Sonettfabrik - Lausitz-Festival
Was stumme Liebe schreibt
25. August 2025. Das Lausitz-Festival hat ein Faible für William Shakespeare. Regisseur Michael Sturminger nimmt sich zum Auftakt die Liebes-Lyrik des großen Dramatikers vor und inszeniert sie effektvoll in einer alten Brikettfabrik. Ein Sonett-und-Industrie-Zauber.
Von Michael Bartsch
"Sonettfabrik" von Michael Sturminger nach Shakespeare beim Lausitz-Festival © Harald Hauswald
25. August 2025. Intendant Daniel Kühnel würde es kaum verübeln, wenn man sein Lausitz-Festival auch als sächsisch-brandenburgische Shakespeare-Festtage titulieren würde. Kokettiert er doch selbst mit der jährlichen Wiederkehr einer Shakespeare-Aufführung an exponierter Stelle wie nun erneut am Eröffnungsabend des Festivals.
Wiederum bildet eine Lausitzer Industrieruine die Kulisse. Unübertrefflich erschien bislang die Telux-Glas- und Glühlampenfabrik in Weißwasser. Vor zwei Jahren wirkte der "Kaufmann von Venedig" dort noch unorganisch hineinmontiert in die Szenerie der Glasschmelzöfen. Im Vorjahr setzte aber "Othello" als immersives Theater Maßstäbe.
Nun geht es ins südbrandenburger Niemandsland nördlich von Bad Liebenwerda. Die Brikettfabrik Domsdorf, die aus Rohbraunkohle "Rekord"-Briketts für den Hausbrand presste, trägt den charmanten Namen Louise. Die 1882 in Betrieb genommenen Backsteinbauten gelten mittlerweile als die älteste noch betriebsfähige Brikettfabrik der Welt. Als Konzertsaal hatte sie das Lausitz-Festival bereits entdeckt. Nun verknüpft der gebürtige Wiener und weltweit inszenierende Michael Sturminger Shakespeares unverwüstliche Sonette mit der ebenso unkaputtbar wirkenden Kulisse der Maschinenkolosse: in der namensgebenden "Sonettfabrik".
Poetische Wanderung durch ein Industriemuseum
Wie vertragen sich die hochsensiblen, leidenschaftlichen und zarter Liebes-Logik folgenden Sonette mit den von Gesetzen der Physik und Mechanik beherrschten schlummernden technischen Monstern? Dahinter steckt die weitergehende Frage, inwieweit lyrische und literarische Texte, die doch die eigene gedankliche Imagination stimulieren sollen, überhaupt eine sinnliche Veranschaulichung vertragen.
Der berühmte Regisseur Robert Wilson steckte 2009 in Berlin Verrisse ein für seine Verstückung der Shakespeare-Sonette, der man nurmehr effektvolle Unterhaltsamkeit vorwarf. Wolfgang Engel hingegen betrat 1985 im Dresdner Staatsschauspiel Neuland, als er auf der leeren Bühne die Sonette eher artifiziell deklamieren ließ als inszenierte. Das androgyne Knistern, das erotische Pendeln zwischen "Dark Lady" und "Fair Boy" blieb gleichwohl spürbar.
Lyrik und Industriekultur: Musikerin Rino Murakami in der Kraftwerkshalle © Harald Hauswald
Nun kann es beim Lausitz-Festival in Domsdorf gar nicht genug Bühne geben. Und siehe, es passt. Michael Sturminger reizt sowohl die Spielvarianten eines szenischen Gruppenvortrages als auch das Spiel mit der Magie des Ortes gekonnt aus. Dafür teilt er den Abend: Auftakt und Finale finden im Saal statt, in der mit zwei roten Vorhängen verfreundlichten ursprünglichen Kraftwerkshalle. Eine imposante Dampfturbine am Ende des langgestreckten Saales erinnert an die Geschichte. Dazwischen liegt immersives Theater, eine geführte Wanderung in Gruppenaufteilung zu Schauplätzen der stillgelegten Brikettfabrik.
"Seht, wie das Große allzu weit verfällt"
Man hält sich eingangs selbst zum Besten, bleibt im Text des Sonetts 23 stecken: "So wie ein schlechter Spieler auf der Bühne, der voller Furcht aus seiner Rolle fällt …" Das Sommersonett 18 darf nicht fehlen, und man meint, Shakespeare habe es als eine muntere Plauderei für alle zehn Spieler geschrieben. Die können singen, Klavier, Flöte oder Geige spielen und vertonen damit zugleich, was sie sprechen. Man verfällt zuweilen parodierend in Jamben, beschleunigt über das Tempolimit hinaus oder retardiert tragisch.
