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Kleine Schwester statt Big Brother

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 18. August 2011. Die junge Schauspielerin, die gegen Ende der Performance kurz in meine Rolle schlüpft und sich einem verdutzten anderen Theatergast als "Reinhard" vorstellt, hat mich eigentlich ganz gut getroffen: ein wenig steif sitzt mein Alter ego (heute sagt man dazu: Avatar) da, ein Einsilbling sondergleichen. Eh wahr: Ich bin einer, der das Herz nicht auf der Zunge trägt, sondern es lieber mit der Schreibfeder aufspießt.

Außen und innen

In der Mitmach-Theaterreihe beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele war diesmal Selbsterfahrung angesagt. In festspielmäßig exklusivster Form, als Face-to-Face-Aktion. Alle fünf Minuten darf ein Zuschauer rein in den Kubus aus ganz dicken Vorhängen. Was Trost spendet und beim Warten das Gefühl von Zahnarzt-Wartezimmer doch ein wenig mindert: es kommt auch alle fünf Minuten wieder jemand raus – und schaut gar nicht unglücklich drein. So arg wie zwei Tage vorher bei "Signa" wird es in den Klauen des belgischen Theaterkollektivs "Ontroerend Goed" also nicht sein.

Eine kleine Koje zuerst, Sessel vor einem Riesenspiegel. Man vermutet gleich ein Einweg-Fenster (und täuscht sich nicht, am Ende, als letzte Station, wird man auf der gegenüberliegenden Seite Platz nehmen dürfen). Eine Dame kommt dazu und quasselt viel über sich und ihre Befindlichkeit. Dann wird man weiter gereicht. Big Brother ist tätig, eh klar, hat mich sogar gefilmt in Koje eins. Jetzt ist eine nette junge Schauspielerin für mich zuständig. Small Sister ist neugierig. Ob ich mit meinem Äußeren zufrieden bin? Passt schon. Ob ich so wirke, wie ich es mir vorstelle? Ja, doch. Ob ich oft in den Spiegel schaue? Nö, bin nicht eitel, beim Rasieren schon. Eine Dame wird mir gezeigt. Ob ich glaube, dass sie glücklich ist? Wie sie wohl wohnt? Ob sie einen Partner hat? Ob sie ihm treu ist? Ich gebe mein Bestes bei der Einschätzung der sympathischen Blondine, die vor mir ins Theater-Hamsterrad eingestiegen ist.

Geheimnisse im Gesicht

Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass das Fernsehen mit seinem Shows aus dem Container effizienter arbeitet. Die Belgier des Kollektivs “Ontroerend Goed” machen es aber leiser, unaufdringlicher, subtiler. Bloßgestellt wird man gewiss nicht, nicht mal vor sich selbst blamiert man sich. Die lieben Leute von "Ontroerend Goed" haben messerscharf erkannt: Nicht allen Menschen stehen all ihre Geheimnisse ins Gesicht geschrieben. Taxiert man nach dem Äußeren, kann man in die Irre gehen. Spiegelbild nachspielen bringts auch nicht. Das führen sie einem in dieser Versuchsanordnung gediegen vor.

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A Game of you © Elies van Renterghem

Angeblich waren frühere Produktionen, mit denen sie weltweit gastierten, Kult. Vor allem pubertierende Jugendliche sollen sich in Produktionen wie "Once and for All" oder "Teenage Riot" gut wiedererkannt haben, und auch Theaterkritiker sollen davon angetan gewesen sein. "One-on-One"-Theater wie jetzt in Salzburg hat die Truppe aus Gent schon zwei Mal gemacht ("Smile Off Your Face" und "Internal"). "A Game of You" sei Abschluss der Trilogie, heißt es. Für sich genommen ist es ein sehr biederes, bescheidenes Erlebnis. Wenig Aufwand, aber auch wenig Effekt.

Arbeit an der Außenwirkung

Mit einer frisch gebrannten CD kehrt man heim. Neugierig in Erwartung meiner selbst schiebe ich sie augenblicklich in den PC ein. Überraschung: Es ist eine Ton-Aufnahme. Die Besucherin nach mir hat mich vorgeführt bekommen und taxiert nun mich. Dass ich verheiratet bin, traut sie mir nicht zu, Kinder auch nicht (beides daneben). Dafür schreibt sie mir, dem erklärten Hunde-Hasser, einen Golden Retriever zu. Musiker könnte ich sein, denkt sie (endlich richtig!), Jazz-Drummer vielleicht (falsch). Sympathie- und Freundschaftswerte hoch. Beziehung denkbar? Nein (aber nach längerem Zögern wenigstens). Felix könnte ich heißen, argwöhnt sie: Vielleicht muss ich an meiner Außenwirkung doch noch ein wenig basteln.


A Game of You
von Ontroerend Goed (Gent, Belgien) Konzipiert von Alexander Devriendt, Joeri Smet, Sophie de Somere, Nicolas Leten, Maria Dafneros, Charlotte De Bruyne, Kristof Coenen, Aurélie Lannoy und Eden Falk.
Mit: Kristof Coenen, Karolien De Bleser, Charlotte De Bruyne, Sophie De Somere, Aurélie Lannoy, Mieke Versyp, Angelo Tijssens.

www.salzburgerfestspiele.at


Mehr zum Young Directors Project der Salzburger Festspiele 2011: In Das ehemalige Haus des Kollektivs Signa begab man sich unter Menschenhändler und distanzlose Untote.

 

Kritikenrundschau

"In 'A Game of You' der belgischen Gruppe Ontroerend Goed schaut man sich selbst an", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (23.8.2011), "und erfährt in einem verschlungenen Parcours durch verschiedene halb verspiegelte oder per Video einsichtig gemachte Kabinen in der Aula der Universität, was andere über einen denken, wie man selbst andere beurteilt, nach welchen Kriterien und Klischees." Eine halbe Stunde, die einen verzaubere, weil man eitel ist; die einen berühre, weil sie nachdenklich macht. Eine sanfte und tiefe Reise ins Innere des eigenen Ichs.

Raffiniert findet Bernhard Flieher von den Salzburger Nachrichten (20.8. 2011), wie die belgische Gruppe Ontroerend Goed die Grenze zwischen Zuschauer und "Vorspieler" auflöst, immer darauf achtend, dass sich der Zuchauer doch wohlfühlt. "Während bei Facebook oder ähnlichen Ausweitungen der privaten Kampf- und Erzählzone die Selbstdarstellung ins Nichts geht, wird sie hier zur Orientierungshilfe". "A Game of You" funktioniere als Spiel, "das sich nur um einen Besucher dreht" und entfalte seine Wirkung aus einer Dialektik Eigenbeschreibung und Fremdbestimmung, Verstellung und Offenheit. Das gab dem Kritiker einigen Denkstoff mit auf den Weg vor den heimischen Computer, wo schließlich ein letzter Akt den Abend beschließt.

Ziemlich amüsant findet Barbara Petsch in der Presse (22.8.2011) "A Game of You": Es gehe darin "um einen Blick hinter den Spiegel des Ich, wie präsentieren wir uns? Was projizieren wir in andere? Sind wir gar nur eine Projektion aus Worten, Mutmaßungen? Letztlich bleibt dies ein Flash auf, ein Sketch über ein diffiziles Geheimnis namens Seele."

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