: Ralf Schurbohm, Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Esther Hilsemer, Cynthia Thurat, Theresa Dittmar, Wolfram Boelzle, Raphaela Crossey, Jana Gwosdek, Marcel Hoffmann, Jona Mues, Reinhard Riecke, Lukas Winterberger
Puppenspieler:innen: Svea Schiedung, Hendrika de Kramer, Sophia Walther, Martin Vogel, Anastasiia Starodubova, Annika Schaper, Stephan Siegfried, Tizian Steffen, Dietmar Bertram, Maurice Voß
Premiere am 18. Mai 2024
Dauer: 2 Stunde 35 Minuten, eine Pause

www.theater-koblenz.de

Kommentar schreiben