Menschen in Bumshotels

von Harald Raab

Mannheim, 9. Januar 2016. "Sie sagt, sie ist die Biene und ich bin der Wal. So kommen wir nie zusammen." Es ist wohl auch besser so für den Jungen mit der Brille (Sven Prietz). Erfülltes Liebesverlangen hat eine immer kürzere Halbwertszeit. Er arbeitet an der Rezeption eines billigen Stundenhotels drunten am Hafen und muss drei One-Night-Stands mit Wiederholungscharakter sorgfältig auseinandersortieren. Seine Auserwählte, das Mädchen mit dem Fahrrad (Anne-Marie Lux), werkelt droben auf dem Berg. Eine Liebesbeziehung moderner Art. Statt heißer Küsse in Echtzeit SMS-Sehnsuchtsgeflüster. Jugendmoral im lustfreien japanischen Arbeitsalltag heute, während die Elterngeneration noch die Kreuz und die Quer realiter vögelt – wenn auch mit schlechtem Gewissen.

Am Mannheimer Nationaltheater hat Roland Schimmelpfennigs Stück "An und Aus" deutsche Erstaufführung. Er hat es 2013 als Auftragsarbeit für das New National Theatre Tokyo geschrieben und in die drollige Beziehungskiste gleich auch noch die Menschheitsängste nach der Atom-Katastrophe in Fukushima und dem großen Tsunami hineingepackt. Als wohlkalkulierter Zwitter, Komödie und Drama gleichermaßen, kommt das Stück daher. Der Ausweg: Der Erfolgsautor verlagert seinen Plot wieder einmal in die Gefilde des Surrealen mit humanem Touch – everything goes – oder eben auch nicht.

Das Schwere so leicht

Im Zimmer Nummer 1 des Stundenhotels verlustieren sich Frau Z. (Katharina Hauter) und Herr A. (Stefan Reck), im Zimmer Nummer 2 Frau A. (Ragna Pitoll) und Herr Y. (Fabian Raabe) und im Etablissement Nummer 3 Frau Y. (Hannah Müller) und Herr Z. (Reinhard Mahlberg). Da darf nichts schiefgehen, weil alle nur am Montag bumsfrei haben. Nur blöd, dass die Paarungen im selben Hotel stattfinden, selbstredend ohne Wissen des jeweils anderen Partners, der Partnerin. Menschen in Paarkonstellation haben erstaunlich oft wenig Ahnung voneinander. In dieses Sex-Bussiness as usual platzen eine Atom-Katastrophe und ein Tsunami.an aus2 560 Christian Kleiner uHerr Z. ist am Boden (Reinhard Mahlberg), Frau Y. (Hannah Müller) dagegen hat
die Schlüsselkompetenz © Christian Kleiner

Regisseur Burkhard Kosminski, eigentlich ein Altmeister des naturalistischen Theaters, speziell des amerikanischen, hat das Puzzle aus kleinen und kleinsten Szenensplittern zu einem flott-ballettösen Ganzen zusammengeführt. Das Schwere so leicht, so poetisch. Selten erlebt man eine so rundum stimmige Meisterleistung, ein Teamwork aus Regie, Bühnenbild, schauspielerischer Differenziertheit voll praller Spiellust, Musik und Licht. Großes und Kleines, Lautes und Leises. Elementes des Nô-Theaters mit übergroßen Schattenfiguren und der Manga-Kultur, der japanischen Comic-Novellen, fügen sich nahtlos ein. Am Klavier interpretiert Anne-Marie Lux (zusätzlich zu ihrer Rolle) das Bühnengeschehen einfühlsam mit der Musik von Hans Platzgumer.

Magische Bilder aus Sprache und Papier

Die offene Bühne gibt den Blick frei auf die technische Maschinerie des Theaterbetriebs. Die Drehbühne begrenzt als großer weißer Kreis das Spielfeld. Links eine perspektivische, überdimensionale weiße Wand aus Papier. Auf sie zeichnen sich die Akteure ihre Liebeszimmer mit schwarzem Filzstift. Die Bettdecke wird ausgeschnitten, um hineinschlüpfen zu können. Der Rezeptionist entwirft immer wieder neue Schilder und präsentiert sie dem Publikum. Auf ihnen sind Requisiten wie die Empfangstheke oder ein Restauranttisch, aber auch Ortsangaben zu sehen.

