Halluzinationen - Schauspielhaus Zürich
Wenn das Buzzword dreimal flimmert
2. März 2025. Was passiert, wenn selbst die KI nicht weiter weiß? Das malt sich in ihrem neuen Stück "Halluzinationen" die Dramatikerin Maria Ursprung aus. Helge Schmidt inszeniert die Uraufführung.
Von Leonard Haverkamp
"Halluzinationen" von Maria Ursprung am Zürcher Schauspielhaus © Gina Folly
2. März 2025. Wenn ChatGPT die Antwort nicht kennt, erfindet die KI eine. Scheinbar gibt es dafür einen Fachbegriff – "Halluzination" nennt man die falschen Informationen und Interpretationen, die künstliche Intelligenz mitunter ausspuckt, weiß die Stückbeschreibung auf der Webseite des Schauspielhaus Zürich. Für diese artifiziellen Verschiebungen der Realität scheint sich die Schweizer Dramatikerin Maria Ursprung zu interessieren, zumindest widmet sie sich ihnen in ihrer Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Zürich. Die Uraufführung in der kleinen Schiffbau-Matchbox übernimmt Helge Schmidt.
Tropfende Gedanken
Zwei Sitzreihen, maximal, säumen den kleinen Raum. In der Mitte ein Klavier, verhangen von einem Mobile aus runden Scheiben: ein paar aus Spiegelglas, andere milchig, einige aus Eis, das bald zu tropfen beginnt (Bühne & Kostüme: Anika Marquardt & Lani Tran-Duc). An den Tasten sitzt Frieder Hepting, der dazu nicht nur singt, sondern auch die KI spricht, auf dem Mikro am Klavier liegt dann ein Stimmverzerrer, wie man sich ihn vorstellt. Geschaffen hat die KI die Programmiererin Sera (Carla Richardsen). Ihr ist sie eine Art unsichtbarer Freund, bis die KI ein Eigenleben entwickelt und selbst schöpfen möchte – um nur einen der Gedanken zu nennen, die in kreativen Verhandlungen des Themas langsam wirklich Binsen sind.
Eigentlich programmiert Sera für ein Unternehmen, das mit KI die Echtheit von Kunstwerken zertifiziert (die NFT-Diskurse lassen grüßen). Und kümmert sich obendrein um ihre Mutter (Catriona Guggenbühl), die Angst hat, dass am Computer alles verschwindet, wenn sie das Falsche drückt. Seras Bruder (Daniel Lommatzsch) war früher Zocker, ging dann als Programmierer nach Kalifornien – oder doch zur Front, wie er später der Mutter gesteht? (Man würde denken, das seien die beiden möglichen Berufswege von hieraus.)
Alles nur gepromptet?
Es ziehen sich so einige Ungereimtheiten durch diesen Abend. Während Sera ein Large Language Model programmiert, auf das OpenAI neidisch wäre, scheint sie immer mehr Halluzinationen zu erliegen. Nicht nur die Geister, die sie rief, werden bockiger. Auch ihr analoges Leben entzieht sich ihrer Kontrolle. Hat sie ihren Bruder gesehen? Der doch eigentlich in den USA ist. Menschlicher Irrtum sei wahrscheinlicher, findet der artifizielle Kompagnon. Dann ist ihr Bruder aber doch da und hat schon seit Wochen die Mutter gepflegt, was doch eigentlich Sera tut. Für eine amüsante Portion Verwirrung sorgt Thomas Wodianka, der als Nachbar immer wieder ungerufen in der Wohnung der Mutter auftaucht, und findet, dass das WLAN außerhalb der Wohnung der Eigentümer öffentliches Gut ist.
