Unter dem Terror des Apparats

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 14. September 2012. Was für eine Theatermaschine! Im Erdgeschoss der Raumkonstruktion mit ihren schiefstehenden Kammern, die aussehen wie von einem expressionistischen Stummfilm geträumt, spielt eine Band Rockiges von Rolling Stones und Konsorten, im rechten oberen Eck spinnt das Gretchen ihr Garn, ohne sich an der Spindel zu stechen, links führt eine lange, krumme Treppe aus der Höhe herab und rechts vorn, da ist die Studierstube des Faust samt Pult und Bank.

Hauptsache weiterdrehen

Denn der wird hier gespielt, Goethes "Faust. Der Tragödie erster Teil", im großen Haus des Schauspiels Frankfurt. Seit Monaten rollt die Propaganda-Maschine für die großen Faust-Festspiele die in den kommenden Wochen abgebrannt werden, mit 500 000 Euro gefördert von der Deutschen Bank. Der Tragödie erster Teil wird inszeniert von Stefan Pucher, dem ehemaligen jungen Wilden des deutschen Regietheaters, der mit Popmusik und Videoeinsatz die Vormacht des Wortes durchbrach und den Theaterraum intermedial aufsprengte. Und nun flimmern Chris Kondeks immerschöne Videos auch über die Wände des übergroßen Hexenhauses mit seinen verzweigten Kammern und windschiefen Türchen, das Barbara Ehnes entworfen hat. Doch was in dieser spektakulären Theatermaschine gespielt wird, ist eigentlich egal, so fürchtet man bald: Hauptsache, die Drehbühne dreht sich weiter.

© Birgit HupfeldA. Scheer und M. O. Schulze © Birgit HupfeldUnd dabei sind sie so ein schönes Paar: Der stets etwas steife, hohe, ernste Marc Oliver Schulze als lebensgehemmter, geistesgetriebener Faust, mit runden Schultern, vorgeschobenem Schildkrötenkopf, Akademikerbäuchlein und fettigem langem Haar. Übellaunig und heiser grummelt er ununterbrochen vor sich hin, ein furchtbar eloquenter Miesmuffel, der sich zum Leben wie zum Sterben zu schade ist, ein staubtrockener Besserwisser, zu schüchtern, sich unters Volk zu mischen, doch voller Sehnsucht nach all dem Gefühl, von dem er ahnt, aber nicht weiß. Und daneben der überaus elastische, lockerflockige Alexander Scheer als tollkühner, ungeheuer leichter Mephisto, der sich mit bester Volksbühnenattitüde schnoddrig-vergnügt durch den Text haspelt, der immer zu viel Energie hat und diese fortwährend in Schnörkel umleitet – hier noch ein Wink der schmalen Hände, dort noch ein Wippen der Knie, hier noch ein paar Akkorde auf die E-Gitarre gerotzt und da den Mund mit einem falschen Bart abgetupft: "Pardon!"

Verrauscht und verflimmert

Den ausufernden Redeschwällen des Faust begegnet er mit Augenrollen und demonstrativer Lässigkeit, verzweifelt rüttelt er am stockstarr-verzagten Heinrich, um ihn hinaus ins Leben zu treiben, und schließt ihn auch mal brüderlich in seine Arme. Vor dem inneren Auge sieht man dieses Duo Infernale aus Grummeligkeit und Schnoddrigkeit schon großartig durch die Welt ziehen, oder zumindest durch Auerbachs Keller, Hexenküche und Frau Marthes Garten.

Doch man hat nicht mit der Theatermaschine gerechnet, mit dem opernhaften Apparat, der sogar Scheers unsteten Füßen und übergroßen Gesten alsbald ihre Wirkung entzieht, weil er sich immer wieder effektheischend rumpelnd drehen muss, um neue Blickachsen freizugeben, weil die Musik abgespielt und die Videos abgeflackert werden wollen. So vergeht er im Flimmern und Rauschen, der Tragödie erster Teil – daran kann auch die tapfer abgespielte Gretchentragödie (Henrike Johanna Jörisson) nichts ändern.

 

Faust. Der Tragödie erster Teil
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Marysoldel Castillo, Musik: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Dramaturgie: Michael Eberth.
Mit: Marc Oliver Schulze, Alexander Scheer, Henrike Johanna Jörissen, Josefin Platt, Mathis Reinhardt, Vincent Glander, Heidi Ecks; Musiker: Michael Mühlhaus/ Leo Auri, Robert Kretzschmar/ Adrian David Krok, Masha Orella/Ramin Bijan.
Dauer: 3 Stunden

www.schauspielfrankfurt.de

 

Der Tragödie Zweiter Teil wurde in Frankfurt am Abend darauf bei den Faustfestspielen von Günter Krämer in Szene gesetzt.

 

Kritikenrundschau

Es sei "kein großer 'Faust', den Stefan Pucher gemacht hat, der große Zeremonienmeister des zeitgenössischen Regietheaters", meint Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (17.9.2012); es sei ein "durchwachsener 'Faust', der in dem Stück die Geschichte und das Heute sucht, aber beide verliert." Alexander Scheer, "körperlos dünn und von federleichtem Teufels-Elan", sei zwar "ein großartiger Mephisto", der sich "locker zwischen traditionellem Magier und Batman, zwischen Gründgens und Heath Ledger" bewege. Der Funke zwischen Marc Oliver Schulze als Faust und Scheer springe allerdings nicht über: "Beide sind mit sich selbst beschäftigt, jeder spielt für sich allein. Deswegen knallt diese poppige, proppenvolle Aufführung nicht: Man trifft nicht aufeinander."

