Spiralblog 53 - Milo Rau macht in Berlin ein Fass auf
Bis der Arzt kommt
6. April 2025. Schlimme Szenen beim FIND-Festival. Milo Rau hat heftig aufgetischt. Kinderspiele, Mordsgaudi. Und die Zuschauer litten fast wie bei Florentina Holzinger in Stuttgart.
Von Janis El-Bira
Muss jetzt auch für die Berliner Schaubühne gedruckt werden © Johannes Lachermeier / Staatsoper Stuttgart
6. April 2025. Die Zeiten machen sensibel. Die Nachrichtenbilder sind mittlerweile ja so allenthalben von Gewalt geflutet, dass ihre Nachahmung am Theater gerade viele doppelt schlucken lässt. Oder gleich spucken – so geschehen jedenfalls am Freitag bei der Berlin-Premiere von Milo Raus "Medea's Kinderen" im Rahmen des FIND-Festivals an der Schaubühne.
Im letzten Drittel dieser insgesamt reichlich kalkulierten Verstöpselung des Medea-Mythos mit dem realen Fall einer belgischen Mutter, die ihre fünf Kinder ermordete, geht es heftig zur Sache. Denn die Kinderdarsteller*innen, die hier alles spielen, übernehmen natürlich auch das Schlachten. Sie ersticken und erwürgen einander, stechen sich unter Verwendung von literweise Kunstblut in Bauch und Hände, schneiden einander die Kehlen durch. Alles schön groß auf Videoleinwand, alles quälend lang.
Und auch wenn die Inszenierung allerlei Aufwand betreibt, diese Passage klar als Re-Enactment und damit künstlichen Vorgang zu situieren, verlassen einige direkt beim ersten Schnitt durch einen Kinderhals den Saal. Viele folgen. Auf dem Weg nach draußen wird jemand an der Treppe ohnmächtig. Aufregung im Saal. Wasserflaschen wandern durch die Reihen und im Dunkeln ruft eine unverkennbare Berliner Intendantenstimme nach dem Theaterarzt. Die Person kommt glücklicherweise recht schnell wieder auf die Beine.
Fünf Minuten später, da hatte sich das Geschehen auf der Bühne eigentlich schon entspannt, gollert direkt hinter uns jenes markante Geräusch, das seit jeher Sprungreflexe auslöst: Ein armer Kerl erbricht sich zwischen die Sitze. "Ups, Überraschung", sagt seine Begleiterin trocken – und das war wirklich der humoristische Höhepunkt des ganzen Abends. Wieder geht Saallicht an. Der Mann macht selber sauber und schaut die zähe Nummer dann tatsächlich noch bis zum Schluss. Was für eine Contenance. Das letzte Bier muss schlecht gewesen sein, haben wir früher gesagt. Hier war wohl mit dem ganzen Fass aus Milos Keller was nicht Ordnung.
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(Anm. Redaktion. Nach dem Aprilscherz gab es auf nachtkritik.de keinen weiteren Aprilscherz. Alle Kritiken sind ernst, alle Meldungen seriös und alle Spiralblögge sind Spiralblögge.)