Bis der Senat das Licht ausknipst

27. März 2025. Im Herbst 2024 kündigte der Berliner Senat ohne Vorwarnung zum 1. Januar 2025 massive Kürzungen im Kulturhaushalt an. Die prägenden Theaterhäuser der Hauptstadt haben damals auf unsere Nachfrage die drohenden Folgen für ihre Insitutionen vermessen. Nun haben wir nochmal nachgefragt: Wie sieht es für sie jetzt, drei Monate nach Inkrafttreten der Maßnahmen, aus?

Gesammelt von Elena Philipp, Christian Rakow, Esther Slevogt und Christine Wahl

Berliner Kultur unterm Spardiktat – Bild: ChatGPT gepromptet von sle

27. März 2025. Kürzungen von rund zehn Prozent zum 1. Januar 2025 standen im vergangenen Herbst im Raum. Den schlecht kommunizierten, brachialen Eingriffen in die Berliner Kulturlandschaft folgten nach massiven Protesten vereinzelt Nachjustierungen.

Doch grundsätzlich hat sich am radikalen Sparkurs wenig geändert. Vor sechs Monaten fragten wir an prägenden Häusern nach, wie sie das Sparvorhaben jeweils einschätzen, ob sie Einsparpotenziale sehen und was sie von der Politik erwarten.

Jetzt, drei Monate nachdem die Sparmaßnahmen in Kraft getreten sind, haben wir noch einmal gefragt: wie wirken sich die Einsparungen auf den Alltag, auf die Arbeit der jeweiligen Häuser aus? Welche Maßnahmen mussten ergriffen werden? Wie wird unter den gegenwärtigen Bedingungen auf die Zukunft geschaut?

Der kurze Weg zu den Statements der Häuser: Ballhaus Ost | Berliner Ensemble | Deutsches Theater | GRIPS Theater | Hebbel am Ufer (HAU) | Maxim Gorki Theater | Schaubühne | Sophiensaele | Theater an der Parkaue | Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

 

Ballhaus Ost

Programmteam Ballhaus Ost

Wir haben erst seit März final Gewissheit darüber, dass unser institutioneller Zuschuss in diesem Jahr nicht gekürzt wird. Das war einerseits erleichternd, vor allem wenn man sieht, wie hart manche Bereiche und Projekte schon in diesem Jahr von den Kürzungen betroffen sind. Aber auch für uns hat allein schon die späte Entscheidung zu enormen Schwierigkeiten geführt. Eine Programmplanung zu machen, wenn man so lange nicht weiß, wie man den ganzen Betrieb kalkulieren soll, ist maximal herausfordernd.

Von manchen Projektkürzungen sind auch wir bereits direkt betroffen. Zum Beispiel wurde ein Programm für den Aufbau der digitalen Infrastruktur in Kultureinrichtungen abrupt beendet. Wir mussten einem Mitarbeiter kündigen, dessen Stelle über das Programm gefördert war. Als Haus stehen wir im Bereich Digitalisierung nun vor einem Haufen begonnener und nicht zu Ende geführter Prozesse. Wir wissen noch nicht, wie wir verhindern können, dass das zu einer digitalen Bauruine wird.

Inzwischen wurden ja im Senat weitere Kürzungen im Doppelhaushalt 2026/2027 "Top-Down" entschieden. Diese Kürzungen müssen strukturell und nicht wie in 2025 zu einem erheblichen Teil durch Einmaleffekte erbracht werden. Deshalb, das wurde uns bereits klar signalisiert, werden auch wir ab dem kommenden Jahr von Kürzungen betroffen sein. Wie wir diese Kürzungen ausgleichen sollen, ist für uns weiterhin ein großes Rätsel. Das Ballhaus Ost hat keine planmäßigen eigenen Programmmittel. Unser gesamtes Programm wird über Drittmittel aus Projektförderungen finanziert, bei denen ebenfalls Kürzungen zu erwarten sind. Wir haben einen winzigen Stellenplan. Ein großer Teil unserer jährlichen Förderung geht in die Miete für die private Immobilie, in der sich unser Theater befindet. Wie sich die Mieten im Zentrum Berlins entwickeln, wissen alle, die in letzter Zeit mal versucht haben, dort eine Wohnung zu finden.

Große Sorge bereitet uns, dass erneut nicht wirklich klar ist, wie und durch wen am Ende über Kürzungen im Berliner Kulturbereich entschieden wird. Es ist zu befürchten, dass sich manche Prozesse, wie sie im Zusammenhang mit dem letzten Nachtragshaushalt abgelaufen sind, wiederholen. Dort wurden wesentliche Entscheidungen getroffen, ohne die Perspektiven der Betroffenen oder die Expertisen von z.B. Fachpolitiker*innen oder der Berliner Kulturverwaltung überhaupt einzubeziehen.

Das sind Dynamiken von Kannibalisierung, die sich hier bereits abzeichnen.

