Ist da noch Saft drin?

von Jens Fischer

Lübeck, 19. September 2014. Lässig-lümmelig sind die Darsteller gewandet, wie auf einer dezent tuntigen Motto-Party für Freunde von Shakespeares "Antonius und Kleopatra". Pitschepatschig kneippen, schreiten, rennen, fallen, sterben sie im knöcheltiefen Bühnenteich, liefern ihre Texte mit Vorliebe in Extremlagen ab, betont schrill oder unbetont melodramatisch, und verweisen mit bewusst albern inszenierten Zuspitzungen auf die hollywoodtösen Zurichtungen dieses Sujets.

Kühler Cäsar, exotische Kleopatra

Puppenlustig springt Patrick Schlösser hin und her zwischen mehr als 30 Figuren, zehn Jahren römisch-imperialer Geschichte sowie zwei Weltreichen und Kulturen. Auf der Auswechselbank an der Bühnenrückwand wird die kühle Arroganz einer militärisch geprägten Rationalität beheimatet, die nüchterne Cäsaren-Welt. Eher kunterbunt exotisches Abenteuerland ist die Frauenwelt im Palast der Kleopatra. Vereinend wirken soll eine klassische Beziehungsgeschichte: Römer und Ägypterin im ständigen Wechselspiel von brünstig behaupteter Liebe und staatsmännischem Karrierestreben.

Während sich der historische Hintergrund dynamisch in den szenischen Vordergrund tobt, entsteht plötzlich, erstmals, konzentrierte Stille: Die gerade von Antonius verlassene Octavia tritt mit sachlichem Catwalk-Stolzieren auf. Von einem zwanglosen Picknick am Meer erzählt sie, geht an die Rampe und kommt vom Plaudern ins verstörte Berichten: Blitze, Donner, Regen, Wellen, dunkle Menschen, fremde Sprachen – das sind so Stichworte. "Da sitzt du am Strand und vor dir geht eine Besatzung unter." Kann schon sein, steht so aber nicht bei Shakespeare. Lange darf über diese Andeutung gerätselt werden. Erst zum Finale enthüllt sie ihren Sinn.

antoniusundkleopatra 2 560 kerstinschomburg uKühler Cäsar, hyterische Kleopatra? © Kerstin Schomburg

Massengrab Mittelmeer

Nachdem das Bühnenpersonal großteils hinweggemeuchelt ist, präsentiert Schlösser in Lübeck gestrandete Flüchtlinge, die nicht bitten, sondern Wohnung, Brot, Kleidung und ihr Gast- als ewig gültiges Asylrecht einfordern. Diese ernste Schlusspointe ist auch als Referenz an einen Lehrmeister des Regisseurs zu verstehen. Einar Schleef hatte 1999 einen Flüchtlingschor am Wiener Burgtheater in seine Version von Goldonis "Trilogie der Sommerfrische" implantiert. Auch ein Stück, bei dem die Festung Europa keine Rolle, aber die Handlung ebenso wie bei Shakespeare unter anderem in Italien spielt. Das am Mittelmeer liegt. Einem Massengrab.

Aktuelle Angaben des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen besagen, dass 2014 bereits 130.000 Menschen in häufig hoffnungslos überfüllten, oftmals kaum seetüchtigen Booten von Afrika in die EU-Zone gelangt und vermutlich 2.500 Menschen bei dem Versuch ertrunken sind. Das zu thematisieren, ist nicht nur im Theater wichtig. Aber gerade deswegen hilft Inszenierungen kein Dran- und Draufkleben solcher Aktualitätsverweise, kein bloßes Herbeizitieren der Problematik. Die Auseinandersetzung müsste auf der dramatischen Ebene beginnen.

