Stop-and-Go-Zug 

von Janis El-Bira

Berlin, 28. Juni 2015. Szenen wie beim großen Schulhoffest vor den Sommerferien im Haus der Berliner Festspiele: In beiden Foyers sind etliche Stände aufgebaut, junge Menschen laufen hektisch in griechisch-römischen Togen zwischen den dicht gedrängten Besuchern hin und her, jemand trägt ein Schild mit der Aufschrift "Hades" herum. Zelte und Essensstände in Kreuzköllner Hipster-Optik pflastern den Garten und im oberen Stockwerk bieten das Orakel von Delphi und eine Mythenerzählerin ihre Dienste an, während alte BR-Alpha-Sendungen mit Antikebezug über hoch aufgetürmte Fernsehschirme flimmern. Dass zudem mit einer längeren Verweildauer der Gäste gerechnet wird, verraten mäßig einladende Feldbetten und ein Kiosk, der Zahnpasta, Schlafmasken und auch sonst jede Menge anbietet, was moderne Großstädter auf keinen Fall für eine volle Nacht meinen missen zu können.

Doch eine Pyjama-Party mit Griechenland-Motto findet hier zumindest der Sache nach nur am Rande statt. Vielmehr handelt es sich bei diesem opulenten Begleitprogramm um eine Maßnahme zur Reduktion von Strapazen - massiven Theaterstrapazen, um genau zu sein. Denn Jan Fabre, etwas in die Jahre gekommener Bürgerschreck und Neuerfinder der Benelux-Performance-Szene, hat mit seinem Antwerpener Troubleyn-Theater zur Uraufführung von "Mount Olympus" geladen und gleich angekündigt, hier so etwas wie die Summe seines Schaffens vorzulegen. Dafür hat er sich viel Zeit ausgebeten, denn die Besteigung dieses "Mount Olympus" nimmt 24 unterbrechungslose Stunden in Anspruch.

Performance-Panorama

Einen vollen Tag und eine volle Nacht im Theater zu verbringen, das kann sich das Foreign-Affairs-Festival, in dessen Rahmen die Aufführung stattfindet, offenbar nicht anders als eine mit allen Mitteln zu mildernde Qual ausmalen. Und so ziehen an diesem Nachmittag etliche zur Selbstvorsorge Alarmierte mit Schlafsäcken und randvollen Trekking-Rucksäcken bewehrt in den Bornemann-Bau an der Schaperstraße.

Sei's drum. Was im Herzen des ganzen Boheis auf der Bühne passiert, ist großenteils von eher überschaubarem Folterpotenzial. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Fabres "Zumutungen" - die langen Phasen erbarmungsloser Bewegungs- und Textwiederholungen, die fast pausenlose Nacktheit, die Farb- und Blutschmierereien, Spuckereien, Schreiereien - natürlich längst zum Performance-Gemeingut geworden sind. Für "Mount Olympus" hat der Regisseur sich zudem einen Parforceritt durch die griechische Antike vorgenommen und diesen in unzählige, weitgehend eigenständige Szenen gesplittert, ohne sie - zumindest in den ersten rund zehn Stunden, denen dieser Text gilt - einem übergreifenden dramaturgischen Bogen unterzuordnen.

mount olympus1 560 wonge bergmann uQuer durch Mittel, Mythen, Schmerz, Blut und Farbe: "Mount Olympus" © Wonge Bergmann

In schwächeren Phasen vermittelt das auf einer von effektvoll auf- und abfahrenden, kugelförmigen Lampen ausgeleuchteten Bühne den Eindruck einer makellos arrangierten Nummern-Revue in weißen Togen. Das notorisch dauererregte Foreign-Affairs-Publikum springt auf diesen Stop-and-Go-Zug dankbar auf und feiert schon die erste dionysisch-stampfende Gruppenchoreographie mit ekstatisch wackelnden Hintern mächtig enthusiasmiert durch verzückte "Huuuu!"- und "Aaaah!"-Rufe. Danach wird jeder einzelne Auftritt, ob laut oder leise, allein oder in Gruppe, rasend oder in Zeitlupe, frenetisch beklatscht. Auch so kann man sich wachhalten.

