Depri-Artist

von Esther Slevogt

Berlin, 10. April 2015. Am Ende fällt kein Schuss, der junge Werther bleibt offenbar am Leben und einer der berühmtesten Selbstmorde der Literaturgeschichte fällt im Berliner Ballhaus Ost erst mal aus. "... and I still continue to breathe... ", singen die vier Performer in einer Art Endlosschleife. Das ist zwar fast ein Originaltext aus Goethes "Werther": aus dem Schlussbild geschnitten, als Werther schon von sich selbst tödlich verletzt im Sterben liegt. Allerdings in englischer Übersetzung und aus der dritten in die erste Person Singular gebracht.

Doch einer, der noch "Ich" sagt, kann schließlich nicht tot sein. Dieses "Ich" ist in Goethes berühmtem Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" als zur poetischen Seinsform erhobenes Konstrukt zu betrachten: ein junger Mann, jener Werther eben, berichtet in Briefen an einen Freund "Wilhelm", wie er sich in eine junge Frau namens Lotte verliebt, sozusagen wissend, dass er damit ins Verderben läuft: denn Lotte ist mit einem anderen verlobt. Erst sucht er die Auflösung seiner Seele in der Vereinigung mit der Natur, dann in der Liebe.

Ist das von Goethe – oder doch von Curt Cobain?

"Must it ever be thus – that the source of our happiness must also be the fountain of our misery?" wird also im Berliner Ballhaus Ost leitmotivisch immer wieder gesungen. Auch das ist Goethe auf Englisch. Klingt aber irgendwie auch nach Curt Cobain oder anderen Depri-Artisten des Pop – auf die dieser elegische, ironisch zugespitzte kleine Abend der Performance-Gruppe vorschlag:hammer immer wieder mit kleinen Vertonungen von Goethe-Sätzen anspielt. In der Popgeschichte ist das Werther-Syndrom schließlich auch ziemlich verbreitet: der Profanität des Alltäglichen in die Droge Gefühl zu entkommen, auch wenn das arme Organ namens Herz daran zerbricht.

DasLeiden 560a PaulaReissig uIn verschossenen Outfits, mit betont unschuldigem Vortragsstil, so nähern sich vorschlag:hammer Goethes "Werther" – hier: Kristofer Gudmundsson. © Paula Reissig

"Die Leiden der jungen Wörter" hat das in Hildesheim ausgebildete Performerkollektiv, das schon Preise beim Körber Studio und beim niedersächsischen Best-Off-Festival einheimste, seine Goethe-Auseinandersetzung überschrieben. Doch die Wörter bleiben am Anfang erst mal aus. Zu wummernden Beats flackern rhythmisch ein paar Scheinwerfer auf der leeren Bühne. In albernen Jäckchen und viel zu engen Hosen stehen Kristofer Gudmundsson, Frieder Hepting, Gesine Hohmann und Stephan Stock erst mal ziemlich linkisch am Rand herum und schauen lang und leer.

Schlagende Herzen an der Wand

Erst nach einer Weile fangen sie an, sich in Goethes Text hereinzuschrauben, mit verteilten Rollen Fragmente aus dem 1774 zuerst erschienenen Roman zu erzählen. Manchmal zitieren sie daraus im Original. Manchmal aber wird auch einfach frei und in heutiger Sprache nacherzählt, hinzuerfunden oder -assoziiert. Betont unschuldig und mit unbedarfter Miene tragen die vier in ihren verschossenen Outfits die kleinen, in ihrer emphatischen Innerlichkeit stets auch ein wenig komisch wirkenden Miniaturen vor, mit denen Goethe seine Geschichte vorantreibt: Werther in der Natur; Werther, eine Jungfer am Brunnen beobachtend; Werther schließlich mit der angebeteten Lotte, die ihn kokett (trotz Verlobung mit einem anderen) immer mehr an sich bindet.