Am Ende siegt Atze Schröder

Dort sind in Lübeck aber vor allem der "Narr" und seine "Hure" für allerlei Drollerei zuständig. Astrid Färbers Kleopatra ist gealterte Kurtisane und verwöhnte Prinzessin, eine jähzornige, ja: hysterische Ziege. Und auch ein wenig Lady Macbeth im Strebertum einer Aufsteigerin. Der römische Triumvir und umjubelte Heerführer Marcus Antonius (Timo Tank) scheint der reifen Schönheit rettungslos verfallen, wird zum willfährig manipulierbaren Objekt, das alle Feldherren-Kunst auf dem Altar der Verliebtheit opfert und dabei bewusst den eigenen Untergang in Kauf nimmt. Antonius guckt dabei so stolz, auf seine alten Tage noch einmal drauflos knutschen zu dürfen. "Da ist noch Saft drin", jubelt er. Romeo und Julia für Erwachsene – sexhungrige Leiber im fortgeschrittenen Alter? Nirgendwo ein Weltentzündungsvorgang! Vom Liebeswahn zeigen die beiden Möchtegern-Junkies der Paarbildungsdroge zumeist die Comedy-Variante. Was auch Sinn macht: Es gibt gar kein Hormonfeuerwerk, kann keines geben. Da die Intrigenspiele der Macht und Shows der Eitelkeiten keinen Platz für wahre Empfindungen lassen, sind nur ihre Klischees spaßig auszustellen.

Nach der Pause wird's ruhiger, eine Stunde lang dehnt sich die Travestie des Romeo-und-Julia-Doppelselbstmordes. Kleopatra inszeniert ihren Part stilvoll als Totentanz mit einer leibhaftigen Schlange, während dem greinenden Antonius die Eifersuchtsgalle dermaßen zusetzt, dass er eine deftige Parodie des Sterbens auf Theaterbühnen hinlegt. Und am Ende siegt Atze Schröder, also der proll-ironisch kokettierende Octavius (Henning Sembritzki) mit seinem Kalkül – er wird Kaiser Augustus. Und selbst Zuwanderer mithilfe von Kriegen in sein Reich zwingen.

 

Antonius und Kleopatra
von William Shakespeare, Deutsch von Jens Roselt
Inszenierung: Patrick Schlösser, Ausstattung: Katja Wetzel, Musik: Wolfgang Siuda, Dramaturgie: Katrin Aissen.
Mit: Astrid Färber, Susanne Höhne, Anne Schramm, Timo Tank, Henning Sembritzki, Björn Bonn, Matthias Hermann, Robert Brandt, Julius Robin Weigel, Will Workman sowie den Musikern Daniell Fourie (Harfe), Ralph Lange (Gitarre, Oud) und Ingeborg Mentz (Viola da Gamba).
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theaterluebeck.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Bühne ein Wasserbecken, "es steht zugleich für Sinnlichkeit und Luxus an Kleopatras Hof wie für das Mittelmeer, das die verschiedenen Schauplätze miteinander verbindet", schreibt Sabine Spatzek in den Kieler Nachrichten (21.9.2014). Die berühmte Seeschlacht vor Actium lasse sich hier prächtig "mit zusätzlicher Wasserberieselung in Cinemascope-Manier und Slow Motion zeigen, es ist eine der effektvollsten Szenen in Schlössers ironisch auch mit medialen Klischees spielender Regiearbeit". Eindeutiges Kraftzentrum der Inszenierung sei Astrid Färber, "ihre Kleopatra fasziniert mit einer Aura aus Eleganz, Erotik und Wandelbarkeit." Die zeitgemäße Textfassung von Jens Roselt falle ebenso angenehm auf wie die live gespielte Musik mit Harfe, arabischer Oud und anderen Saiteninstrumenten. "Ob der bei Regisseuren derzeit so beliebte Aufmarsch des Laienchors zuletzt ein gelungener Coup ist, darüber darf man geteilter Meinung sein."

Ein Fest für die Hauptdarstellerin Astrid Färber, schreibt Michael Berger in den Lübecker Nachrichten (21.9.2014), sie zeige Kleopatra als "nicht mehr ganz jung, hocherotisch, neurotisch, eifersüchtig, herrschsüchtig, verletzlich", die Adjektive reichten nicht aus. Ihr Titelpartner Timo Tank bleibe "der Spielball" dieser "schlanken, wendigen, kapriziösen, egozentrischen Diva". Toga und Tunika großen "Aniken-Schinken aus dem Hollywood der 60er Jahre" entliehen, die allmählich durchnässten Kleider verliehen den Damen den "Faltenwurf antiker Statuen". Am Ende tanze Färber / Kleopatra mit einer echten Python, auch "den anderen Darstellern gelingen originelle Charaktere". Doch trotz imponierender Bilder werde die Spannung nicht über die vollen drei Stunden aufrecht erhalten, auch wenn ganz zuletzt der Auftritt der Flüchtlinge als unbehagliches Ende bleibe.   

 

 
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