Die Bewegungselemente sind mal witzig, mal lyrisch, mal dramatisch choreographiert. Schließlich fallen die Papierbahnen herunter. Die Schauspieler und ihre Partnerinnen toben darunter herum. Das Papier rauscht und bewegt sich wie ein aufgewühltes Meer. Am Ende regnet es schwarze Flocken auf die Szenerie. Das unschuldige Weiß des Bodens wird zur schwarzen, unbewohnbaren Wüstenei. Hier gelingt eine Raumsituation von suggestiver Aussagekraft. Nicht minder magisch sind die Bilder, die im Kopf entstehen und die, korrespondierend zum Bühnenbild, kein anderes Mittel als die Sprache zum Leuchten bringen kann.an aus1 560 Christian Kleiner uStarke papierene Raumbilder mit Menschen und schwarzen Flocken © Christian Kleiner

Während die drei Bettgeschichten ablaufen flackert mal kurz das elektrische Licht, um dann ganz auszugehen – Stromausfall aufgrund der Reaktorkatastrophe. Frau Z. hat plötzlich zwei Köpfe, Herr A. keinen Mund. Frau A. verwandelt sich in Stein, und Herr Y. bekommt ein brennendes Herz. Frau Y. sieht sich als Motte und Herr Z. als toter Fisch. Kafkas "Verwandlung" eines Menschen in einen Käfer lässt grüßen. Frau Y. ängstlich: "Ich hätte so gern, dass alles so ist wie vorher."

Ein zerbrechlich Ding

Die Erzählstruktur ist rhythmisch kreisend. Die Erzählperspektiven wechseln. Das Theater wird seinem Anspruch gerecht, Denk- und Gefühlsraum für Hoffnungen, Ängste und Sehnsüchte gleichermaßen zu sein. Spartanisch knapp und leise ironisch sind die Textpartien der Paarungsbedürftigen. Poetisch weich aquarelliert ist das Liebesgeflüster des Jungen und des Mädchens. Das fragt: "Hast du mal versucht, den Schatten eines Vogels zu fotografieren?" In dem Spiel, das keine Erfüllung finden kann, sieht sie sich als Bienchen, das aufs Meer hinaus fliegt und aus eigener Kraft nicht mehr zurück kann, bis ihr der Wal seinen breiten Rücken als Lande- und Ruheplatz anbietet. Sobald jedoch der Wunschtraum endet, die Bewährung im Realen ansteht, geht auch diese Paarung den Weg alles Irdischen.

Liebe ist nicht nur bei Schimmelpfennig ein zerbrechlich Ding. Er ist – wie Legionen von Theaterautoren – fest in der romantischen Liebesfalle gefangen. Hier wird stets Sex und erotische Begierde als Liebe und obendrein als legitime Tauschware angesehen, auf die die Partner ein exklusives Nutzungsrecht zu haben glauben. Aber was wäre das Theater ohne diesen fundamentalen Irrtum? Trotz alledem: Schimmelpfennigs Stück und die großartige Mannheimer Realisierung geben die Erwartung nicht auf: Es könnte doch noch alles gut werden, selbst in der Ödnis der mutwillig zerstörten Welt ist noch ein Krümelchen Optimismus zu finden. Die Hoffnung stirbt auch im Theater zuletzt. Was bleibt, ist das Glücksgefühl, diesen Theaterabend erlebt zu haben.

 

An und Aus
von Roland Schimmelpfennig
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Lydia Kirchleitner, Musik: Hans Platzgumer, choreographische Mitarbeit: Jean Sasportes, Licht: Nicole Berry, Dramaturgie: Ingoh Brux.
Mit: Sven Prietz, Anne-Marie Lux, Katharina Hauter, Stefan Reck, Ragna Pitoll, Fabian Raabe, Hannah Müller, Reinhard Mahlberg.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 


Kritikenrundschau

Schimmelpfennigs neues Werk ist für Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.1.2016) "kein Stern am Himmel der neueren deutschen Dramatik, aber Regisseur Burkhard C. Kosminski bringt das schwache Stück doch wenigstens stellenweise zum Leuchten." Dem Uraufführungsort angemessen zeige sich hier ein Bilderreigen "japanisch karg und schlicht, ein Bühnen-Haiku mit diskreten Anspielungen auf Hokusai, Toyota und Godzilla", in allem allerdings "ohne jede soziale, politische oder psychologische Kontur". Kosminski inszeniere ihn in der deutschsprachigen Erstaufführung "als zeremonielles Papiertheater im leeren Raum mit Slapstick- und Boulevard-Elementen". Die Inszenierung sei "klug gedacht und hübsch gemacht, aber luftig-leichtes Papiergeraschel und dekorative Schattenspiele können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der einst so produktive Stückereaktor Schimmelpfennig doch bedenkliche Materialermüdungserscheinungen und Risse zeigt".