Die Welt sei in Stefan Puchers "Faust I" "eine Art Hard-Rock-Café", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (17.9.2012), in Wahrheit aber sei das Ganze ein "unsägliches Verkriechen" des Theaters vor der Welt. Marc Oliver Schulze führe "einen bräsig überzwerchen Miesepeter, einen etwas unterbelichteten hysterischen Daseinsstreber als Lebenssitzenbleiber vor, um dessentwillen sich keine teuflische Anstrengung lohnt". Und der "völlig undisziplinierte" Alexander Scheer sei ein Mephisto, der "stets das Böse will, aber immer nur das Blöde schafft: in affig nölend tuntigem Selbstgenuss." Nehme man "das endlose Video-Geflimmer dazu und das dauernde Rockband-Getue, dann hat man in Stefan Puchers ranziger Inszenierung den Inbegriff eines uralten reaktionären Pop-Theaters, das um 1990 mal Mode war."

Gegen andere "Faust"-Inszenierungen der letzten Jahre (Thalheimer, Bosse, Stemann) wirke Stefan Puchers "Geisterbahnfahrt mit Weib, Video und Gesang gar harmlos", meint Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (17.9.2012). "Das Weltallegorische im Stück, Faust als gescheiterter Fortschrittsmensch", interessiere Pucher nicht. Er bediene das Volksstück und baue "dem Teufel die größten, spaßigsten Szenen". "Viele Goethe-Verse und andere Liedzeilen, die in Songs verklappt werden", gingen "im Schrammelrock einer 3-Kopf-Band akustisch unter. Schludrig wirkt das, und das gilt für vieles an dem Abend. Pucher liefert in Frankfurt eine seiner schwächsten Arbeiten ab." Immerhin sei Mephisto-Scheer "ein Charismatiker vor dem Herrn (der Unterwelt), der die Worte wie die Finger spreizt: ein großmäuliger Gaukler und Gambler."

Ausführlich beschreibt Jan Küveler in der Welt (17.9.2012) das Treiben in Stefan Puchers "Faust", insbesondere Alexander Scheer als Mephisto: als "eingefleischtem Castorf-Schüler ist ihm die Rolle als 'des Chaos wunderlicher Sohn' naturgemäß wie auf den Leib geschrieben." Küveler lobt auch "die dauerpräsente Band, angeführt von der erstaunlichen Masha Qrella an der E-Gitarre". Das alles klinge "nach Spektakel, und das ist es auch. Nach der Pause lässt dieser 'Faust' es sogar noch mehr krachen. Die tendenzielle Eintönigkeit des anfänglichen Stationen-Würfelns weicht einem Mehrstimmgesang aus vielen Winkeln. Henrike Johanna Jörissen ist ein entzückendes Gretchen. Es gelingt ihr, der zunehmend hochtourig tösenden Theatermaschine eine liebliche Innerlichkeit entgegenzusetzen, die mehr bezwingt als der läppische Kerker, in dem sie endet."

Stefan Pucher, "der Pop-Star unter den deutschen Regisseuren", lasse "allen Tiefsinn fahren, führt ein Musical, eine Rock-Oper auf und delegiert die Magie des Worts gern an die Musik", schreibt Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse (17.9.2012). Das Ganze schnurre "ganz lustig und vergnüglich ab", und Überhaupt gebe es "viel zu sehen". Die Gretchen-Tragödie aber werde bei Pucher "so klein, dass Henrike Johanna Jörissen ihr nichts erstatten kann. 'Faust I' – ein hastig flimmerndes Delirium, ein Light-Drama, das hinwegflackert wie ein flottes, flaches Youtube-Filmchen."

Für den ersten Teil der Tragödie hat auch Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (17.9.2012) nicht viel übrig: "Pucher hat keinerlei Zugriff auf das Stück, sein sonst oftmals intelligenter Umgang mit dem Pop, seine Kunst, verschiedene Zeichenwelten zu verschränken – nichts davon diesmal. Er malt lediglich ein paar Regiekringel zwischen die Verse. Bunt, laut und leer. O weh." Der Faust von Marc Oliver Schulze kenne "genau zwei Sprechtonlagen: schaudern oder schäumen. So viel Blässe, Dünnheit hat Faust selten." Und selbst von Alexander Scheer als coolen Brando-Jagger-Mephisto wisse man, "dass er sehr viel differenzierter zu agieren vermag".

"Es ist ein Gewese und Gewusel durch all die Kicks der Großstadt hindurch, die einen schlechten Geschmack im Mund hinterlassen, aber mehr auch nicht", schreibt Thomas E. Schmidt in seiner Doppelbesprechung beider Frankfurter Fausts in der Zeit (20.9.2012) über Puchers Faust I. Pucher mache "so etwas wie Moraltheater für die Jugend". Sein Faust I sei ein fernsehtauglicher Calderon, von lulligem Gitarrenrock begleitet und in Videos getaucht, die oft ziemlich penetrant nach Robert Wilson aussähen. "Mitten im Tohuwabohu macht sich das Gefühl von Belanglosigkeit breit."

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