Sanfte Sektierer unterm Elektroschocker

von Gerhard Preußer

Köln, 7. November 2015. Nach Syrien, nicht von Syrien. Also Dschihadismus, nicht Flüchtlingsbewegung – das Aufreger-Thema des letzten Sommers ist inzwischen etwas in Vergessenheit geraten. Ibrahim Amirs Auftragswerk für das Kölner Schauspiel "Stirb, bevor du stirbst" greift auf dieses Thema zurück und damit mitten hinein in das Zukunftsthema: Deutschland und seine Muslime.

Tricks aus der Komödienmaschine

Amirs Komödie "Habe die Ehre" war nach der Uraufführung in Wien in der letzten Spielzeit in Stefan Bachmanns Inszenierung ein Überraschungserfolg in Köln. Sein neues Stück benutzt ähnliche Techniken wie sein Erstling, die althergebrachten Tricks der Komödienmaschine. Langsam wird ein noch verborgener Konflikt eingeführt, schrittweise – plotpoint für plotpoint – verschärft, in gut analytischer Manier durch Informationen über die Vergangenheit zugespitzt und in einer überraschenden Wendung zur absurden Lösung gebracht.

Stirbbevordustirbst2 560 David Baltzer uIn Glaubenskonflikten verschlungen: Margot Gödrös, Birgit Walter, Benjamin Höppner, Nicola Gründel und vorn Nicolas Streit und Justus Maier spielen in Ibrahim Amirs Komödie "Stirb, bevor du stirbst" am Schauspiel Köln © David Baltzer

Das Personal ist diesmal nach den Regeln der multiethnischen Kombinatorik zusammengewürfelt: eine deutsche alleinerziehende Krankenschwester mit einer ukrainischen Mutter, eine von einem polygamen Schwaben verlassene eingedeutschte arabische Nachbarin, ein geschiedener deutsch-syrischer Imam mit kommunistischer Vergangenheit, ein deutscher Polizist mit französischer Ausbildung, und dazwischen in diesem Feld der verwirrten Identitäten zwei junge Männer: Philipp, der Sohn der Krankenschwester, und Mustafa, der Sohn des Imams. Die Polizei hat Beweise, dass die beiden auf dem Weg nach Syrien zum Islamischen Staat sind.

Als Philipps Mutter dem Imam der nächstliegenden Moschee ein Foto zeigt, das Philipp mit einem Freund auf dem Weg zum Flugzeug in die Türkei zeigt, fällt der Imam in Ohnmacht, denn er erkennt seinen Sohn Mustafa. Nun entbrennt ein Duell der Vorurteile. Die christliche Krankenschwester beschimpft alle Muslime in Deutschland als tickende Zeitbomben, der menschenfreundliche Imam verunglimpft alle alleinerziehenden Mütter und die kaputte deutsche Gesellschaft.

Sufisten, nicht Salafisten

Schließlich erscheinen die beiden Söhne, beteuern keine IS-Anhänger, sondern Sufis zu sein, nicht nach Syrien, sondern nach Konya zum Sufi-Workshop geflogen zu sein, werden aber dennoch mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt und gefesselt. In das Handgemenge platzt die Polizei, die offensichtlich Salafisten und Sufis nicht auseinanderhalten kann. "Stirb, bevor du stirbst" ist ein im Sufismus dem Propheten zugeschriebener Satz, der den Gläubigen auffordert, alle menschlichen Eigenschaften abzulegen und so Gottes Eigenschaften anzunehmen – kein Aufruf zu Selbstmordattentaten für den Islamischen Staat.

Im Gewand einer Komödie wird hier dieselbe Strategie verfolgt wie in Navid Kermanis Friedenspreisrede: Sufismus als der andere, sanfte, nach innen gewandte Islam. Zudem verweist die Figurenkonstellation auf die tiefer liegenden familiären und kulturellen Konflikte in einer komplexen Gesellschaft, die auf solche identitätsstiftenden Irrwege wie den Islamismus führen. Nur als komödiantischer Überraschungscoup, der die Unwissenheit der deutschen Gesellschaft über die Vielfältigkeit des Islams zeigt, ist dieser religiöse Salto erträglich. Immerhin sind sanfte Sektierer harmloser als militante.

Comedy-Idylle mit assoziativen Videos

Rafael Sanchez' Inszenierung versucht beiden Seiten des Stückes gerecht zu werden, der ernsten und der komischen. Als Gegengewicht gegen den Wohnzimmer-Realismus, den das Bühnenbild im ersten Teil ausmalt (Bühne: Dirk Thiele) werden Videos projiziert, die der assoziativen Ausweitung dienen sollen, aber in ihrer Beliebigkeit nur Pausenfüller sind: Bauchtänzerinnen, syrische Landschaften, reitende arabische Krieger.

Sonst unterlässt die Regie weitere Profilierungsversuche und lässt die Schauspieler ihre Pointen setzen. Margot Gödrös spielt mit demonstrativer Restwürde die Rolle der komischen Alten. So zurückgenommen erntet sie die meisten Lacher. Birgit Walter als völlig entnervte Mutter des vermeintlichen Dschihadisten dreht die Stimmung des Publikums durch ihren verzweifelten Tobsuchtsanfall, in dem sie das Mobiliar mit einem Gummihammer traktiert, von amüsierter Distanz kurzfristig zu mitfühlender Betroffenheit.

