Kommentar: Matthias Lilienthal für die Berliner Volksbühne
Eventbude 2.0?
7. Februar 2025. Matthias Lilienthal also. Unterstützt von einem Artistic Board aus Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas. Neben Frank Castorf hat Lilienthal dieses ikonische Theater Anfang der 1990er Jahre einmal miterfunden, das nun so lange schon von der Kulturpolitik (und dem Schicksal) gebeutelt wird. Gute Entscheidung? Schlechte Entscheidung?
Von Janis El-Bira
Matthias Lilienthal (Mitte) bei seiner Vorstellung als Intendant der Volksbühne mit Florentina Holzinger + Joe Chialo © Janis El-Bira
7. Februar 2025. Eine der klassischen Phrasen aus Absage-Mails auf unzählige Bewerbungen lautet: Wir haben uns für einen Kandidaten entschieden, der das geforderte Profil noch besser ausfüllt. Wir wissen nicht, wie vielen Bewerber*innen auf die Intendanz der Berliner Volksbühne so geantwortet wurde.
Dafür wissen wir aber, wer sich nun als profildeckender Kandidat durchgesetzt hat. Ab der Spielzeit 2026/27 wird also Matthias Lilienthal die Geschicke leiten. Ex-Intendant des HAU in Berlin und der Münchner Kammerspiele, Festivalmacher, Kurator und international bestens vernetzter Theatermann mit der Nase fürs Besondere.
Über den Tellerrand
Einen Kreativpreis haben sich Berlins Kultursenator Joe Chialo, der die Berufung auf der Pressekonferenz "eine gute Nachricht für alle Theaterfreunde europaweit" nannte, und seine Beraterrunde mit dieser Personalie nun nicht gerade verdient. Nicht nur war Lilienthal schon in der Vergangenheit immer mal wieder als möglicher Volksbühnenintendant im Gespräch. Auch den oft gehörten Forderungen nach einer internationaleren, jüngeren, weiblicheren oder kollektiveren Leitung des Hauses wurde damit eine deutliche Absage erteilt. Ganz so klar auf der Hand, wie man nun meinen könnte, lag der Name aber trotzdem nicht.
Denn Lilienthal schien eigentlich schon vom Markt, nachdem im vergangenen Jahr bekannt geworden war, dass er ab 2026 die Leitung des Lessingtage am Hamburger Thalia Theater übernehmen soll. Eine Position, die zwar damals schon etwas "klein" für einen ehemaligen Intendanten führender Theaterhäuser wirkte, durchaus aber zu Lilienthals Interesse am Blick über den Tellerrand des deutschsprachigen Stadttheatersystems passte. In Hamburg wird es nun nur ein kurzes Gastspiel Lilienthals für die Ausgabe im kommenden Jahr geben.
Kapuzenpulli statt Seidenschal?
Mehr noch als die aktuellen Verpflichtungen galt allerdings Lilienthals Rolle bei der Berufung eines seiner Vorgänger im Amt des Volksbühnenintendanten als möglicher Hinderungsgrund. Lilienthals Fürsprache, so munkelt man, soll die Verantwortlichen damals entscheidend mit auf den Trichter gesetzt haben, dass der weltläufige Museumsmann Chris Dercon der Richtige für den wohl schwierigsten Theaterjob der Republik wäre. Ein Experiment, das, wie hinlänglich bekannt ist, krachend scheiterte. Und gehört nicht auch Lilienthal längst selbst zu den Nomaden des internationalen Festival- und Kunstbetriebs, denen gegenüber man an der Volksbühne mithin etwas reflexhaft die Nase rümpft? Droht jetzt also die Wiederbelebung der Dercon-Jahre im Kapuzenpulli statt mit Seidenschal? Eventbude 2.0?
Markante Handschrift
Nicht unbedingt. Mit Matthias Lilienthal kommt zunächst einmal ein Intendant an den Rosa-Luxemburg-Platz, der in den 90er Jahren als Chefdramaturg und entscheidender Netzwerker zu den Miterfindern der ruhmreichen Castorf-Volksbühne gehörte – und der gleichzeitig nie zum Lager jener Orthodoxen zählte, die in der "alten" Volksbühne bis heute die einzig richtige Art von Theater sehen wollen. Die Volksbühne sei für ihn gleichwohl "das schönste Theater der Welt", so Lilienthal auf der Pressekonferenz.
An den Häusern, die Lilienthal in der langen Zwischenzeit leitete, hat er jeweils eine markante Handschrift hinterlassen. Dass der Mann mit der Berliner Schnauze und den legendären Schlabber-Outfits am neuen Arbeitsplatz anecken könnte wie zu Beginn seiner Zeit im feinen München, ist zudem eher nicht zu erwarten. Und einen dritten Aufguss der HAU-Programmatik, mit der er anfangs in München das Abo-Publikum und Teile seines Ensembles auf die Barrikaden trieb, wird er sich in Berlin kaum erlauben können.
Altlasten und Neuordnung
Die Kammerspiele hatte Lilienthal in den letzten Jahren seiner kurzen, von politischen Gewittern umtosten Intendanz zum damals künstlerisch wohl aufregendsten Theater Deutschlands gemacht. Das Haus war unter ihm politischer, nahbarer, ästhetisch unberechenbarer und internationaler geworden. Ein "Stadttheater+" mit solider Basis und allerlei Add-Ons, das Publikumsumarmungen wie Christopher Rüpings gefeierten Antikenmarathon "Dionysos Stadt" genauso hervorbrachte wie Anta Helena Reckes provokante Herausforderungen des Kanons. Am Ende, als die Nichtverlängerung seines Vertrags selbst in Teilen der Politik als vorschnell erkannt war, hat man ihn dort fast auf Händen zur Tür hinausgetragen.
