Alles Puppen außer Käthchen

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 7. November 2014. "Das Cabinett des Doktor Jansen", ist man zu spotten versucht, wenn man die vorherige Arbeit, Schnitzlers "Anatol", und die jetzige, "Das Käthchen von Heilbronn", des Niederländers Bram Jansen in Oberhausen gesehen hat. Der junge Regisseur pflegt die Stücke in mehr oder weniger aseptische (Spiegel-)Kabinette zu zwingen, aus denen gelegentlich nur Gerüchte, verblassenden Botschaften ähnlich, nach außen dringen.

Draußen scheint der Vollmond, drinnen aber herrscht dermaßen komplette Dunkelheit – im beginnenden Feme-Akt zumindest –, dass des Dichters deutliche Sprache so recht wie im Hörspiel zu klingen und zu singen beginnt. Jeder Zuschauer bekam ein Nachtsichtgerät ausgehändigt, dessen Gebrauchswert, warum auch immer, gegen Null tendierte. Also: Käthchen im Blinden. Des Mädchens Stimme wusste zu gefallen.

Panoptikum des Grauens

Schon die Entscheidung, das personenreiche romantische Ritterschauspiel nicht im großen Haus, sondern im Malersaal, auf einer Studiobühne also anzusetzen, ist ja eine krachende Ansage. Gut, Nebel kann man notfalls auch auf zwanzig Quadratmetern Spielfläche wabern lassen, und so geschieht es denn auch, wenn's brennt und das ominöse Futteral aus den Flammen von Kunigundes Schloss gerettet werden muss. Aber ansonsten schlägt hier hübsch jeder dort Wurzeln, wo er vom Regisseur hinplatziert wurde. Mehr noch: Die Bühne von Guus van Geffen zeigt neben einem Screen mit vorüberziehenden Wolken und einer Miniaturritterburg mit stummen, schweigenden Tannen davor Folgendes: eine Reihe von Boxen und Stellagen, in denen die Akteure, solang sie nicht in Aktion treten, leblosen Gliederpuppen gleich die Köpfe hängen lassen.

kaethchen2 560 laura nickel hHell strahlend über der mechanischen Puppenwelt: Laura Angelina Palacios als Käthchen,
im Vordergrund: Torsten Bauer als ihr Vater, Waffenschmied in Heilbronn © Laura Nickel

Es sind jene tanzenden Puppen, von denen Kleist im Marionettentheateraufsatz sagt, dass sie in puncto Grazie den Göttern und nicht den Menschen glichen. Nur dass sie hier wiederum von Menschen verkörpert werden, womit sich die Katze ja in den Schwanz beißt. Bram Jansen will zeigen, wie man, allem Menschlichen gegenüber, zu mechanischen Auffassungen neigt. Das mosaische Wesen der Kunigunde von Thurneck (Angela Falkenhan) ist die krasse Verkörperung einer mechanischen Figur, weder tot noch lebendig. Auch der Kaiser oder Friedeborn, der Waffenschmied (besonders virtuos: Torsten Bauer), sind solche mechanischen Existenzen mit fixierten Mienen und abgezirkelten Gesten. Einzig das Käthchen-Mädchen darf in Jansens Panoptikum des Grauens ein Wesen aus Fleisch und Blut sein.

Eine rettet alles

Laura Angelina Palacios in dieser Rolle ist die Entdeckung des Abends, man kann sagen, sie rettet ihn überhaupt. Die Klarheit, Entschiedenheit, und ja: die Lauterkeit, die Würde und die Anmut, mit der sie die Figur oder in diesem Fall besser: den Kleist'schen Menschen Katharina wie beiläufig ausstattet, lassen den angestrengten Rest mehr oder weniger vergessen. Man braucht dazu kein Nachtsichtgerät, man ist sogar versucht zu kalauern: Das sieht nun ein Blinder bei Nacht. Leider kann Jürgen Sarkiss als Graf Wetter vom Strahl seiner Partnerin nicht das Wasser, ach was – er kann ihr gar nichts reichen. Bram Jansen, vernarrt in seine überkandidelten Kon- und Dekonstruktionsideen, lässt den Schauspieler als armen Schlucker auf der winzigen Bühne rumstehen wie bestellt und nicht abgeholt. Bezeichnend, dass der männliche Protagonist als Einziger pendelt zwischen "Puppe" und "Mensch"; er ist weder das eine noch das andere.

So verheddert die Aufführung sich in ihren eigenen ehrgeizigen Ansprüchen. Sie beginnt als treuherziges Hörspiel, lässt kurz Licht werden, dann wieder Nebel wabern, spannt die Schauspieler als Regietheatersklaven in ein ödes Geschirr, trägt eine steile These vor sich her als Selbstrechtfertigung. "Das Käthchen von Heilbronn"? Unspielbar. Was einmal mehr bewiesen wäre. Wäre da nicht Laura Angelina Palacios in der Titelrolle. Sie ist allerdings sehenswert.

 

Das Käthchen von Heilbronn
von Heinrich von Kleist
Regie: Bram Jansen, Bühne: Guus van Geffen, Kostüme: Esmée Thomassen, Musik: Jorg Schellekens, Choreografie: Ryan Djojokarso, Dramaturgie: Rüdiger Bering.
Mit: Angela Falkenhan, Laura Angelina Palacios, Torsten Bauer, Jürgen Sarkiss, Hartmut Stanke, Peter Waros, Elke Weinreich.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

"Werden wir an unsichtbaren Fäden geführt oder können wir uns frei bewegen?" frage der Abend, schreibt Gudrun Mattern in der Oberhausen-Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (10.11.2014) Beides, meine der Regisseur mit seinem Marionetten-Theater. "Das ist amüsant und schafft einen Abstand zum Geschehen, das im finsteren Mittelalter spielt." Mattern lobt die fehlenden Längen und die Arbeit des Maskenbildners.

Jansen gelinge "eine überzeugende Gratwanderung zwischen (ziemlicher) Texttreue und Neudeutung", findet Wolfgang Platzeck in der Essen-Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (10.11.2014). "Konsequent treibt er dem Werk, das wie kein anderes des Autors in die Nähe der Romantik rückt, eben dieses Romantische aus und kehrt den märchenhaft-unwirklichen Charakter ins Futuristische."

 

 
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