Krach vor den Kulissen

von Tobias Prüwer

Halle, 22. Januar 2019. "Natürlich gab es auch mal Krach unter uns, aber wir haben vermieden, dass es in der Zeitung stand.“ Der Ex-Intendant und sein Ex-Verwaltungschef auf dem Podium ernten viel Applaus für eine simple Einsicht. Konflikte in der Öffentlichkeit auszutauschen, ist für die Bühnen Halle jedoch seit Jahren an der Tagesordnung. Denn der Betrieb, offiziell städtische Theater-, Oper- und Orchester GmbH (kurz TOOH) genannt, verfügt nicht nur über einen komplizierten Namen, sondern eine ebenso schwierige Entscheiderkonstruktion. Um über diese zu diskutieren, luden die Oper und das Neue Theater ein.

Was ist gute Kunst?

Auf der Opernbühne moderierte MDR-Kultur-Leiter Reinhard Bärenz das Gespräch zwischen Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, heute Intendant des Deutschen Theaters Berlin, früher des Thalia Theaters Hamburg, seinem ehemaligen kaufmännischen Geschäftsführer Ludwig von Otting sowie Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand, der auch TOOH-Aufsichtsratsvorsitzender ist. Was als lockerer Plauderabend über Theaterstrukturen beginnt, nimmt an Schärfe zu, als das Publikum zu Wort kommt. Dann geht es weniger um formaljuristisches Kleinklein, sondern ästhetisches Be- und Unbehagen – und die Frage, was gute Kunst ist.

Interne Streitigkeiten nicht öffentlich auszutragen, ist das Mantra des Abends, der nur deshalb stattfindet, weil ein Streit öffentlich wurde. Darum kann auch nicht wundern, dass die lapidar betitelte Veranstaltung fast 200 Bürgerinnen anzog: "Kunst und Geschäft – Wie können künstlerische und kaufmännische Verantwortung auf Augenhöhe zusammenarbeiten?" Die Brisanz hinter dem harmlosen Titel lässt sich leicht erahnen, wenn man auf die letzten zweieinhalb Jahre in Halle zurückblickt. Als Florian Lutz 2016 Intendant der Opernsparte – einer von vier am Haus – wurde, krachte es schon bald im Gebälk des Theaterbetriebs. Bereits im Sommer 2017 sprach er zusammen mit dem Intendanten der Theatersparten Matthias Brenner dem TOOH-Geschäftsführer Stefan Rosinski das Misstrauen aus.

Was gehört in die Medien – und was nicht?

Ihr Brief an den Verwaltungsrat wurde öffentlich. Darin wird Brenner zitiert: "Ich werde die angespannte Zusammenarbeit in einer Atmosphäre des Nicht-Vertrauens nicht mehr länger dulden!" Rosinski schlug zurück, geißelte das Regietheater, für das es in Halle kein Publikum gebe. Der Konflikt schwelte, kommuniziert wurde über die Medien. Dezember 2018 machten Brenner und Lutz die Verlängerung ihrer Verträge von der Personalie Stefan Rosinski abhängig. Zuletzt lancierten die Münchner Kammerspiele einen offenen Brief, der um die Unterstützung der beiden Intendanten bittet. Knapp 100 Theaterschaffende und -lehrende haben ihn bisher unterschrieben.

Tage vor der nun anberaumten Diskussion an der Oper haben mehrere Stadtratsfraktionen den Oberbürgermeister zur Absage seiner Teilnahme aufgefordert. "Offensichtlich soll durch die Veröffentlichung von subjektiven Darstellungen und im Interesse von zwei der vier Spartendirektoren in nicht akzeptabler Weise Druck auf den Aufsichtsrat ausgeübt werden. Die Diskussion von Interna im Vorfeld der im Februar planmäßig anstehenden Entscheidung zur Vertragsverlängerung der künstlerischen Direktoren ist allein im zuständigen Gremium, dem Aufsichtsrat der TOOH, zu führen und gehört nicht in die Medien und auf ein Podium." Der Oberbürgermeister erklärt der geforderten Absage eine Absage.