Danach war Matthias Lilienthal wieder frei, aber nicht bloß ein "glücklicher Arbeitsloser", wie er sich selbst gerne beschrieb. Er kuratierte international, arbeitete im Libanon und entwarf mit Performing Exiles ein vielgelobtes Festival unter dem Dach der Berliner Festspiele, das diesen Sommer eine zweite Auflage findet. Die Leitung der Volksbühne dürfte nun die größte Herausforderung seiner bisherigen Karriere werden. Lilienthal wird es mit jeder Menge Altlasten zu tun bekommen, denn wer einst so eng mit diesem vielfach noch immer dynastisch verfassten Haus verbunden war, hat sich zwangsläufig auch Gegner gemacht. Auch wird der Ärger über seine Rolle in der Dercon-Geschichte bei einigen nach wie vor nicht verraucht sein.
Unter Rotstift-Rittern
Immerhin: Mit Florentina Holzinger, dem aktuell größten Star des Hauses, kann er gut. Sie tritt für ihn das Erbe Christoph Schlingensiefs an, den Lilienthal einst fürs Theater entdeckte. Zusammen mit der Choreografin Marlene Monteiro Freitas wird Holzinger das neue Leitungsteam um den Intendanten bilden. Auch das ist ein Fingerzeig: Der Tanz wird unter Lilienthal eine prominentere Rolle am Haus bekommen, rund ein Drittel des Spielplans, hieß es auf der Pressekonferenz. Auch die internationale Perspektive (Lilienthal spricht von "95 Prozent der Regisseur*innen" und versteht das als "Zeichen gegen die Renationalisierung") und die Freie Szene werden viel Platz finden. Vereinbarungen für Inszenierungen gäbe es bereits mit dem polnischen Regisseur Lukasz Twarkowski und Stefan Kaegi von Rimini Protokoll, ebenso soll nach Lilienthals Wunsch der Prater wieder bespielt werden. Die rivalisierenden Strömungen um die Fahrtrichtung des nach René Polleschs Tod schwankenden und finanziell auf eine äußerst schwierige Zukunft zusteuernden Riesentankers wird er gleichzeitig geschickt moderieren, die traditionell starken Gewerke für seine Ideen gewinnen und im Ensemble die Hausgranden mit neuen Namen zusammenbringen müssen.
Und auch die Größe der Spielräume, die der Neue sich bei den Rotstift-Rittern in der Berliner Politik ausverhandelt hat, dürfte für den Erfolg der Ära Lilienthal ausschlaggebend werden: Kann man an diesem Haus überhaupt seriös die großen Sprünge eines Neuanfangs unternehmen, wenn das Geld schon jetzt nicht mehr reicht? Wird Lilienthal unter dem Sparzwang die besondere Autonomie der Volksbühne erhalten können, die als einziges Berliner Theater noch in eigenen Werkstätten fertigen lässt? Lilienthal hat bereits angekündigt, gegen die massiven Kürzungen "lobbyieren" zu wollen. Das "Schicksal" von Senator Chialo hänge schließlich auch an seinem eigenen, weshalb er eine "gute Lösung" erwarte, so Lilienthal. Es gibt wahrlich leichtere Theaternüsse zu knacken. Aber die Volksbühne bekommt einen, der den Laden kennt, ohne ihm verfallen zu sein. Und der Intendanz kann. Eigentlich nicht das Verkehrteste in diesen Zeiten.
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Aber vermutlich haben Sie recht Isa, das unausgeglichene Verhältnis in diesen Positionen liegt vermutlich daran, dass die jüngeren Personen keine Veranwortung für so ein Projekt wollen ;)
Wir sollten bei allem Kunstwillen nicht vergessen, dass Theater auch Unternehmen mit hunderten von Arbeitsplätzen sind. Sowas leitet sich nicht allein qua Akklamation, Instagram, Spätgeburt oder Envogueness.
Insofern ist anzuerkennen, dass nun die Leitung bei jemandem liegen wird, dem man eine solche Verantwortung durchaus übertragen darf.
Akklamation, Instagram, Spätgeburt, Envogueness - Hans Zisch das können sie doch sicher erklären in ganzen Sätzen, bitte.
re: "liegt vermutlich daran, dass die jüngeren Personen keine Veranwortung für so ein Projekt wollen"
ob das so ist oder nicht, weiß ich natürlich auch nicht, aber beide sind ja (völlig unabhängig von ihrem Alter) sowohl national als auch international wirklich renommierte, starke, sehr aktive Theatermacherinnen - sodass ich mir vorstellen könnte, dass diese Lösung ihnen sowohl den zeitlichen als auch inhaltlich-künstlerischen Freiraum gibt, diese Tätigkeiten fortzusetzen, jenseits ihrer Position an der Volksbühne?
"(...) Performance-Star Florentina Holzinger formulierte es am Freitag so: Sie sei „urhappy“, dass er den Job übernehme, „die Drecksarbeit sozusagen“
(...)
Mehr als 30 Bewerbungen waren für die Leitung eingegangen - auch von Holzinger. Sie habe sich Sorgen gemacht, dass sich zu wenig Frauen bewerben und sei mit dem Haus eng zusammengewachsen, erklärte sie. Letztlich habe sie ihre Bewerbung aber wieder zurückgezogen - sie könne sich eine Intendanz aktuell nicht vorstellen. (...)"
https://www.sueddeutsche.de/kultur/theater-drecksarbeit-an-der-volksbuehne-lilienthal-folgt-pollesch-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-250207-930-367742