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Nicht ich selbst zu sein ist das, was ich bin

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 27. Oktober 2011. "Wenn ich mein Leben bilanziere, ergibt die Summe, dass ich glücklich bin." Äußert eine Figur einen solchen Satz als einen ihrer ersten, können wir davon ausgehen, dass dieses Glück ein fragwürdiges ist. Der US-amerikanische Dramatiker Sharr White hat ihn seiner Hauptfigur in seinem im März in New York uraufgeführten Vierpersonenstück "Der andere Ort" dennoch mit Fleiß in den Mund geschrieben.

Juliana heißt die 53-jährige Neurologin, die als Wissenschaftlerin in einer Männerdomäne glänzend zu bestehen weiß – oder wusste? Mit ihrem Gedächtnis, den Tatsächlichkeiten, Fehlschaltungen oder Beschönigungen ihrer Erinnerung spielt White gekonnt, hat er doch sein jetzt als deutschsprachige wie europäische Erstaufführung von Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski inszeniertes Stück derart mit Rückblenden, Überlappungen und schrittweisen Aufklärungen konstruiert, dass es für den Zuschauer ein spannendes, ja auch ergreifendes Rätsel zu lösen gilt.

Schicksalsverstrickungen

Die hochintelligente, schöne, wohlhabende, schlagfertige, geistreiche und dazu noch geliebte Frau (zu jung und dennoch ideal besetzt: Ragna Pitoll) hätte also in der Tat allen Grund, in der Summe dieser langen Reihung glücklich zu sein. Mit Anfang fünfzig erkrankt sie, die erfolgreiche Neurowissenschaftlerin, an Demenz. War sie je glücklich, oder ist sie es erst jetzt auf eine nicht von uns zu beurteilende Art? Ein Stoff, der es in sich hat und der zweiten Schicksalsverstrickung des nur 80-minütigen Abends nicht bedurft hätte: Ihre Tochter Laurel (Sabine Fürst) ist abgehauen, verschwunden, entführt oder tot. Schuld ist Mutter Juliana selbst oder deren einstiger wissenschaftlicher Assistent Richard, für den White ein fast ähnliches Verbleibsspektrum bereithält.

Betrachten wir die Konstellation eines (heftig aufdrehenden) reiferen und (zurückgenommenen) jüngeren Paares in Verbindung mit einem Kind, dessen lebendige Existenz vehement behauptet wird, letztlich aber tot ist, kommt uns nicht von ungefähr Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" in den Sinn, als dessen modifizerte Spielart "Der andere Ort" durchaus gelten kann.

Dennoch garantiert das handwerklich solide gebaute Stück einen funktionierenden Abend für ein Zimmer- oder Studiotheater. Burkhard C. Kosminski exponiert es nun aber auf der großen Bühne des Schauspielhauses und noch dazu in einem Guckkasten mit Riesenflächen (Florian Etti), der sich im zweiten Teil gigantisch auftut, um den "anderen Ort", nämlich die Natur nahe dem Wochenendhaus der Familie zu zeigen.

Von der Intelligenzbestie zum Häufchen Elend

Einen zweiten entscheidenden Fehler macht der Regisseur, indem er die Zeitsprünge der Handlung und Erinnerungen mit vermeintlich Verständnis fördernden brachialen Lichtwechseln unterstreicht. Die Faszination des Stückes liegt aber nun gerade in der allmählichen Auflösung des Demenz- und Tochterrätsels, die man dem Publikum hätte getrost zutrauen dürfen. Zumal es Ragna Pitoll mit altem Mimenhandwerkszeug bestens versteht, Haltungs- und Zustandswechsel zu vermitteln.

So makaber das klingen mag: Bei ihr ist es ein schmerzliches Vergnügen, den listigen, zunehmend hilfloseren Taktiken zu folgen, die sie von der Intelligenzbestie zum hilflosen und liebenswerten Häufchen Elend machen. Juliana entgleitet die Welt, ergo wittert sie Verrat, wird zur eifersüchtigen Furie – um schließlich (etwas rührselig) zu bekennen: "Nicht ich selbst zu sein, ist seltsamerweise das, was ich bin." Zur Seite steht ihr Gatte Ian, den sie als Onkologe liebend gern zur Diagnose "Hirntumor!" bringen möchte.

Monolithische Heldin

Thomas Meinhardt gestaltet ihn sensibel, aber auch eine Spur zu blass, wo der Text – und vor allem das (weitaus bessere) englische Original – ihn in Wut und Verzweiflung kräftiger zeichnet. In der leicht verdrehten Übersetzung von Ursula Grützmacher-Tabori, in der man "Trichterkuchen" und "Arme Ritter" isst, sich "kurz ausstreckt" statt einfach nur hinlegt und "wieder auf den Beinen" ist statt aufgestanden zu sein, hätte sich Kosminski mehr Freiheiten erlauben mögen. Doch leider hält er sich auch da fast bieder an Text und Regieanweisungen, wo ihm Erinnerungslandschaften und Suche nach verlorener Zeit kreative Möglichkeiten bereitstellten.