Am herausforderndsten ist die Situation schon jetzt für die freien Künstler*innen und Gruppen, mit denen wir arbeiten. Dort erleben wir sehr viel Verunsicherung und Verzweiflung. Gerade konnten sich Gruppen auf die 2jährige Basisförderung der Berliner Kulturverwaltung für die Jahre 2026/2027 bewerben. Das ist eine Grundförderung für Gruppen mit sehr etablierten Arbeitsstrukturen. Eine Förderung wie die Basisförderung ist nötig, um Kofinanzierungen für Projekte z.B. beim Bund zu beantragen. Aufgrund der Unklarheit, ob und in welchem Umfang ab 2026 noch Haushaltsmittel für die Basisförderung existieren werden, soll es Förderentscheidungen zu dem Programm – wenn überhaupt – frühestens im Dezember 2025 geben. Abgesehen davon, dass an diesen Förderungen Existenzen hängen: Wie sollen Künstler*innen und Häuser unter solchen Voraussetzungen planen?

Bei anderen Förderprogrammen wie dem Hauptstadtkulturfonds wird bereits sehr spürbar, wie sich die schon erfolgten Kürzungen bei großen Institutionen auswirken. Diese Einrichtungen wollen ihre Sonderprojekte natürlich weiterhin machen, sind dafür aber nun stärker auf Projektförderungen angewiesen. Die Projekte freier Gruppen, die in direkte Konkurrenz mit den Vorhaben der Institutionen treten, sind häufig die Leidtragenden. Das sind Dynamiken von Kannibalisierung, die sich hier bereits abzeichnen.

Berliner Ensemble

Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles

Um die uns auferlegten Sparziele zu erreichen, wurden verschiedene Maßnahmen getroffen, die zu einer Erhöhung der Einnahmen führen sollen: Bei Neuproduktionen werden ein bis zwei Endproben zu öffentlichen Proben oder Voraufführungen, wir setzten vermehrt Doppelvorstellungen an und erhöhen außerdem die Anzahl unserer Gastspiele. Bei einem gleichbleibenden Stellenschlüssel ist diese Mehrbelastung für die Mitarbeiter:innen allerdings nur bis zu einem gewissen Grad umsetzbar.

Wir begrüßen daher, dass Kai Wegner den Dialog mit den Kulturschaffenden der Stadt Berlin aufgenommen hat

Darüber hinaus versuchen wir im Bereich des Marketing kreative Einnahmequellen zu finden wie beispielsweise die einmalige Übernachtung auf unserer Bühne und der neu eingeführte Pop-Up Shop, der immer am letzten Samstag im Monat stattfindet, oder der Verkauf einer Kunstedition von Christoph Niemann. In dieser Spielzeit vermieten wir außerdem in den Theaterfeien unser Neues Haus an die Komödie am Kurfürstendamm und können auch damit zusätzliche Einnahmen generieren.

Gleichzeitig werden wir in den nächsten beiden Spielzeiten bis zu fünf Produktionen weniger machen, um in unserem künstlerischen Etat Geld einzusparen.

All dies wird allerdings nicht ausreichen, sollten sich die geplanten Kürzungen langfristig verstetigen, wie zuletzt von Seiten der Kulturpolitik angekündigt. Wir begrüßen daher, dass Kai Wegner den Dialog mit den Kulturschaffenden der Stadt Berlin aufgenommen hat und derzeit die Senatsverwaltung gemeinsam mit den Kultureinrichtungen an konstruktiven und umsetzbaren Lösungen arbeitet.


 

Deutsches Theater 

Iris Laufenberg, Intendantin des Deutschen Theaters

Wie geht es uns drei Monate nach Beginn des Spar-Traumas?
Aktuell sind wir von der Verwaltung des Senats für Kultur aufgefordert, ein Selbstmordszenario zu entwerfen. Nichts anderes ist die Aufforderung, in den laufenden beiden Spielzeithälften des Jahres 2025 die Summe von 1,588 Millionen Euro einzusparen.

Was setzen wir dieser Forderung entgegen? Ein breitflächiges Sparszenario, das über das laufende Haushaltsjahr bis 2030 die Möglichkeit entwirft, trotz der abrupten Kürzungsaufforderung ein Überleben des Deutschen Theaters Berlin zu ermöglichen. Unser Fünf-Jahres-Plan ermöglicht es, diese Kraftanstrengung aus dem Deutschen Theater selbst zu stemmen – sofern die Kürzungen nicht konzeptlos weitergehen. Wenn der politische Wille ist, die Institutionen umzustrukturieren, dann ist das ein gemeinsamer 10-Jahres-Plan. Die Kultur-Gespräche mit dem Regierenden Bürgermeister könnten in diese Richtung weisen.

Für die aktuellen Sparforderungen seitens der Senatskulturverwaltung haben wir mannigfaltige Maßnahmen ergriffen, u.a. die Premierenanzahl von 29 auf 18 Neuinszenierungen in der nächsten Spielzeit gekürzt. Das klingt immer noch viel, ist aber für drei Bühnen im Repertoirebetrieb mit bildungskulturellem Auftrag das zum Überleben nötige Basisprogramm. Und künstlerisch wirklich riskant. Dieses künstlerische Risiko, also zum finanziellen Erfolg verdammt zu sein, gehen wir angesichts der Haushaltssituation ein. Wir müssen es.

Traurigerweise bleiben Nachwuchs-Künstler*innen schon am Beginn ihrer Laufbahn auf der Strecke: es wird in der Box kaum noch Angebote für junge Regie-Teams geben. So etwas wie unsere gefeierte Inszenierung "Vertikale Wale" von Milena Michalek über Freundschaft und Liebe in der Box: nicht mehr vorgesehen. Auch freie Schauspieler*innen finden immer weniger die Möglichkeit, als Gast Teil eines solchen Traditionshauses zu sein. Allerdings bestehe ich darauf, an Kooperationen mit der Freien Szene und kleineren Partner*innen aus Berlin festzuhalten. Dafür muss so ein Haus einfach weiterhin stehen.