Die Crux: Persönlichkeits- und Verwaltungsstrukturen

"Die beste Arbeit leistet die Verwaltung, die nicht in der Öffentlichkeit steht", fasst Ludwig von Otting den Konsens auf dem Podium zusammen. Dass bestimmte Verwaltungsstrukturen für Theater besser geeignet sind als andere, darüber herrschte dort Einigkeit. Das hänge aber nicht von der Rechtsform ab, sondern davon, wie die Spitze organisiert sei, so von Otting und Khuon. Für beide ist der Kaufmann der Ermöglicher der Kunst, für die er und die Intendanz eng zusammenarbeiten sollten. Daher bezeichneten sie die Hallenser Lösung als ungünstig. Denn sie sichere den Intendanten, die eigentlich eine Funktion als Spartendirektoren haben, künstlerische Autonomie zu, de facto aber liefen alle Entscheiderfäden beim kaufmännischen Geschäftsführer zusammen, der zum Generaldirektor werde. Dadurch bestehe die Gefahr, dass ästhetische Fragen über die Finanzen diskutiert werden.

Das Verwaltungsmodell sei historisch gewachsen, erklärt der Bürgermeister. Er selbst sieht hier Veränderungsbedarf. Wie das der Rest im Verwaltungsrat bewertet, wisse er nicht. Auf Nachfrage sagt er, das TOOH-Problem beruhe "auf besonderen Persönlichkeitsstrukturen, die hier aufeinandertreffen". Selbst eine eingeleitete Mediation habe nicht geholfen. Er wünsche sich "professionelles Arbeiten", wirkt aber resigniert. Am 22. Februar kommt der Verwaltungsrat zusammen, um über die verfahrene Situation und auch die Verlängerung der Intendanzen zu beraten. Laut Oberbürgermeister seien Lutz und Brenner dazu eingeladen – beide sitzen im Publikum, von Rosinski kein Spur. Ob eine Entscheidung schon in dieser Sitzung fallen wird, ob man sich die Struktur überhaupt vornimmt und einen Reformprozess einleitet, ist völlig offen. Möglich also, dass bei Oper und Theater bald die Intendanz ausläuft, weil der Verwaltungsrat an Rosinski festhält, oder dieser gehen muss und sich Brenner und Lutz durchsetzten. Eine Tabula-rasa-Politik ist auch nicht auszuschließen, mit der alle entscheidenden Positionen neu besetzt werden.

Gretchenfrage: Wie misst man gutes, erfolgreiches Theater?

Dann mischt sich das Publikum ein. In der Diskussion um die derzeitige Verwaltungsstruktur und dem Einfordern von Transparenz tritt auch ein unterschwellig tobender Sturm zu Tage. Unter wechselndem Applaus und Buhrufen schält sich die Spaltung des Publikum heraus. Man reibt sich auch in Halle an der Gretchenfrage, was Kunst ist und wie sich der Erfolg eines Stadttheaters bemisst. An den Zuschauerzahlen, an neu gewonnenen Zuschauern bei zeitgleichem Ausbleiben des Stammpublikums, an der Bewertung des überregionalen Feuilletons? Die einen loben die derzeitige Opernintendanz, die anderen beschwören vergangenes Personal. Und das ist die gute Nachricht, zumindest aus Außensicht: In Halle streitet man über Theatersichtweisen, da mobilisiert sich ein Publikum, um über Bühnenästhetiken zu debattieren. Den Hallensern ist Theater nicht egal – eine frohe Botschaft.

 

Der MDR stellt die Podiumsdiskussion zum Nachhören auf seine Webseite bereit.

Mehr zum Thema Kunst und Geschäft: Falk Schreiber untersuchte im Dezember 2018 in seiner Essay-Reportage "Interne Machtkämpfe", warum Intendanz und kaufmännische Geschäftsführung immer wieder aneinandergeraten.

 
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