Freilich haben es die Figuren neben Juliana weder auf der Bühne noch im Stück leicht, mehr (schade für Sven Prietz) oder minder sind sie Staffage für einen groß angelegten Monolog der Auflösung. Sabine Fürst (Tochter, Ärztin, eine Frau) gelingen hingegen durch extreme Wandlungsfähigkeit kleine und große individuelle Momente neben der monolithischen Heldin. Doch die ist längst an einem anderen Ort, an dem wir sie nicht erreichen können, der uns Angst macht und – so wie ihn Sharr White zeichnet – doch vielleicht auch trösten kann.

 

Der andere Ort
von Sharr White
Aus dem Englischen von Ursula Grützmacher-Tabori
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüm: Janine Werthmann, Musik: Hans Platzgumer, Video: William Cusick, Licht: Nicole Berry, Dramaturgie: Katharina Blumenkamp.
Mit: Ragna Pitoll, Thomas Meinhardt, Sabine Fürst, Sven Prietz.

www.nationaltheater-mannheim.de


Kritikenrundschau

Dem verwirrende Strom aus Assoziation und vagen Gefühlen, aus dem der kalifornische Dramatiker Sharr White seine Alzheimer-kranke Protagonistin immer wieder auftauchen lässt, setzt Regisseur Burkhard C. Kosminski in seiner Inszenierung aus Sicht von Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (29.10.2011) das Publikum sehr geschickt aus. So sei dem Zuschauer oft nicht klar, auf welcher Zeitebene sich die an Alzheimer erkrankte Protagonistin gerade bewege, "ob die familiären Probleme mit der Tochter und dem Ehemann real sind oder durch die fortschreitende Gedankenverwirrung zustande kommen." Am Ende öffnet sich zum Kritikerglück das Bühnenbild "zum Sehnsuchtsort an der Küste, wo die verschwommenen Erinnerungen schillern wie das Meer." Auch Hauptdarstellerin Ragna Pitoll wird sehr gelobt.

"Das ist spannend, richtig spannend und das bleibt so bis zum Schluss", findet Natalie Sondrumm im Darmstädter Echo (29.10.2011). Wenn im Laufe des Abends die Kulissen nach hinten wegklappen und  die Sicht freigeben auf einen tiefen schwarzen Raum, dann charakterisiere dieses Bild "den Zauber von Burkhard C. Kosminskis Inszenierung trefflich". Den "anderen Ort" habe Kosminski um eine geheimnisvolle, unendliche Landschaft erweitert – "die der menschlichen Seele. Auch der Verlust des Verstandes kann deren Tiefe und Schönheit nichts anhaben."

"So behutsam und liebevoll, wie Sharr White diese Geschichte vor uns ausbreitet, hat auch Burkhard C. Kosminski sie auf die Bühne gebracht", schreibt Dietrich Wappler in der Rheinpfalz (29.10.2011). Der Regisseur lasse seine Schauspieler agieren: "präzise, ernsthaft, auf beiläufige Weise eindringlich, manchmal auch komisch."

Neue Stücke mit spannender Handlung und realistischen Figuren kämen derzeit fast nur aus Amerika, schreibt Jens Frederiksen in der Allgemeinen Zeitung Mainz (29.10.2011). "Der andere Ort" von Sharr White stärkt für Frederiksen den guten Ruf der US-Dramatik: "Ein starkes Stück, aus Monologpassagen, Dialog-Rückblenden und kleinen Verwirrspielen kühn, aber schlüssig zusammengebaut." Die Mannheimer deutschsprachige Erstaufführung werde zum puren Vergnügen durch die Schauspieler – "allen voran Ragna Pitoll als Juliana". Tief beeindrucktes Fazit: "Anderthalb Stunden nur – doch sie beschäftigen den Zuschauer noch tagelang."

Mit seinem Stück wage Sharr White sich an ein Thema, das uns alle umtreibt, schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (4.11.2011). Dabei spiele der US-amerikanische Autor mit einer "Dramaturgie der Verunsicherung". Das Stück sei wie die Symptome der Demenz-Krankheit, um die es geht: "unberechenbar, immer mal wieder bösartig – als versickerten existentielle Gewissheiten wie Wasser in heißem Sand." "Unverhoffte Wechsel" sowohl im Stück als auch in der Inszenierung seien es, "die ein Stück am Leben erhalten, von dem man nie so recht weiß, was es denn sein will: Krimi oder medizinische Fallgeschichte?" Die Unentschiedenheit des Textes passe ganz gut zu dieser deutschen Erstaufführung, die selber nicht so genau wisse, "ob sie nur trocken den Text nachvollziehen soll oder nicht doch eine Kunstanstrengung sein will".

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