Wir sind vom Senat aufgefordert 1,588 Millionen im laufenden Jahr zu sparen. Einfach so, ohne Plan und Konzept. Das bedeutet: Spiel-Aus! Das DT wäre tot. Wir wollen aber leben.

Leider lädt eine Zeit der Ressourcenarmut Menschen dazu ein, Vergleiche anzustellen. Die sind zwar einfach zu verstehen, entsprechen im Ergebnis aber nicht der Realität. Unsere Kartenpreise sind im obersten Segment im Vergleich mit anderen Theatern gleich. Aber: Rund 25 Prozent unserer Eintrittskarten gehen derzeit an ein jugendliches und junges Publikum, zu einem reduzierten Eintrittspreis – wie sollen wir uns das in Zukunft noch leisten können?

Zum tieferen Verständnis: Das Deutsche Theater hat mit DT Jung* eine Sparte, die in der Stadt Berlin Menschen vor allem zwischen 14 und Ende 20 anspricht, das Theater als Schauende, aber auch als Mitmachende kennen zu lernen. Zwei dieser Premieren werden von diesen Menschen gestaltet, flankiert von Jugendclub-Inszenierungen, Workshops und vielen weiteren Angeboten. Dazu gibt es die bereits erwähnten günstigen Karten für das gesamte DT-Programm. Das schafft über die Jahrzehnte, in denen es diese Sparte gibt, nicht nur einen festen kulturell gebildeten nachwachsenden Publikumsstamm. DT Jung* ist einer der Pulsschläge dieser Stadt und schließt die Angebots-Lücke zwischen den tollen Berliner Kinder- und Jugendtheatern und den hier vorhandenen großen Häusern. Auch die Politik fordert immer wieder, wir sollen uns mit dem Publikum von morgen beschäftigen angesichts einer immer älter werdenden Publikumsstruktur an allen Häusern – aber dafür braucht es die Möglichkeiten dieser Sparte.

Kommen wir aber wieder zum von mir zu Beginn genannten Selbstmord: Wir sind vom Senat aufgefordert, 1,588 Millionen im laufenden Jahr zu sparen. Einfach so, ohne Plan und Konzept. Das bedeutet: Spiel-Aus! Das DT wäre tot. Wir wollen aber leben. Also: Wir spielen weiter, mit Plan, Konzept, auf Sicht, mit Erfolg. Bis der Senat uns das Licht ausknipst.

GRIPS Theater

Philipp Harpain, Leiter GRIPS Theater gGmbH, und Andreas Joppich, Geschäftsführer

Die Zukunft der Kinder- und Jugendtheater in Berlin: Ein Kampf um finanzielle Stabilität

Die prekäre Situation der Kinder- und Jugendtheater war dem Senat im Dezember 2024 erfreulicherweise bewusst, weshalb die institutionell und konzeptgeförderten Häuser wie GRIPS, Parkaue, Atze und Strahl von den Kürzungen bei den Kürzungen ausgenommen wurden. Auch wurde versucht, für die Häuser der freien Szene eine Perspektive zu ermöglichen, was bisher nur zum Teil gelang.

Auch im GRIPS Theater sind die Kürzungen in diversen Bereichen von Kultur und Bildung massiv spürbar. Das Einfrieren der institutionellen Förderung auf einen Status Quo sowie die Streichung und Einkürzung vieler Zusatzförderprogramme treffen das Haus hart. Auch die massiven Kürzungen bei Partnern aus dem Kultur- und Bildungsbereich wirken sich indirekt auf das GRIPS Theater aus.

Seit der Corona-Krise wurde trotz erheblicher Inflation die jährliche institutionelle Förderung des Kultursenats nicht ausreichend angeglichen, auch ein Inflationsausgleich blieb aus. Diese Deckelung der Mittel stellt de facto eine Kürzung dar. Um mit dem vorhandenen Etat auszukommen, muss das GRIPS bereits 2025 schon Stellen einsparen. Konkret wurde das Ensemble von 13 auf 12 feste Schauspielende verkleinert, eine halbe Technik- und eine halbe Theaterpädagogikstelle gestrichen, zudem fällt eine zusatzfinanzierte IT-Stelle weg.

Neben dem fehlenden Inflationsausgleich kann das GRIPS auch mit dem Status Quo seines Etats nicht mit der Lohnentwicklung mithalten und ist so kaum mehr konkurrenzfähig bei Bewerbungen. "Gerade im Kinder- und Jugendtheaterbereich mit der besonderen Verantwortung gegenüber seinem Publikum ist hochqualifiziertes Personal essentiell,"betont Andreas Joppich, Geschäftsführer am GRIPS Theaters. "Doch das Personal muss von seinem Gehalt leben können und die Gehaltserhöhungen müssen finanziert werden. Die Grenzen eines Status-Quo-Haushalts sind hier deutlich."

