Ist ein Arzt im Saal?

30. März 2025. Die chilenische Autorin Nona Fernández dreht in "Molière - Der eingebildete Tote" an den Rädchen: Argan ist wirklich tot und der Dichter begleitet als Geist das Weitermachen. Alejandro Quintana inszeniert das als richtig gut gemachte Komödie über die finale Frage: Wieviel Einfluss hat man über den Tod hinaus?

Von Vincent Koch

Nona Fernández' "Molière - Der eingebildete Tote" von Alejandro Quintana am Theater Rudolstadt inszeniert © Anke Neugebauer

30. März 2025. Der Abend beginnt mit einem Schrei. Die Bedienstete Toinette stößt ihn aus. Denn längs auf dem Diwan liegt Argan, die Hauptfigur aus Molières Stück "Der eingebildete Kranke". Soweit, so kanonisch: Der reiche Argan stellt sich bekanntermaßen nur tot und löst den Täuschungsversuch gegenüber Frau und Tochter am Ende der Szene wieder auf. Waschechte Theaterfreaks wissen natürlich, dass Jean-Baptiste Molière die Figur des Argans zu Lebzeiten, also im 17. Jahrhundert, selbst spielte. Unzählige Male gemeinsam mit seiner Kompagnie, und vor einem Publikum, das ihm an den Lippen hing.

Plötzlich mausetot

Im Lustspiel der chilenischen Autorin Nona Fernández‘, das in Rudolstadt zur deutschen Erstaufführung kam, haben wir es also zunächst mit einer klassischen Theater-im-Theater-Szene zu tun. Nur bleibt Molière bei Fernández in besagter Szene einfach mausetot liegen – als kleine Verschiebung seines tatsächlichen Todes kurz nach der vierten Vorstellung. Da rollt die Kompagnie auch schon den Sarg auf die Bühne (auf der sonst nur eine weitere kleine Bühne mit Vorhang steht) und schluchzt in einer Tour. Wie weitermachen, wenn der eigene Dramatiker, Theaterdirektor und die größte Rampensau der Truppe nicht mehr unter den Lebenden ist?

In diesem skurrilen Moment passiert dann etwas, das der Stücktitel "Der eingebildete Tote" schon impliziert: Molière himself kommt aus einer mit Kerzen verzierten Tür gehopst. Mit ihm erscheint auch Madeleine, seine langjährige Lebensgefährtin. Während die allerdings kapiert, dass Molière jetzt als Geist durch die Szenerie tapsen wird, versteht er überhaupt nicht, was da von statten geht. Er will seinen eigenen Tod nicht wahrhaben, weshalb Madeleine erstmal den Sarg aufklappen und ihm seine Leiche präsentieren muss.

Moliere 1200 Ensemble AnkeNeugebauerKomisches Schluchzen in "Molière - Der eingebildete Tote", Molières Geist steht im Schlafrock schon dabei © Anke Neugebauer

Der ganze Witz der Komödie ist dann im Grunde, dass die Kompagnie irgendwie versucht, weiterzumachen, Molière im Schlafrock danebensteht, und versucht, in die Handlung einzugreifen. Was aber nicht funktioniert, da ihn seine ehemaligen Mitstreiter*innen weder hören noch sehen können. Also erklärt er sie kurzerhand für verrückt.

Chaos und Ränkespiele

Regisseur Alejandro Quintana bringt das Ensemble dieser Geister-Komödie sofort auf eine schön-schrille Betriebstemperatur. Die Kompanie arbeitet akribisch daran, Kontakt mit dem Verstorbenen aufzunehmen. Kurzerhand beraumen sie eine urkomische, spiritistische Sitzung ein, malen einen weißen Kreis auf den Boden und binden sich rotes Garn um die üppigen Barock-Klamotten. Am Ende bekommt das Medium zwar einen Würgeanfall, aber in einer Zwischenwelt landet niemand.

Als die Truppe ein Jahr nach Molières Tod den eingebildeten Kranken wiederaufnimmt, reißt sich der Baron die Hauptrolle unter den Nagel und spielt eine Szene mit unzähligen Bahnen Klopapier als Requisit. Ein Darsteller hat sich derart volllaufen lassen, dass er quer über die Bühne torkelt, während die anderen versuchen, ihn mit Papp-Bäumchen abzudecken. Molière steht kopfschüttelnd daneben und schimpft es "finsterste Provinzkacke".