Am Schluss wagt die Inszenierung eine weitere Verschärfung. Als Magda (Nicola Gründel), die muslimische Nachbarin, in höchster Erregung herumschreiend die Polizei rufen will, entwendet Mustafa (Justus Maier) ihr das Elektroschockgerät, doch der Polizist (Jakob Leo Stark), der in diesem Moment hereinstürmt, ruft "Herunter mit der Waffe" und schießt auf Mustafa. Diese in der letzten Probenphase entwickelte Lösung würde als Schluss dem ganzen Stück eine unangemessene politische und tragische Wendung geben. Also spielt man die erste Szene im Wohnzimmer nochmal und dreht sie um zur ironisch perfekten Idylle. So darf man dann, wenn man noch kann, doch wieder lachen.

 

Stirb, bevor du stirbst
von Ibrahim Amir
Uraufführung
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Dirk Thiele, Kostüme: Sara Giancane, Musik: Cornelius Borgolte, Video: Bibi Abel, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Birgit Walter, Margot Gödrös, Nicola Gründel, Jakob Leo Stark, Benjamin Höppner, Nicolas Streit, Justus Maier.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Andreas Rossmann mutmaßt in der Frankfurter Allgemeinen (9.11.2015), Ibrahim Amirs Auftrag habe gelautet, "ein brisantes, brandheißes Drama zu schreiben". Und dann habe Amir sich "gleich hingesetzt, vielleicht vorher noch in die Zeitung geschaut und losgelegt." Entsprechend "mit heißer Nadel genäht" sei die "Komödie" (Rossmann setzt das Wort selbst in Anführungszeichen, als sei diese Gattungsbezeichnung bloße Behauptung). Dirk Thieles Bühnenbild setze dazu "auf Wohnzimmer-Realismus, den die Regie von Rafael Sanchez brav bedient", während die Schauspieler sich in die Rollen stürzten, "die, schlicht und flach, sie über Karikaturen nicht hinauskommen lassen".

Amir verhandele "auf drastische, unorthodoxe Weise" die tragikomische Seite des culture clash, den die Kulturen einer Stadtgesellschaft hervorbrächten, schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (9.11.2015). Amir karikiere "konsequent, wie sich gerade blitzschnell die Fronten verhärten, wie aus hilflosen Schuldzuweisungen blanker Hass wird, wenn Angst ins Spiel kommt." An die "respektlose, kluge Komik von 'Habe die Ehre'" kämen "Stück und Inszenierung trotz starker Momente nicht ganz ran." "Stirb, bevor du stirbst" sei "dennoch ein mutiger Auftakt für eine weitere Runde theatraler Einmischung und Forschung im Einwanderungsland."

Amir thematisiere in dieser "grandiosen Komödie" die "Funktionsweise menschlicher Wahrnehmung und Kommunikation", sagt Elske Brault auf Deutschlandradio Kultur (8.11.2015): "Je nachdem, ob wir uns über Besuch freuen wie die alte Gertrud oder ihn als Belästigung empfinden wie ihre wenig später heimkehrende Tochter Sabine, erscheint die neue Nachbarin aufgeschlossen oder aufdringlich, als eine Bereicherung am Abendbrotstisch oder eine Belästigung. Das ist, in kürzester Form, der Ursprung unterschiedlicher Positionen, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht." Rafael Sanchez habe "mit einem glänzend aufgelegten Ensemble die Dialoge in einen so raschen Schlagabtausch verwandelt, dass man lautes Lachen unterdrückt ob der Gefahr, den nächsten Satz zu verpassen. Hier hatten offenbar alle Spaß an Präzisionsarbeit, und der Zuschauer hat es auch. Bemerkenswert auch, dass es kein Multi-Kulti-Ensemble braucht, um ein Multi-Kulti-Stück zu spielen."

Ibrahim Amir wisse "die Komödienkniffe souverän einzusetzen", sagt Dorothea Marcus auf Deutschlandfunk (8.11.2015): "Was in westdeutschen Boulevardkomödien der Kleiderschrank war, ist nun der Schleier als Allzweck-Versteck- und Verwechslungs-Requisite." Und auch "wenn der Plot manchen logischen Bruch" habe, sei Amirs Stück "doch tatsächlich komisch" – und "großartig auf den Punkt" gespielt von den Darstellern. "Bravourös werden die Vorurteile auf allen Seiten zugespitzt: Muslime sind tickende Zeitbomben, die Familienstrukturen der deutschen Gesellschaft kaputt." Am Ende male Amir mit wenigen Strichen "ein zeitgenössisches Idealbild davon, wie verschiedene Kulturen und Religionen eine Gesellschaft doch bereichern können. Der Nerv, den er damit trifft, könnte nicht blanker liegen. Das ist keine Dschihadisten-Komödie – sondern eine der Entdämonisierung. Und vielleicht auch eine Handlungsanleitung."

Dank Amirs guter Gag-Dichte und Sanchez stringenter Regie hat der Abend aus Sicht von Axel Hill von der Kölnischen Rundschau (9.11.2015) "keinen Moment lang die Chance, in Richtung betuliches Gutmenschen-Bildungstheater abzudriften." Die "clever konzipierte Bühne" habe genügend Türen für boulevardesken Slapstick, das "exzellente Ensemble" sichtlich Vergnügen an den Aktionen. Man müsse kein Prophet sein, um vorauszusagen, "dass sich das Schauspiel Köln hier über einen veritablen Hit freuen kann."

Es handelt sich aus Sicht von Christian Bos vom Kölner Stadtanzeiger (9. 11. 2015) eher um ein Konversationsstück als um Boulevard. "Eine Komödie der Irrungen, in der jede Pauschalaussage den jeweils Gemeinten verfehlt und stattdessenden Urteilenden trifft." Das Stück sein nachdenklicher, überlegter als Amirs Erstling, "leider auch kein so großer Wurf". Rafael Sanchez eröffne den Abend mit einer "schnell gezimmerten Bilderflut" und mache aus dem Stoff ein "Gaga-Paradies der politischen Korrektheit".

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