Neben den Gehaltskosten müssen auch Produktionen finanziert werden. Mit dem aktuellen Etat sind jedoch nur noch zwei größere und eine kleine Produktion pro Jahr möglich, benötigt werden jedoch fünf Premieren pro Spielzeit. Zwei bis drei müssten also über Drittmittel zusatzfinanziert werden. Doch angesichts der massiven Kürzungen im gesamten Kulturbereich steigt die Konkurrenz um diese Fördermittel enorm. Die Wahrscheinlichkeit, ausreichend Produktionszuschüsse zu erhalten, wird immer geringer.

Als Kinder- und Jugendtheater arbeitet das Haus nicht nur mit freien Trägern im Kulturbereich, sondern auch mit Partnern im Bildungsbereich zusammen. Hier wurden Projekte um bis zu ein Drittel zusammengestrichen.

Darüber hinaus wurden Programme gekürzt, mit denen Stellen und Infrastrukturprojekte finanziert wurden, etwa um das Theater zukunftsfähig digital aufzustellen. Neben der halben Stelle des IT-Administrators fallen so dringend benötigte digitale Entwicklungsprojekte weg. Zukunftsfähig wird das Haus so nicht bleiben können.

Auch die Kürzungen bei langjährigen Projektpartnern betreffen das GRIPS direkt. Als Kinder- und Jugendtheater arbeitet das Haus nicht nur mit freien Trägern im Kulturbereich, sondern auch mit Partnern im Bildungsbereich zusammen. Hier wurden Projekte um bis zu ein Drittel zusammengestrichen. Konkret trifft das langjährige Programme wie TUSCH – Theater und Schule und TUKI – Theater und Kita, aber auch viele Sozialarbeitsstellen in Schulen. Im Zweifelsfall fällt der Theaterbesuch als Teil der kulturellen Bildung weg.

"Selbst wenn das GRIPS Theater keine direkten Budgetkürzungen in 2025 hatte, treffen die Einsparungen in Kultur und Bildung das Haus schwer. Die Überlegung, dass der Status Quo eines Hauses ausreichend ist, funktioniert nicht", fasst Philipp Harpain, Leiter des GRIPS Theaters und Initiator des Bündnis #BerlinIstKultur zusammen. "Berlin steht kulturpolitisch an einem Wendepunkt und muss entscheiden, ob auch in Zukunft Kultur ein starker Bildungs- und Standortfaktor sein wird. Die Politik muss dafür jetzt klare Entscheidungen treffen, um diese Strukturen langfristig zu sichern, sowohl im Kinder- und Jugendheater als auch bei allen anderen Kultureinrichtungen Berlins!"

 

HAU Hebbel am Ufer

Annemie Vanackere, Intendantin und Geschäftsführerin des HAU Hebbel am Ufer in Berlin

Wie geht es dem HAU? Als Zwangsoptimistin sage ich: Prinzipiell immer gut, solange wir unser Programm machen können. Und das können wir im Moment, auch wenn die sehr späten Haushaltsentscheidungen uns vor einige Herausforderungen gestellt haben und immer noch stellen. Zugleich antworte ich auch: Weiter angespannt. Denn Bundesmittel des Bündnisses internationaler Produktionshäuser sind zwar in letzter Minute für die erste Jahreshälfte 2025 noch organisiert worden, aber weniger als halb soviel wie bisher als Überbrückungshilfe bis eine neue Regierung und mit dieser ein echter Haushalt für 2025 stehen wird. Und was 2026 werden wird, ob die neue Bundesregierung für ein Transformationsinstrument der deutschen Theaterlandschaft wie das Bündnis interessiert werden kann?

Bezüglich der Berliner Landesmittel für das HAU, ist es so, dass im Dezember die angekündigte große Kürzung, dank der Unterstützung der Parlamentarier*innen, zurückgenommen wurde. Eine große Erleichterung. Anfang März haben wir nun eine Inaussichtstellung – das ist kein verbindlicher Bescheid! – über die institutionelle Landeszuwendung 2025 erhalten, die vorsieht, dass das HAU 2025 im Wesentlichen weiter wie bisher gefördert wird, aber ohne Anpassungen, u.a. an höhere Facility-Management-Kosten oder und ohne die wichtige Unterstützung für digitale Resilienz, die es in den letzten zwei Jahren gab.

Für 2026 und 2027 und all die Jahre danach ist nichts gewiss. Nichts, außer dass in der Kultur gespart werden muss. Von 5 bis 20 Prozent ist die Rede. Wie hart es das HAU genau treffen wird, werden wir leider viel später erfahren. Aber weil ich für das HAU fürchte, dass wir vorerst ohne Bundesmittel werden auskommen müssen (und das reduziert unser Budget allein schon um mehr als 500.000 € pro Jahr), tut jeder Euro Landesmittel, der zusätzlich gespart werden muss, doppelt weh.

Das ist katastrophal. Für die ganze Freie Szene in Berlin, die neben der Arbeitsraumförderung und der Förderung der Mindesthonorare nun auch noch so die Planungssicherheit verlieren wird.

Meine größte Sorge für die Zukunft ist diesmal nicht der Rasenmäher, sondern die Ungleichbehandlung zulasten der Schwächeren. Schon jetzt beunruhigt mich sehr, dass die Basisförderungs-Entscheidungen erst zum Jahresende 2025 getroffen werden sollen. Das ist katastrophal. Für die ganze Freie Szene in Berlin, die neben der Arbeitsraumförderung und der Förderung der Mindesthonorare nun auch noch so die Planungssicherheit verlieren wird. Auch das HAU ist auf diese Zusagen angewiesen, weil diese Projekte in unseren Spielplan eingepasst werden müssen.

