Grand Finale - Theater Basel
Totgesagte leben länger
2. November 2025. Ein spektakulärer Exodus auf der Bühnen-Showtreppe, ein populistischer Bürgermeister, der das Theater wegsparen will, ein Maskenbildner, der zum Bestattungsunternehmer umsattelt: In Philipp Stölzls Meta-Musical über das Theater, den Tod und das große Drama dazwischen sitzt jeder Ton und jeder Effekt.
Von Andreas Klaeui
"Grand Finale" in der Regie von Philipp Stölzl am Theater Basel © Ingo Höhn
2. November 2025. Das Leben nach dem Tod ist großes Theater. Jedenfalls wenn wir dem Basler "Grand Finale" Glauben schenken wollen. Da wartet wie in Goethes "Faust" ein himmlischer Theaterdirektor auf das Check-in der Sterblichen. Aber auch schon vor der Wolken-Bar mit Themencocktails geht es überaus dramatisch zur Sache im noch diesseitigen Aufbahrungsraum, einer Art Limbus zwischen Tod und definitivem Weggang durch Kremation oder Beerdigung. Da siedeln die Geister; und da siedelt das Basler Musical.
Totgesagte leben länger, scheint sich das Theater in Zeiten wegfallender Unterstützung und zunehmender Attacken zu sagen. Wobei gerade das Musical als Format doch seit längerem zu den Untoten zählt. Hier wird es von Regisseur Philipp Stölzl, Komponist Christoph Israel und Autor Jan Dvořák so makaber wie respektvoll wiederbelebt.
Vom Theater zum Bestattungsunternehmen
Eliza Castafiore stirbt den großen Operntod ausgerechnet beim beabsichtigten Comeback. Die Sängerin mit dem beziehungsreichen Namen – wie Eliza Doolittle, die "My Fair Lady", und Bianca Castafiore, die Operndiva aus "Tim und Struppi" – stürzt angetrunken und effektvoll die Showtreppe hinunter in den Orchestergraben, eine Pauke muss ebenfalls daran glauben.
Weil das produzierende Theater eh schon ramponiert ist, kein Geld hat und der populistische Bürgermeister (Klaus Brömmelmeier) nur auf einen Vorwand wartet, um den ungeliebten Budgetposten zu streichen, sucht die Intendantin (Carina Braunschmidt) eine gleichermaßen pragmatische wie verschleiernde Lösung und ruft den ehemaligen Maskenbildner Giulio (Stefan Kurt) zu Hilfe, der nach dem Abgang vom Theater ein Bestattungsunternehmen mit dem Namen "Little Shop of Sorrows" gegründet hat. Schminke ist Schminke, wird er sich gesagt haben.
Welcome to the "Little Shop of Sorrows": Stefan Kurt waltet seines Amtes als Bestattungsunternehmer © Ingo Höhn
Wie es das Leben beziehungsweise die genrespezifische Logik will, verbindet ihn mit der Castafiore mehr als Make-up: Ihrer Aura wegen ist er zum Theater gegangen, ihrer Allüren wegen vom Theater auch wieder weg. Vor allem aber vermag er mit den Geistern der ihm anvertrauten Toten zu reden und so auf ihre letzten Wünsche angemessen einzugehen.
Wobei diese auch untereinander Konversation betreiben. So lernt die Castafiore in Giulios Kühlraum den Unfalltoten Deniz (Pasquale Aleardi) kennen, der gestorben ist, bevor er seiner unehelichen Tochter Luna (Yasmin Yüksel) die Vaterschaft eröffnen konnte. Was auf der Ebene der Lebendigen ermöglicht, dass Giulios Praktikant in Halbgefangenschaft, Philippe (Camillo Guthmann), und Luna sich ineinander verlieben.
Hipster-Invasion und Theatertrauerfeier
Was wiederum auf der Ebene der Toten dazu führt, dass sich die Castafiore und Philippes Zellengenosse kennenlernen, der die Basellandschaftliche Kantonalbank überfallen hat und im Showdown in einen von Giulios Särgen flieht, in dem er stirbt. Praktischerweise darin aber auch die erbeutete Million hinterlässt, die die Lebendigen nur zu gut brauchen können. Zum Beispiel um Giulios Shop vor einer Hipster-Invasion zu retten und um der Castafiore eine pompöse Theatertrauerfeier zu sichern.
Da glitzern also zum Schluss wahrhaftige Elefanten auf der Bühne und der Taj Mahal im Taschenformat, und auch die große Showtreppe kommt nochmal zum finalen Einsatz. Die Liebe zur Revue, zur großen Show, und zwar der ganz großen, trägt viel zum Charme dieses Basler Meta-Musicals bei. Das die Form feiert und uns zugleich ihrer Unmöglichkeit versichert. Stefan Kurts Giulio, der "Sad Old Man", ist das Gegenteil eines genreüblichen Lebemanns, trotzdem gelingt ihm – und dem Basler Musical im Ganzen – das Paradox, gerade im Abwegigen den Geist (um es mal so zu sagen) der Form präzis und gleichwohl neu gedacht zu treffen. In durchaus pietätvollen Ruhemomenten, im Traueraffekt, in der Behauptung der Show als wahre Lebensrealität.