Live-Musik Frieder Hepting, Thomas Wodianka © Gina Folly
"Entwirf, bitte, ein zeitgenössisches Theaterstück", diesen Prompt gibt sich Ursprung selbst (und schickt ihn ihrem Theatertext voraus). Oder hat sie ihn einer KI gegeben? Die Regieanweisungen kokettieren jedenfalls mit den Antworten, wie sie moderne Sprachmodelle geben: "Hier ein Vorschlag eines Prologs / einer Szene…". Und durchaus könnte hier eine KI am Werk gewesen sein. Sagt man dieser doch nach, im Grunde gar nichts Neues schaffen zu können, nur Bestehendes neu zusammenzusetzen. Eine Kritik an den Plattitüden der KI-Diskurse, wie sie vor allem im Kulturfeld zwischen Existenzängsten und Arroganz gegenüber dem dummen Apparat geführt werden? Dafür gibt es wenig Anzeichen.
Wenn die KI zu singen beginnt
Das liegt auch daran, dass Schmidt den Fiebertraum quasi super-realistisch inszeniert. Jedenfalls gibt Carla Richardsens Spiel keinen Hinweis darauf, dass es eigentlich um eine überarbeitete Programmiererin geht, die nebenbei ihre Mutter pflegt und bei alledem ein paar Dinge durcheinander bringt. Statt einer Setzung, wie dieser Text zu verstehen ist, beginnen die Spielenden plötzlich zu singen. Und immer wieder wird das Spiel durch Expert*innen der ETH Zürich unterbrochen, die auf ein paar Flimmerkisten (vielleicht ein Verweis, wie alt das Thema im Grunde schon ist?) und an eine Wand projiziert völlig zusammenhangslos Inputs zum Thema KI geben.
Wie auch am Ende, als alle Spielenden sich ein Mikro schnappen und sogar die KI einstimmt in einen Singsang aus nichtssagenden Buzzwords: "Eine Farbe, Eine Zahl, Eine Zelle, Eine Spiegelreflexion…" Für eine letzte Verwirrung sorgt dann eine der Expert*innen mit dem Schlusswort: Man könne die KI natürlich so programmieren, dass sie sich selbst zerstört – "aber was, wenn sie sich doch nicht selbst zerstört?"
Halluzinationen
von Maria Ursprung
Regie: Helge Schmidt, Bühne & Kostüme: Anika Marquardt & Lani Tran-Duc (Atelier LANIKA), Musik: Frieder Hepting, Video: Jonas Plümke, Licht: Rasmus Stahel, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Carla Richardsen, Catriona Guggenbühl, Daniel Lommatzsch, Thomas Wodianka, Frieder Hepting. Expert*innen der ETH Zürich: Dr. Sarah C. Brüningk, Adrian Notz, Jennifer Victoria Scurrell.
Uraufführung am 1. März 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus.ch
Kritikenrundschau
"Maria Ursprung und Helge Schmidt haben einige originelle Ideen in die Inszenierung investiert", schreibt Ueli Bernays in der NZZ (3.3.2025). Allerdings kranke der Abend "zum einen daran, dass multimediale Konzepte die ohnehin ärmliche Handlung weiter ausbremsen". Mehr noch aber fehle es der Inszenierung "an erzählerischer Spannung und psychologischer Tiefenschärfe". Die Dialoge seien "so oberflächlich und banal, dass auch das Rollenspiel nicht in die Gänge kommen kann", seufzt der Kritiker.
"Die Einblicke in den Kunstbetrieb bleiben klischiert und in Zeiten von Kryptokunst auch weit hinter der Realität zurück. Maria Ursprung will zu viel und schafft zu wenig, das Feld ist zu gross und wurde von anderen schon weit fruchtbarer bearbeitet“, so Andreas Klaeui auf SRF2 (4.3.2025). Die Regie bekomme zudem die verschiedenen Ebenen des Stücks nicht voneinander abgesondert. "Die Figuren entwickeln keinen Charakter. Der Abend bleibt eintönig und repräsentiert vor allem eins: unsere Ratlosigkeit gegenüber dem Thema Künstliche Intelligenz."
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