Es sind genau solche Differenzierungen, die in den Sparmaßnahmen berücksichtigt werden müssten, auch im Kulturdialog-Prozess, der vom Regierenden Bürgermeister angestoßen wurde, und in dem er und die Staatssekretärin glaubwürdig dargestellt haben, dass es der Regierung ein Anliegen ist, dass nicht zu viel kaputt geht, dass die Schwächsten geschützt werden sollen und dass wir gemeinsam das verhindern wollen. Ich bin dabei.

Maxim Gorki Theater

Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters

Das Maxim Gorki Theater ist unter allen besonderen Fällen ein spezieller. Seit Beginn meiner Intendanz 2013 habe ich mindestens 1,5 Millionen Euro Drittmittel pro Jahr eingeworben, um unser Programm gestalten zu können und den Etat des Hauses auskömmlich auszustatten. Wir haben jahrelang wiederholt auf die fehlenden Mittel und das bestehende Defizit hingewiesen, die erfolgten Erhöhungen in den ersten zehn Jahren glichen gerade so Inflation und Kostenerhöhungen auszugleichen. Zuletzt ist es Ende 2023 zunächst gelungen, für den Doppelhaushalt 2024/2025 eine Million Euro pro Jahr als Zuschusserhöhung zu erwirken. Mit diesem Geld konnten wir erstmals einem Landestheater angemessen arbeiten. Doch genau diese Million ist jetzt durch die Kürzungen wieder weg.

Bereits im Haushalt 2022/23 vor der Million mussten wir aufgrund der finanziellen Situation interne Sparpläne umsetzen und weitreichende Maßnahmen ergreifen. Unter anderem haben wir benötigte Stellen zunächst nicht nachbesetzt und haben von den üblichen zwölf Premieren auf acht Premieren auf der großen Bühne reduziert. Zur ursprünglichen Premierenanzahl sind wir nie zurückgekehrt.

Die erstrittene zusätzliche Million Euro haben wir in 2024 für Personal sowie für den Eigenanteil zur Finanzierung des Berliner Herbstsalons, die Nachwuchsförderung im Studio Я sowie Diskursveranstaltungen genutzt.

Die seit Jahren und aktuell sehr guten Auslastungszahlen und damit die Einnahmesituation helfen uns in der momentanen Lage sehr. Sie sind neben den Drittmitteln von 1,5 Millionen auch im Jahr 2025 das zweite Standbein zur Kompensation. Allerdings können wir nur mit Hilfe der von uns gebildeten Rücklagen einmalig die gestrichene Förderung ausgleichen. Die fortbestehenden und womöglich zusätzlichen Kürzungen bedeuten für die nächsten Jahre voraussichtlich auch Personalabbau, weil das künstlerische Programm und insbesondere die Nachwuchsförderung und Kooperationen mit freien Künstler*innen reduziert werden müssen und Diskursveranstaltungen und Sonderprogramme nicht mehr stattfinden können.

Auch deshalb findet in 2025/26 der siebte und letzte Berliner Herbstsalon am Gorki statt.

Schaubühne am Lehniner Platz

Thomas Ostermeier, Künstlerischer Leiter und Regisseur der Schaubühne

Wir haben wegen der Kürzungen für dieses Jahr zwei Produktionen gestrichen, unser Studio geschlossen und die Preise in den oberen Kategorien erhöht. Das schmerzt uns sehr. Und es schmerzt unser Publikum. Diese Maßnahmen haben uns erstmal vor einer drohenden Insolvenz bewahrt, sie sind aber keine dauerhafte Lösung. Wir produzieren weniger und müssen dabei unsere Einnahmen steigern. Das bedeutet für die Kolleg_innen im Haus einen enormen Druck.

Mit dem Studio verlieren wir einen Ort für den Nachwuchs. Für unsere Zukunft. Wir spielen für Berlin, wir spielen für die Menschen dieser Stadt und all seine internationalen Gäste. Kultur ist das Herz dieser Stadt. Die Kürzungen für 2025 wurden uns Ende letzten Jahres über Nacht mitgeteilt. Wie es 2026 weitergehen wird, steht in den Sternen. Ich hoffe sehr, dass dem begonnen Dialog mit dem Regierenden Bürgermeister auch Taten folgen.

 

Theater an der Parkaue 

Christina Schulz, Co-Intendantin des Theaters an der Parkaue (Junges Staatstheater Berlin)

Die anstehenden Kürzungen wirken sich auf das gesamte Theater und alle Abteilungen aus. Dabei hatten wir sogar das Glück, dass die für 2025 zunächst geplanten 10 Prozent Kürzungen im November zurückgenommen wurden. Das war ein wichtiges Signal für die Bedeutung kultureller Teilhabe und für uns als Kinder- und Jugendtheater, das ohnehin strukturell unterfinanziert ist.