Für Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (11.1.2016) legt Schimmelpfennig eine "düster groteske Reflexion über Technikbegeisterung, Tod und das Ausblenden der Realität" vor, die in Mannheim in einer "präzisen Regie von Intendant Burkhard C. Kosminski" zu sehen sei. Es werde an diesem Abend "herumgetobt, romantisiert und verklärt was das Zeug hält". Schimmelpfennig "zeichnet eine Gesellschaft im Trotz, und Bühnenbildner Florian Etti findet bedrückende Bilder für die seltsam poetisierte, fast märchenhafte Erzählung über die Hybris dieser  und wohl auch unserer  technikgläubigen Gesellschaft".

Schimmelpfennig erweise sich mit seinem neuen Stück "einmal mehr als poetisch versierter Sprachartist", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (11.1.2016). "Das Dokumentarische oder Direkte liebt er nicht, viel lieber drückt er die Empfindungen seiner Figuren durch surreale Andeutungen aus." Schimmelpfennig biete "keine simplen Deutungsmuster an. Alles ist in Auflösung. Auch die Sprache, die immer fragmentarischer uns symbolischer wird. Auch als Zuschauer wird man verstrahlt von poetischen Bildern. Das wirkt nicht sofort, aber am Tag danach fühlt man sich wie von Schimmelpfennig kontaminiert. Eine beachtliche Leistung."

Für Ralf-Carl Langhals vom Mannheimer Morgen (11.1.2016) ist Schimmelpfennig der "Meister poetischer Tragödie". Allerdings sie dieses Mal die Inszenierung "besser als das Stück", so der Kritiker. "Seine besondere Erzähltechnik, auf monologische Beschreibungen statt auf Dialoge zu setzen und Regieanweisungen szenisch zu beleben, hat Schimmelpfennig beibehalten, seinen Hang zu poetischen Bildern allerdings zum besonders dick ausgemalten Bilderbuch gebunden". Es fehlten den Figuren des Stückes Biographien, "der Poesie die Rätselhaftigkeit und der realen Bedrohung die Schärfe". Kosminskis Inszenierung gegegne der "Bilderflut mal zart, mal heiter mit Schattenspiel, Komik und Musik", sodass "der Abend immerhin ein szenisches Poem" werde.

"Mit glaubwürdigen Darstellern, nostalgischen Musikeinlagen, geschickten Lichteffekten bläst Regisseur Burkhard Kosminski Schimmelpfennigs gehaltarmen Text auf zu einem netten kleinen Theatersoufflé, einem leichten Gefühlsaperitif für einen beschwingten Abend und erweist sich damit einmal mehr als idealer Erstaufführungspartner." So sagt es Elske Brault im SWR 2 (11.1.2016) Schimmelpfennigs neues Stück "ist bloß globale Theaterzuckerwatte".

Eine "diskrete und doch deutliche, eine direkte und doch Stilisierungen anbietende Annäherung an ein Unglück, das alles verändert", beschreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (10.1.2016) Schimmelpfennigs Stück. Mit seiner "sorgsam dem Text zugewandten Inszenierung" werde "äußerst begreiflich", dass Autoren Kosminski ihre Stücke anvertrauen.

"Die Sprache verschleiert, was deutlich sein müsste. Die Bilder sind Nebelwände, weißlich-wabernd wie der Dampf aus Kühltürmen und theorieschwer", dichtet Martin Eich im Freitag (27.1.2016) über Roland Schimmelpfennigs Stück. "Theatertreffen, hier bin ich", säusele die Inszenierung fortwährend. "Kosminskis Seiltänzertruppe tippelt von Episode zu Episode, unter sich den gähnenden Abgrund der Belanglosigkeit."

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