Moliere 1200 Gaida.Kahl AnkeNeugebauerKomisch-egomanisches Paar: Rayk Gaida als toter Molière, Franka Anne Kahl als Madeleine © Anke Neugebauer

Handwerklich ist dieser Abend richtig gut gemacht. Das Ensemble ist durchgängig auf Zack und wirft sich in herrlichem Tempo diese kurzen, auf Pointe geschriebenen Sätze zu. Was sich allerdings schnell erschöpft, ist das inhaltliche Futter des Abends. So halluziniert der Spieler im Alkoholrausch und denkt, dass er Molière und seiner Frau gegenüberstehen würde, was die beiden natürlich kurzzeitig freut. Es scheint allerdings so, als wäre ebenjene Kontaktaufnahme das einzige Ziel des Texts. Die Storyline um den Schuldenberg des Theaters hat sich auch schnell auserzählt. Und dann wird schon wieder zur Kiste mit den Spirituosen gegriffen. Den Toten begegnen lässt sich nur, so scheint es hier, wenn man säuft.

Einfluss über den Tod hinaus

Und Molière und Madeleine? Die versuchen immer noch, die Handlung nach ihren dramaturgischen Vorstellungen zu verändern. Die Beziehung der beiden offenbart allerdings auch die egomanischen Charakterzüge Molières. "Eine Frau als Dramatikerin?", schimpft er. Madeleine lässt das allerdings nie so stehen, sondern schmettert zurück: "Ich hab' immer die Ideen, du Rindvieh von Regisseur." Hier und da hätte man sich zum Beispiel noch ein paar mehr dieser biografischen Referenzen gewünscht, weil man sich so auch fragt: was macht Molière eigentlich so interessant, dass wir ihm einen ganzen Abend widmen müssen?

Nona Fernández‘ Antwort ist eine übergeordnete, denn der letzte Teil hebt diese historische Figur nochmal auf eine neue Ebene. Die üppigen, barocken Kleider sind Strickpullovern, Converse-Schuhen und runden Hipster-Brillen gewichen. Eine Regisseurin bittet das Ensemble zur Probe auf die Bühne. Technobeats, flackernde Leuchtröhren, rhythmische Sprache. Molière ist ins Jahr 2025 katapultiert worden und sieht sogenanntes modernes Regietheater. Und da kann er dann plötzlich doch mit dem Team reden, zum Beispiel darüber, warum Argon eine Frau spielen würde, er hätte es doch nur für einen Mann geschrieben? Woraufhin sie lachen und fragen, ob er denn den Autor persönlich kenne?

Gemeinschaftserlebnis

Schließlich ist es also doch ein versöhnlicher Abend darüber, was die Zeit an Stoffen überdauert und warum uns das Theater noch fasziniert. Und dass wir unseren Tod zwar nicht umkehren können, aber unser Geist nicht einfach verschwindet. Klar, ein bisschen dünn kann man diese Sache nennen, ein bisschen zu klamaukig. Aber da erinnert sich der Autor dieser Zeilen an die Person hinter ihm, die noch vor Stückbeginn zu ihrer Sitznachbarin sagte: "Ich habe gerade keine Hoffnung auf die Zukunft und deshalb bin ich hier". Warum also nicht einfach für einen Abend mal nur das Gemeinschaftserlebnis namens Theater feiern, Leute?

Molière – Der eingebildete Tote
Lustspiel von Nona Fernández, Deutsch von Friederike von Criegern.
Deutsche Erstaufführung.
Regie: Alejandro Quintana, Regiemitarbeit: Luis Quintana, Bühne und Kostüme: Mathias Morgenstern, Dramaturgie: Oliver Mörchel.
Mit: Rayk Gaida, Franka Anne Kahl, Klaudia Raabe, Marcus Ostberg, Ulrike Gronow, Anne Kies, Johannes Arpe, Jochen Ganser.
Premiere am 29. März 2025
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater-rudolstadt.de

Kritikenrundschau

"Ein wirklich kurzweiliges, witziges und temporeiches Lustspiel hat die chilenischen Gegenwartsautorin Nona Fernández da geschrieben", lobt Ulrike Kern in der Ostthüringer Zeitung (31.3.2025). Alejandro Quintana bringe es "als ausgelassenen Theaterspaß" auf die Bühne. "Mal derb, immer rasant und mit einem furios aufspielenden Ensemble." 

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