Trotzdem zeigen unsere Gespräche mit der Kulturverwaltung, dass Kürzungen auf uns zukommen werden – nur in welcher Höhe, wissen wir noch nicht. Das ist ein kräftezehrender Zustand, vor allem mit Blick auf das aktuelle Jahr. Seit November 2024 entwerfen wir verschiedene Szenarien, überprüfen Fix- und Produktionskosten und bereiten uns vorsorglich so gut es geht auf eine veränderte Haushaltssituation vor.

Wir mussten vorausschauend schwierige Entscheidungen treffen, die nötig waren, weil wir per se strukturell an der Grenze arbeiten, was Personal, Ausstattung und Finanzen betrifft. Jede Kürzung geht damit direkt an den Kern unserer Arbeit, zumal wir Einnahmen nicht durch höhere Eintrittspreise erhöhen können.

Für unser Publikum am stärksten spürbar sind Entscheidungen im Programm. Dabei bewegen wir uns im Kinder- und Jugendtheater in einem besonderen Feld: Unser Spielplan ist ein fein gewebtes Netz für alle Altersklassen, von den Allerkleinsten bis zu den jungen Erwachsenen. Jede Streichung hat gravierende Folgen für die jeweilige Zielgruppe. Bereits in dieser Spielzeit haben wir die für Juli 2025 geplante Uraufführung "Space Explorers" (8+) abgesagt.

Die Auswirkungen auf die kommende Saison sind noch drastischer: Wir haben die Zahl der Premieren auf vier halbiert. Davon wird nur eine Neuproduktion auf der großen Bühne herauskommen, was angesichts dessen, dass wir diese erst im November 2024 wiedereröffnet haben, besonders bitter ist. Zwei Produktionen sind zum größten Teil drittmittelfinanziert. Ohne diese Förderungen wäre die Situation prekärer. Zudem prüfen wir genau, wie viele Vorstellungen von Repertoirestücken mit künstlerischen Gästen wir uns leisten können – mit unmittelbaren Auswirkungen auf Freiberufler*innen und die Freie Szene Berlins, die von Aufträgen abhängt.

Im Bereich Vermittlung und Partizipation ringen wir um die Realisierung jedes einzelnen Projektes und Kinder- und Jugendclubs. Gesichert sind aktuell nur die drittmittel-finanzierten Clubs. Andere Angebote, wie unser Projekt "REALTALK" in Berlin-Hellersdorf, mussten wir einstellen, da die Finanzierung der Jugendkulturinitiative weggefallen ist.

Es gibt im Grunde keine Möglichkeit mehr, weiter zu sparen, ohne direkt an die Substanz zu gehen. 

Um weiterhin eine breite Teilhabe zu ermöglichen, arbeiten wir u.a. an Konzepten für Teilhabefonds und solidarische Preise. Und gleichzeitig nehmen wir wahr, wie die kulturelle Arbeit für und mit jungen Menschen in Berlin insgesamt zurückgedrängt wird. Dabei wollen wir weiter verlässliche Partner sein.

Bei den Betriebskosten gibt es kaum noch Einsparpotenzial – steigende Energie- und Materialkosten setzen uns schon seit einiger Zeit unter Druck. Trotzdem durchforsten wir seit November erneut kleinteilig jeden Bereich, von den Verträgen mit dem Immobilienträger BIM über Telefonkosten oder Leuchtmitteln bis hin zu den Reinigungsintervallen.

Im Marketing verzichten wir aktuell u.a. auf einen gedruckten Programmleporello und setzen Stadtverteilungen aus, um zu sparen. Dabei ist gerade die Sichtbarkeit unserer Arbeit in der Stadt immens wichtig, wenn wir über die Öffnung von Theater nachdenken.

Sparmaßnahmen betreffen auch unser Personal. Frei werdende Stellen besetzen wir, sofern nicht absolut dringend notwendig, nicht sofort nach. Dabei arbeitet die Parkaue schon seit Jahren in einer sehr schlanken Struktur. Wir sind im Verwaltungsverbund mit dem Deutschen Theater für Personal, Finanzen und IT, lassen die Bühnenbilder im Bühnenservice arbeiten und haben keine eigenen Werkstätten, bis auf eine kleine Kostümwerkstatt. Wir bespielen drei Bühnen, haben einen eigenen Vermittlungs- und Partizipationsbereich – und machen all das mit 112 Mitarbeiter*innen. Da gibt es im Grunde keine Möglichkeit mehr, weiter zu sparen, ohne direkt an die Substanz zu gehen. 

 

Sophiensaele

Jens Hillje, Künstlerischer Co-Leiter der Sophiensaele

Durch die extrem späten und unklaren Kürzungsentscheidungen des Kultursenats, die erst jetzt im März 2025 für uns feststehen (12.500 €) ist eine unnötige und in ihrer Wirkung katastrophale Planungsunsicherheit entstanden.

Konkrete Auswirkungen im Alltag waren z.B. im Hinblick auf die letzte Ausgabe der Tanztage Berlin zu sehen. Die Tanztage sind mit ihrer Auslastung von 100 % ein enorm erfolgreiches Festival für den choreografischen Nachwuchs in Berlin. Die vollen Wartelisten mit über 400 weiteren Besucher*innen zeigen, dass das Interesse des Publikums auch an einem größeren Angebot vorhanden ist. Stattdessen mussten wir aber das Gegenteil machen: weniger Premieren und kleinere Formate produzieren. 