Behauptung der Show als wahre Lebensrealität: Das Basler Ensemble auf Philipp Stölzls Bühne © Ingo Höhn
Kulturpolitische Tagesreste, die Stölzl und Dvořák ebenfalls aufgreifen, wirken dabei eher schwerfällig. Etwa, dass das Theater wie in Görlitz-Zittau seinen Namen an eine Staubsaugerfirma verkaufen will ("I-Dust, die neue Dimension des Saugens" in Anlehnung an Loriot) oder dass der Bürgermeister das Stadttheater am liebsten schließen würde – zumal in der Stadt Basel, wo das Theater noch starken Rückhalt in der Bevölkerung und der Politik genießt. Der Überfall auf die Basellandschaftliche Kantonalbank wiederum ist lustig, weil der Landkanton sich stets damit schwertut, die kulturelle Zentrumsfunktion der Stadt mitzutragen.
Zwischen Frank Sinatra und Jacques Demy
Philipp Stölzl ist ein Könner, jede Szene hat Rhythmus, jeder Effekt sitzt, die zwei gegenläufigen Drehbühnen im Großen Basler Haus dynamisieren das Setting schön widersinnig, und das gemischte Ensemble mit Schauspiel-, Opern- und Musical-Hintergrund kann darin aufblühen. Komponist Christoph Israel hat eine jazzige Musik geschrieben, die sich an die Musical-Tradition anlehnt, in einem Spektrum zwischen Frank Sinatra und Jacques Demy, diese aber auch bricht und den Abend quasi durchkomponiert trägt. Es wäre verwunderlich, wenn die eine oder andere Nummer daraus nicht zum Hit würde!
Grand Finale
Ein Geistermusical
Von Philipp Stölzl, Christoph Israel und Jan Dvořák
Idee und Story: Philipp Stölzl, Musik: Christoph Israel, Buch: Jan Dvořák, Musikalische Leitung: Thomas Wise, Inszenierung und Bühne: Philipp Stölzl, Bühnenbildmitarbeit: Franziska Harm, Kostüme: Kathi Maurer, Lichtdesign: Cornelius Hunziker, Chorleitung: Michael Clark, Dramaturgie: Benjamin Wäntig.
Mit: Elissa Huber / Irina Simmes, Stefan Kurt, Camillo Guthmann, Pasquale Aleardi, Carina Braunschmidt / Wanda Wylowa, Klaus Brömmelmeier, Yasmin Yüksel, Vivian Zatta, Sonja Koppelhuber, Janus von Stülpnagel / Jeremias Frisch, Frauke Willimczik, Teddy Métriau, Gabriel Courvoisier, Kathrin Signer, Nicolas Dill, Chor des Theaters Basel, Statisterie des Theaters Basel, Jazzorchester "Grand Finale".
Uraufführung am 1. November 2025
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
www.theater-basel.ch
Kritikenrundschau
"Das Musical sucht nach Verbindungen zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod, aber auch zwischen Fiktion und der schnöden Realität", schreibt Georg Rudiger in der Badischen Zeitung / Südkurier (3.11.2025). Die Idee zu dem Stoff hatte Stölzl nach dem Tod seines Vaters. Das persönliche Erlebnis, mit Toten noch kommunizieren zu können, ist der theatralische Ausgangspunkt für "Grand Finale". Die originelle, in einzelnen Szenen auch mitreißende und berührende Produktion werde am Ende vom Basler Publikum gefeiert. "Dennoch merkt man dem Abend an, dass er als gemeinsame Stückentwicklung, als Work-in-progress entstanden ist." Es fehlt die richtige Balance zwischen Musik und Text. Die Geschichte mäandere zu häufig, anstatt auf klare Höhepunkte zuzusteuern.
"Nach dem 'Grand Finale' lebt das innovative Musicaltheater weiter. Zumindest in Basel," schreibt Manuel Brug in der Tageszeitung Die Welt (3.11.2025). Das Musical erzähle von der Resilienz des grandios beschworenen Theaterzaubers, "personifiziert durch die leider dem Alkohol verfallene, gleich zwei mythische Musiknamen vereinende Diva Eliza Castafiore. Die stürzt zum Stückauftakt und Ende ihrer Comeback-Premiere, den einzigen Showhit 'Das ist das Leben, das bunte Leben' kaum intonierend, über die Revuetreppe in den Orchestergraben. Exitus und vorbei. Einige Zuschauer in der ersten Reihe wollen diesen phänomenalen Stunt gar nicht glauben, stehen auf und sehen im Instrumente-Orkus nach dem Rechten."
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