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker wird der Sog der Geschichte. Mit kleinen, poetischen Bühnenkunststücken wird der Wirkungsraum der Goethe-Wörter illustriert, erweitert, manchmal auch karikiert. Und dabei herzzerreißend anschaulich gemacht. Da wird das Licht aus den von der Decke hängenden Glühbirnen ausgetrunken. In Schattenrissen werden Worte oder einfach nur schlagende Herzen an die Wand projiziert. Das alles sind ebenso einfache wie überzeugende Mittel, diesen berühmten Stoff zu präsentieren. Ganz klein, unprätentiös und gerade deshalb im besten Sinne ergreifend. Ja.

 

Die Leiden der jungen Wörter
von vorschlag:hammer
Von und mit Kristofer Gudmundsson, Frieder Hepting Gesine Hohmann, Stephan Stock, Lichtcoaching: Andreas Greiner, Raul Walch, Produktionsleitung: Juliane Hahn.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.sophiensaele.com
www.vorschlag-hammer.de
www.ballhausost.de
www.ringlokschuppen.de

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Leiden der jungen Wörter, Berlin: nicht ergreifendkean 2015-04-10 20:29
also ich persönlich fand es sehr langweilig. wenn man nur zeigen will, dass ein text nicht mehr heutig ist- dann bitte einfach nicht aufführen.

und wow. technikshow. scheinwerfer. musicalnummern. super ergreifend.
#2 Leiden der jungen Wörter, Berlin: mehr gezeigtOpi 2015-04-10 22:21
Na da wurde schon mehr gezeigt. Die haben den Text näher an sich herangelassen als die meisten der durchschnittlichen langweiligem Verwandlungs-Schauspielerchen es jemals könnten.
Ob die Geschichte das überhaupt verdient hat steht auf einem anderen Blatt.
#3 Leiden der jungen Wörter, Berlin: welcher Erkenntniswert?NiveaCreme&Polemik 2015-04-18 14:01
gääääähhhhnnn war echt mega langweilig.
Vor allem worauf soll das Statement diesen Abends hinauslaufen? Das diese Künstler Haltung völlig anachronistisch ist? Ich mein' wir wissen doch eh alle schon längst, dass es nichts bringt sich Nivea Creme in die Matte zu schmieren und einen auf leidenden Curt Kobain zu machen
"My Personality is nothing more as an Imbalance of Brain Chemicals" stand mal auf einer Parkbank in Berlin Mitte zu lesen. Aber auch das klingt mittlerweile genauso prüde, wie der Name Prenzlauer Berg, oder ist genauso Pop-Spießertum wie das Nirvana T-Shirt.
Also ich frag mich langsam ernsthaft worin überhaupt noch der Erkenntniswert dieser typisch postmodernen Ironie liegt. Da bestätigt sich doch einfach nur ein Diksurs immer wieder aufs neue selbst...Und das schon seit Ende der 90er in der Endlosschleife. Das denen da nicht langweilig wird!
Richtiger Humor ist dagegen mittlerweile eine absolute Seltenheit und scheinbar nun völlig durch dieses Postmoderne "Augenzwinker-Paradigma" abgelöst worden. Das geht fast alles schon in Richtung Karnevals Sitzung; man weiß immer genau an welcher Stelle gelacht werden muss.
Das Theatervolk nimmt sich in dieser Ironie Attitüde einfach nur noch selbst viel zu ernst. Und wenn man dann da so bemüht entspannt mit der Hipstarfriese im Ballsall sitz und merkt Scheiße hier sitzt jetz überall die Kulturpolizei, die einen schief von der Seite anguckt weil man an der falschen Stelle gelacht hat. Dann ist der Theaterabend irgendwie schon gelaufen...
Das man sich dann noch einen kleines Tränchen rausdrückt für diesen Archetypus des Deprikünstlers, weil trotz aller Ironie und Witz, dieser Abend doch etwas ergreifendes hat, wird dann schon ziemlich unangenehem. Und da kann weder Cobain noch der Werther was für, dass uns heute scheinbar nichts besseres mehr einfällt als der ironische Blick auf einen "OFF Theater Werther 2.0".Und der Gießner zum Hildesheimer sagt: "Guck mal der hat sogar echte Narben im Gesicht"

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