Die Kürzungen beeinträchtigen auch unsere Fähigkeit, international zu agieren – insbesondere bei der Koproduktion von Arbeiten im Ausland, aber auch bei der Beteiligung an langfristigen Projekten mit verschiedenen institutionellen Netzwerken, die verlässliche Partnerschaften erfordern.

Die Kürzungen im Kulturetat potenzieren sich im Hinblick auf unser Programm, da auch die Künstler*innen und freien Gruppen von Einsparungen bei Förderungen betroffen sind. Um überhaupt handlungsfähig zu bleiben, sind wir schon jetzt gezwungen vermehrt Vermietungen durchzuführen. Die Räumlichkeiten lassen sich aber nur einmal belegen, das heißt: Mehr Vermietungen bedeuten weniger Vorstellungen und ein kleineres Angebot für Berlins Kulturlandschaft.

Statt uns auf die Organisation eines Jubiläumsprogramms vorzubereiten, das diesen historischen Ort feiert, müssen wir uns auf eine existenzbedrohende Situation einstellen.

Die große Herausforderung, dass durch die Planungsunsicherheit Stellen nicht mehr nachbesetzt werden können, beschäftigt uns bereits jetzt. Die Digitalisierung der kleinen Theater war das erste Sparopfer. Besonders brisant wird es bei dieser Frage für uns zum Jahresende und im Hinblick auf 2026. Gleichzeitig haben wir auch immer größere Schwierigkeiten Personal und damit wertvolles Wissen bei uns zu halten. Die Anpassung der Gehälter an die Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst ist für uns momentan undenkbar und wäre auch nicht wirtschaftlich seriös. Wir müssen ja damit rechnen, dass die Tarifsteigerungen den Sparmaßnahmen im kommenden Jahr zum Opfer fallen werden.

Für die Sophiensæle bedeuten die aktuell angekündigten Sparmaßnahmen von 5 bis 20 Prozent für 2026 eine mögliche Katastrophe im 30. Jubiläumsjahr des Hauses. 1996 wurden die Sophiensæle als freies Theater von Künstler*innen für Künstler*innen gegründet und machen seitdem ein von vielen Berliner*innen und Gästen von außerhalb geschätztes Angebot in einem einzigartigen Gebäude.

Statt uns aber auf die Organisation eines Jubiläumsprogramms vorzubereiten, das diesen historischen Ort feiert, müssen wir uns auf eine existenzbedrohende Situation einstellen. Die Ankündigung, dass wir einen endgültigen Bescheid für 2026 erst im Dezember erhalten, macht eine Planung unmöglich. Bereits 2023 hat der Senat die strukturelle Unterfinanzierung der Sophiensæle anerkannt. Es ist aber völlig unklar, auf welchen Stand sich das angekündigte Sparvolumen bezieht. Im schlimmsten Fall würde die Kürzung sogar über 20 Prozent betragen, das wäre das Aus für das Theater.

 

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 

Celina Nicolay, künstlerische Betriebsdirektorin der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Da die Volksbühne am Rosa-Luxemburg absurderweise bei der Reduzierung der Kürzungen nicht berücksichtigt wurde, ist der schlimmste denkbare Fall eingetreten und das Haus muss mit einer Budgetkürzung in Höhe von zwei Millionen Euro für das Haushaltsjahr 2025 planen. Um das Sparziel zu erreichen, haben wir zwei Produktionen auf der Großen Bühne gestrichen und alle variablen Budgets für 2025 um zehn Prozent gekürzt. Dies betrifft z.B. Gagen für freie künstlerische Mitarbeiter:innen, produktionsbezogene Sachkosten und Werbemaßnahmen.

Trotz dieser harten Einschnitte lässt sich nur mit diesen Maßnahmen das Sparziel aber nicht erreichen. Wir hoffen daher, zusätzlich auf einen Teil der Rücklagen zugreifen zu können, um die Drastik der Einsparungen und die direkten Auswirkungen auf das Programm abzumildern. Der Zuwendungsbescheid, der dies bestätigt, steht allerdings noch aus.

Die finanzielle Notlage wird sich auch drastisch auf die künstlerischen Spielräume für Matthias Lilienthal auswirken, der mit der Spielzeit 2026/27 seine Intendanz beginnt.

Gleichzeitig sind wir mit Kostensteigerungen in allen betrieblichen Bereichen konfrontiert, die bereits ohne die Kürzungen schwer zu schultern sind. Die aktuelle Struktur der Volksbühne als Repertoire-Haus mit festem Ensemble und mehr als 700 jährlichen Vorstellungen in allen Spielstätten droht, massiv ins Wanken zu geraten.
Fest steht: Wenn 2026 und 2027 in der gleichen Höhe eingespart werden muss, werden sogar die Rücklagen, die 2025 noch eingesetzt werden könnten, aufgebraucht sein. Davon abgesehen ist der Zweck von Rücklagen nicht die Deckung von Kürzungen, sondern sie sind für Situationen gedacht, die aus dem laufenden Budget nicht aufgefangen werden können.

In diesem Zusammenhang kann erwähnt werden, dass die Volksbühne nach wie vor keinen barrierefreien Zugang hat, die Beleuchtung dringenden Investitionsbedarf erfordert, der nicht aus den planmäßigen 28.000 € für Investitionen pro Haushaltsjahr gedeckt werden kann, der Mietvertrag für die Probebühnen absehbar enden wird usw.