Zum Sound dieser Adaption gehören Ausflüge ins englische Original und in alle möglichen europäischen Sprachen, das Sorbische eingeschlossen. Um Sound nicht nur im akustischen Sinn geht es aber vor allem bei der Museumsrunde. Inmitten der betriebsfähigen Grabmäler einer Industrieepoche bekommen Sätze wie "Seht, wie das Große allzu weit verfällt" nicht nur eine metaphorische, sondern eine konkrete Bedeutung. Eine Furie tanzt im Rotlicht auf den Kesselpumpen. Ein Paar findet sich auf einem 40 Meter langen Gang zumindest kurzzeitig.
Song und Sound des Herzens: das Ensemble in Kostümen von Marie Sturminger und Nina Samadi in der Brikettfabrik © Harald Hauswald
Diese Bilder gleiten nie ins Banal-Illustrative ab und beeindrucken die Zuschauer sichtlich. Das junge Ensemble, größtenteils aus Österreich, trägt mit einem durchweg leidenschaftlichen, intensiv charakterisierenden Einsatz dazu bei. Wie sie ausstaffiert sind, muss man nicht zwanghaft decodieren. Vom Sonett 20 inspiriert, in dem von einem Mann-Mädchen die Rede ist, wollten die beiden Kostümbildnerinnen Marie Sturminger und Nina Samadi der Schwere der Maschinen und Ruinen etwas Leichtes und Verspieltes entgegensetzen. Man sieht komponierte Anti-Kostüme, Anklänge an das Elisabethanische Zeitalter, Röckchen und Trainingsjäckchen plus Schleppe, Abendkleid mit Schulterpanzer, schlichte Nachthemden.
Das Lausitz-Festival wird besser akzeptiert
Mit diesem Eröffnungsabend und dem Programm 2025 geht das seit 2020 bestehende und lange umstrittene Lausitz-Festival einen weiteren Schritt in Richtung auf seine Anschlussfähigkeit in der Region. Anfangs als aufgesetzt und elitär kritisiert, gewinnt es an Akzeptanz und Resonanz. Und paradoxerweise mildert die Schrumpfung des anfangs mehr als vier Millionen Euro umfassenden Etats um 40 Prozent die Neidgefühle in der nicht gerade zum Golde drängenden Lausitz. Liebe und Vergänglichkeit, Shakespeares Generalthemen gelten indessen immer. "Was stumme Liebe schrieb, lerne es zu lesen!"
Sonettfabrik
von Michael Sturminger nach Sonetten von William Shakespeare
Konzept und Regie: Michael Sturminger, Bühne und Licht: Paul Sturminger, Manuel Biedermann, Kostüme: Marie Sturminger, Nina Samadi.
Mit: Wojo van Brouwer, Crispin Hausmann, Rino Murakami, Jan Henri Müller, Leonie Pum, Claudia Renner, Klaudia Sobota, Flo Sohn, Leonard Tondorf, Sarah Wockenfuß
Premiere am 24. August 2025
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause
In der ehemaligen Brikettfabrik "Louise" Domsdorf, Koproduktion des Lausitz-Festivals mit dem Max Reinhardt Seminar Wien und dem Salzburg Global Seminar Schloss Leopoldskron sowie mit dem Freundeskreis Brikettfabrik Louise
www.lausitz-festival.eu
Kritikenrundschau
Angetan berichtet Georg Kasch in "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (24.8.2025) über den Abend. Die Räume der Brikett-Fabrik würden "sehr schön genutzt"; das Finale besitze "eine rhythmische Kraft"; es gäbe aber auch "ganz wunderbare stille Momente"; "und wenn sie dann davon sprechen, nur weiterzuleben, weil der Geliebte sonst allein zurückbliebe, dann ist das äußerst berührend".
"Schön gespieltes Volkstheater" sah Thomas Klatt in der ersten halben Stunde des Abends und schreibt in der Märkischen Oderzeitung (26.8.2025) über den weiteren Verlauf: "Die Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten sich ab an der Shakespeare’schen Lyrik und spielen sich hinein in das schwere Eisen des industriellen Zeitalters. Es zischt und rattert, die angeworfene Brikettierpresse macht einen Lärm, der mit den Zeilen des Dichters eine mystische Verbindung eingeht."
Vorberichte zum Programm des diesjährigen Lausitz-Festivals gibt es im Fernsehen rbb|24 und im MDR.
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