Zwischen Göttern und Menschen

Das soll nicht heißen, dass es nicht auch Anlass zu Jubel gäbe. Viele der Vignetten, die sich aufteilen in eher frei an mythischen Motiven angelehnte Gruppen- und meist textlastigere Einzelperformances, sind für sich genommen kostbarste Einakter. Es gibt eine großartige Narziss-Szene, in der Tänzer und Tänzerinnen paarweise einander spiegeln, sich in äußerster Langsamkeit entkleiden und bluttriefend das Geschlecht verstümmeln. Der Eiswind, der diese langen, lautlosen Minuten umweht, treibt tatsächlich einmal jenes archaische Schaudern in die Glieder, auf das Fabre alles Griechisch-Tragische bewusst reduziert wissen will: Fabres Antike wird im Innersten nicht schon vom Urschleim des Humanismus zusammengehalten, sondern nur von dickflüssigem Blut, vom Schweiß der Agonie und von wild spritzendem Sperma zwischen Göttern und Menschen.

mount olympus2 560 wonge bergmann uSpiel auch in idealgriechischen, reinweißen Togen © Wonge Bergmann

Die Tragödie führt er so - fernab aller Sublimierungen - auf ihr Wesen als kultische Handlung zurück, deren gnadenloser Gang durch Jammer, Schmerz und Schaudern allein die Bedingung der Möglichkeit von Erleichterung und Affektreinigung enthält. Performer und Zuschauer sollen da nun, das ist der Anspruch der ganzen Sache, binnen 24 Stunden gemeinsam durch. Allerdings müssen nur die Darstellenden dafür so lange Seilspringen, bis die tropfnasse Haut sich wie Pergament über den Muskeln spannt, vor Erschöpfung die Stimme bricht und schließlich die Instrumente der Selbstfolter im hohen Bogen befreiend fortgeworfen werden. Für uns auf der anderen Seite gibt's derweil am Spieß gegrilltes Schaf im Garten. Und Schlafmasken.

Über das Zerreißen von Opfertieren

Die schwärzesten Stunden der Nacht, so zwischen halb drei und fünf, lassen nicht nur die Köpfe im - zugunsten der Liegen und Sessel im Foyer schon ziemlich dezimierten - Auditorium reihenweise nach vorne klappen. Sie bringen auch Zeit, ein paar Szenen vom früheren Abend in variierter Form zu wiederholen: Die Nummer mit dem Seilspringen wird nun als Tauziehen noch einmal gegeben. Dabei schreien die Performer wieder motivierende Wechselgesänge in den Saal, was einiges Augenreiben und Rückenstrecken provoziert. Das Seilspringen hatte aber trotzdem ungleich mehr läuterndes Mitleiden ausgelöst. Das gilt auch für eine Solo-Performance, die am Nachmittag schon für Ächzen und Stöhnen im Publikum gesorgt hatte: Ein Krieger in Rüstung schlug da mit einer meterlangen Eisenkette wahllos um sich, stürzte und verfing sich dabei immer wieder in seinem zurückpeitschenden Spielzeug, bis Knie und Ellenbogen blutig waren. Die Wiederaufnahme durch eine Kollegin um knapp fünf Uhr früh kann dagegen nicht ganz diese Intensität halten. Ist vielleicht auch besser so.

Regen Einsatz der ebenfalls schon am Abend etablierten Obsession mit Unmengen roher Fleischbrocken gibt es indessen in einer langen Sequenz zu betrachten, die den "Sparagmos", also das rituelle Zerreißen eines Opfertiers (oder -menschen), zum Gegenstand hat. Unter anderem berichtet da eine Mutter, breitbeinig sitzend im weißen Kleid, wie sie sich quasi selbst zerrissen, ihre Gedärme einzeln aus der Vagina gezogen hat. Vor ihr wird ein Eimer rotes Fleisch ausgeschüttet. Eine Kollegin aus den vorderen Reihen ist sich relativ sicher, dass es nicht echt sei.

Großer Bogen

Immer noch bleibt frustrierend, dass man den Weg, auf den sich die ganze Sache macht, einfach nicht vor Augen bekommen will. Man sitzt ein paar Stunden drin, sieht vier, fünf Nummern, das Publikum nickt weiterhin beharrlich jede Einzel- oder Ensembleleistung applaudierend ab. Dann geht man mal raus, macht eine Pause. Setzt man sich wieder rein, kann man problemlos wieder einsteigen - neue Szene, neues Leiden. Das ist an sich ja ganz schön, oft sehr schön sogar, aber was will Fabre damit?

Wenn es ihm tatsächlich ernst ist mit der Tragödie, es um Einfühlung, (Mit-)Leiden und Läuterung geht, dann - fürchte ich - ist "Mount Olympus" mit seinen 24 Stunden und Foyers, die mit dutzenden Schlafenden wirken wie eine Flughafenhalle kurz vor dem Call für 6:50 Uhr nach Barcelona, schlicht zu lang. Aber vielleicht sollte ich mich einfach auch mal vorübergehend zu diesen Schlafenden gesellen und hoffen, dass der große Bogen im Traum geschlagen wird.