Somit wird sich die finanzielle Notlage auch drastisch auf die künstlerischen Spielräume für Matthias Lilienthal, der mit der Spielzeit 2026/27 seine Intendanz beginnt, auswirken.

Hier geht es zu den Statements der Berliner Theater und Produktionshäuser vom Oktober 2024.

Kommentare  
Berliner Bühnen zum Spardiktat: Ins Gespräch
Vielen Dank. Gute Aktion von der Redaktion, mal wieder nachzufragen. Wir müssen mit den Trägerin verstärkt ins Gespräch kommen. Kostspielig sind wir als Bühnen allemal. Und es ist das Geld der Steuerzahler, das wir ausgeben, um Kunst zu produzieren. So wie andere Institutionen Wichtiges machen: Schulen, Kitas und Hochschulen.
Berliner Bühnen zum Spardiktat: Offener Brief
An den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner
An den Berliner Senat
Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt

28. März 2025

Betreff: Kürzungen im Kulturbereich – ein Spiel mit dem Feuer

Sehr geehrter Herr Wegner,
sehr geehrte Mitglieder des Senats,

die aktuellen Kürzungen im Berliner Kulturbereich wirken nicht nur wie ein fiskalischer Akt der Vernachlässigung, sondern entfalten längst politische Symbolkraft – in die völlig falsche Richtung.

Wer die Theaterlandschaft dieser Stadt kaputtspart, erfüllt exakt jene kulturfeindlichen Fantasien, wie sie von der AfD und anderen rechten Kräften seit Jahren propagiert werden: Die Schwächung kritischer Künste, die Aushöhlung diskursiver Räume, der Rückzug von Öffentlichkeit. Die Budgetkürzungen, die inzwischen nicht nur einzelne Projekte, sondern die Substanz der Häuser bedrohen, sind faktisch eine schleichende Entkernung der Demokratie.

Was bedeutet es, wenn Theater keine neuen Stücke mehr entwickeln können? Wenn Räume für junge, diverse Stimmen geschlossen werden? Wenn Vermittlungsprogramme gestrichen und Spielstätten dichtgemacht werden? Dann entsteht ein Vakuum – und dieses Vakuum wird nicht leer bleiben. Es wird gefüllt werden. Von Lauten, von Hetzenden, von denen, die genau wissen, dass eine erschöpfte Zivilgesellschaft ein dankbares Ziel ist.

Berlin war und ist eine Stadt, die sich über Kultur definiert – über Theater, das widerspricht, verunsichert, begeistert, bildet. Gerade in einer Zeit, in der rechtsradikale Bewegungen an Einfluss gewinnen, ist es unverantwortlich, ausgerechnet jene Institutionen zu schwächen, die demokratische Teilhabe erfahrbar machen – besonders für junge Menschen.

Sie sprechen von einem Dialog mit der Kulturszene. Doch Dialog ohne Mittel ist eine Geste ohne Wirkung. Wenn es Ihnen wirklich ernst ist mit der Verteidigung offener, pluralistischer Gesellschaften, dann muss der Kulturbereich nicht reduziert, sondern gestärkt werden – mit verlässlichen Haushaltszusagen, mit Planungssicherheit, mit politischem Rückgrat.

Ich fordere Sie auf: Überdenken Sie diese Kürzungen. Kehren Sie um. Verhindern Sie, dass Berlin zum Modellfall eines kulturpolitischen Kahlschlags wird, den wir von den Falschen aus der Vergangenheit und der Gegenwart in Diktaturen längst kennen.

Mit besorgtem, aber entschlossenem Gruß,

Ulrich Nicklaus
Kürzungen Berlin: Bühnenservice?
wirken sich die aktuellen bzw. die anstehenden kürzungen eigentlich auf den bühnenservice auch aus? wenn überall weniger produziert wird, kann man die wenigerarbeit ja irgendwann nicht mehr mit externen projekten stemmen?
Berliner Bühnen zum Spardiktat: Strategie und Evaluation
Was mich sehr stört, ist, dass hier einfach mit dem Kamm gekürzt wird. Es gibt überhaupt keine Strategie geschweige denn Evaluation. Was sind die Kriterien von Kürzungen?

Theater sind ja nicht einfach Theater. Die unterscheiden sich ja fundamental. Was ist ihr Auftrag, und können sie den Auftrag erfüllen?
Was sind die Kriterien? Preisgelder? Besucher:innenzahlen? Inklusionsbemühungen? Nachwuchsförderung? Internationale Vernetzung und Koproduktionen?

Wenn jetzt alle auf Besucher:innenzahlen machen, haben wir in wenigen Jahren ein Riesenproblem. Keine Relevanz, keinen Nachwuchs, nur noch Einheitsbrei, den genau eine ganz bestimmte Gruppe an Menschen anspricht. Und ein Riesendruck auf einzelnen Produktionen.
Berliner Bühnen zum Spardiktat: Privatisierung?
https://www1.wdr.de/kultur/kulturnachrichten/theater-berlin-privatisierung-100.html

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(Anm. Redaktion. Vielen Dank für den Hinweis! Wir haben eine Medienschau zur grundlgenden Recherche von rbb|24 angelegt. https://nachtkritik.de/medienschau/medienschau-rbb-24-privatisierung-der-berliner-staatstheater)
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