Lebensgefühl? Egal!

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 10. Februar 2017. Am Ende sperren sich die vier Personen in eine Art Erinnerungskäfig. An den Wänden ihres Plexiglaskastens haften zahllose Fotos, von denen es egal geworden ist, ob sie der eigenen Vergangenheit entstammen oder auf dem Flohmarkt gekauft wurden. Was war und was wahr ist, kann unmöglich unterschieden werden. Die eigene Erinnerung als Fake-Reality.

Sasha Marianna Salzmann jagt in ihrem neuen Stück "Ich, ein Anfang" dem Ursprung unserer Ich-Erfahrungen und Erinnerungen nach. Dazu treibt sie ihr Personal in einen Strudel aus Selbstfindungsgelüsten, Drogenrausch und Sex. Das Eigene und das Fremde begegnen sich dabei wie alte Bekannte. Das Stück ist ein Werkauftrag für das Festival Frankfurter Positionen, das dieses Jahr unter dem Motto "Ich, reloaded – Das Subjekt im digitalen Netz" der medialen Gegenwart frönt.

Verpixelter Alltag

Salzmann erzählt von drei verhältnismäßig jungen Menschen und einer großen Abwesenden. Großstadtgespenster, die ihre Diversität auftragen wie Faschingskostüme. Der Jude Efraim, die Türkin Sellal und die Frauen liebende Schwarze Nana. Lukas Rüppel gibt Efraim als auf verwegen machenden Softie, Miriam Joya Strübel spielt Sellal ohne besondere Kennzeichen, und Yodit Tarikwa tritt als Nana schwer patent mit Bauarbeitergang auf Highheels in Erscheinung.Ich ein Anfang1 560 Birgit Hupfeld u"Uns ist gegeben auf keiner Stätte zu ruhen …" – Schicksalslied einer Wohngemeinschaft
© Birgit Hupfeld

Die drei bewohnen eine Frankfurter Wohngemeinschaft und rätseln über ihre von einem auf den anderen Tag verschwundene Mitbewohnerin Re. Die Ängste unserer Gegenwart lässt Salzmann in den verpixelten Alltag ihrer Figuren regnen, wobei ihr Text unter der Last der in ihm angetippten Themen stöhnt. Denn hier kommt alles vor: der Terror, die Flüchtlinge, das Digitale, die Silvesternacht in Köln, Holocaust, Missbrauch, Ritzen, Rassismus, you name it.

Der Jugend leichter Sinn

Bernadette Sonnenbichler, Hausregisseurin am Düsseldorfer Schauspielhaus, die zum ersten Mal am Schauspiel Frankfurt inszeniert, setzt das als trashig schickes Katastrophenszenario ohne besondere Vorkommnisse in Szene. Einmal singt Re ein bisschen Mädchen-Pop und zupft die Kalimba dazu, Bildstörungen markieren Szenenwechsel, Trockennebel steigt auf, und lavalampenartige Gebilde zieren die Wände. Ausstatter Wolfgang Menardi hat besagten Glaskasten auf die schwarze Bühne gestellt. In der Mitte der Behausung klafft ein Abgrund, der ein Erdbeben oder eine Explosion oder sonstige Erschütterungen aus dem Stücktext bebildert. Ein liebloses Bett und ein schlichter Spind zeugen von der Unwirtlichkeit unserer Tage und der Figuren.Ich ein Anfang2 560 Birgit Hupfeld uDas Leben als Fake-Reality © Birgit Hupfeld

Die geheimnisvollste Figur des Stückes ist die verschwundene Re, die in den Kammerspielen durch die Szenen geistert. Sina Martens, Mitglied des Schauspielstudios Frankfurt, spielt sie als Rinnsteinprinzessin mit schönem Überschlag in der Stimme und Mut im Blick. Im Miteinander der vier Figuren gelingen dem Stück und der Inszenierung ein paar starke Szenen, in denen der Leichtsinn der Jugend mit dem Leben kollidiert. Die reizvollste Lesart des Stückes erkennt im Stimmengewirr den irren Monolog eines zersplitterten Geistes. Ein Ich, in dem alles möglich scheint.

Zersplitterte Erfahrung

Re stellt indes einmal fest: "Alles ist ein Déjà-vu, ich habe kein Verhältnis zur Jetztzeit." Das bringt unsere Gegenwart geschwind auf den Punkt. Salzmann setzt der Zersplitterung unserer Erfahrung splitternde Lebensläufe entgegen, wobei "Ich, ein Anfang" geradezu im Prekären nistet. Das geht aber immer nur momentweise auf, auch weil das Stück immer wieder sein Thema und damit sein Zentrum verliert. Sonnenbichlers Regie denkt die Figuren zusammen und gibt ihren Selbsttäuschungen Raum, sich frei zu entfalten. Dabei scheint sie sich aber nicht entscheiden zu können, ob sie das Ganze realistisch angehen oder in die Abstraktion treiben will, so dass der Abend auf dem Weg dazwischen hängen bleibt. Heraus kommt ein untergründiges Egal, das sich prima mit dem Lebensgefühl der nicht handelnden Figuren deckt.

 

Ich, ein Anfang
von Sasha Marianna Salzmann
Uraufführung
Regie: Bernadette Sonnenbichler, Bühne und Kostüme: Wolfgang Menardi, Musik: Jacob Suske, Video: Oliver Rossol, Dramaturgie: Henrieke Beuthner.
Mit: Sina Martens, Yodit Tarikwa, Miriam Joya Strübel, Lukas Rüppel.
Dauer: 1 Stunde und 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Ein "großer Rundumschlag" sei Sasha Marianna Salzmanns Stück, "leider völlig oberflächlich, folgen- und einsichtslos", schreibt Astrid Biesemeier in der Frankfurter Neuen Presse (13.2.2017). Uraufführungsregisseurin Bernadette Sonnenbichler lasse den Realitätsgrad des Bühnengeschehens "in der Schwebe". "Und so weiß man am Ende vor lauter Gerede über Erinnerungen, die vielleicht nicht einmal die der Sprechenden sind, schon selbst nicht mehr, was man nach 90 Minuten eigentlich gesehen hat", so Biesemeier. "Wie bei der Tablet-Bildschirm-Bewegung auf der Bühne: Wisch und weg!"

"Dramaturgisch geschickt, abwechslungsreich und nicht zuletzt gut informiert" beschäftige Salzmann sich mit ihren Fragen, ihr Stück renne aber doch offene Türen ein und komme über das Offensichtliche nicht hinaus, findet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (13.2.2017): "Ja, das Ich ist ein zwar deutlich verspürter, aber dennoch unscharf abgegrenzter Geselle. Nein, Sexualität, Herkunft, Familie, persönliche Erfahrungen sind zwar wesentlich erscheinende, dann aber auch nicht stabile Elemente zur Selbstdefinition. Ja, wir wissen nicht viel von einander. Nein, über uns selbst wissen wir auch nicht viel. Wo alles schwimmt, wo viele mitreden, ist das eigentlich ganz normal." Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung verringere den sinnliche Gehalt von "Ich, ein Anfang" noch einmal, indem sie aufs Allgemeine abhebe, "unverbindliche Typen auf unverbindlichem Modernes-Theater-Terrain zeigt statt die prekären Individuen, von denen Salzmann doch zu erzählen scheint", so von Sternburg: "Dass dem Ich eine solche Verallgemeinerung ausgerechnet in 'Ich, ein Anfang' und beim Festival 'Ich reloaded' widerfährt, könnte als ironischer Kommentar verstanden werden, dessen Ironie den Beteiligten allerdings entgeht oder sie nicht interessiert."

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