Röcheln, Miauen, Knurren

Doch die Traumzeit reicht nicht für große Bögen. Die letzte freie Pritsche befindet sich in unmittelbare Nähe der Herrentoilette, die ab etwa 6:30 Uhr lauter Menschen mit dem Bedürfnis nach Zahnhygiene empfängt. In einem fort geht die Tür geräuschvoll auf und zu. Ich verlagere mich in den Saal, wo ebenfalls ein infernalischer Morgenappell begonnen hat: Die auf offener Bühne schlafenden Darsteller werden von markerschütternden Trommeln und Pfeifen geweckt. Unter ekstatischen Zuckungen beginnt noch im Liegen ein atemberaubender "Schlafsack-Kriegstanz", der für mich unbedingt zu den Höhepunkten dieser 24 Stunden zählen muss. Schnell wird im Folgenden deutlich, dass der Sonntag den tragischen Frauen gehört: Den verwaisten Töchtern, betrogenen Ehefrauen und um ihre Kinder gebrachten Müttern.

mount olympus3 560 wonge bergmann uSchicksalstunden der Frauen © Wonge Bergmann

Einige extreme Durchhaltetests sind nun dabei für die zur frühen Stunde noch kleine Schar im Saal. Klytämnestra und Iphigenie umkreisen Agamemnon in einer endlosen Schleife bis zum wortwörtlichen Zusammenbruch und werden anschließend sehr ausführlich rituell gewaschen. Cassandra verfällt unter Röcheln, Spucken, Zappeln und Husten in eine schauerliche Ekstase. Elektra liegt mit entblößtem Unterleib neben der Urne Agamemnons und streichelt sich, während zwischen ihren Beinen abwechselnd miauende und knurrende Laute ertönen. Jason und Medea liefern sich eines der ganz wenigen (vielleicht gar das einzige?) dialogischen Wortgefechte. Viele Stunden gehen so über die müden Köpfe in den Sitzreihen dahin.

Take the power back

Später, es neigt sich schon Richtung Nachmittag, treten auch die Männer wieder hervor. Aias und Philoktetes vor allem, die rasenden Krieger, bekommen schier nicht enden wollende Auftritte. Dabei wird seitens der Inszenierung nun über etliche Minuten mit heiligem Pathos am weihrauchumzirkelten Altar der Hochkunst geopfert. Das ist, wenn Trauerweiber die von Aias Getöteten unter gediegen betrüblichen Händel-Klängen in Tücher wickeln, eigentlich bestenfalls noch Edelkitsch. Nach wie vor schert sich Fabre nicht im geringsten darum, wie man eigentlich in "Mount Olympus" von Athen nach Sparta kommt: Held A tritt links auf, spielt seine Nummer, geht rechts raus. Held B tritt rechts auf, sagt seine Sätze, geht links raus. Reihenfolge uninteressant, aber Applaus gibt's jedes Mal.

Ganz zum Schluss macht Fabre dann tabula rasa. In einer aberwitzigen Großkleckserei dürfen sich alle Beteiligten rennend und schreiend mit Farbtuben und -eimern, Glitzer, Kunstschnee und verschiedenen Pulvern derart von Kopf bis Fuß einsauen, dass Vierjährigen vor Neid die Augen übergehen würden. Unter hämmernder, schon vom Anfang bekannter Clubmusik mündet so alles in einer orgiastischen Feier des allgemeinen Primatenrechts auf archaischen Vitalismus. Alles Fleisch, es wird ein Flimmern. "Take the power back!", wird uns in einem zweiten Schluss plötzlich noch mitgegeben. Von wem und wie das geht? Egal. Das nun wieder vollzählig anwesende Publikum - bekräftigt darin, auf der richtigen Seite zu leben - steht auf und steht Kopf, während irgendwo jemand, hörbar empört, "Barbar!" ruft (siehe dazu die Kommentare #3 bis #5). Er ist chancenlos.

 

Mount Olympus - to glorify the cult of tragedy
von Troubleyn / Jan Fabre
Uraufführung Konzept, Regie: Jan Fabre, Choreografie: Jan Fabre & Tänzer, Text: Jeroen Olyslaegers, Jan Fabre, Musik: Dag Taeldeman, Dramaturgie: Miet Martens, Licht: Jan Fabre, Helmut van den Meersschaut, Kostüme: Jan Fabre, Kazia Mielczarek.
Mit: Lore Borremans, Katrien Bruyneel, Annabelle Chambon, Cédric Charron, Renée Copraij, Anny Czupper, Els Deceukelier, Barbara De Coninck, Piet Defrancq, Mélissa Guérin, Stella Höttler, Sven Jakir, Ivana Jozic, Marina Kaptijn, Gustav Koenigs, Sarah Lutz, Moreno Perna, Gilles Polet, Pietro Quadrino, Antony Rizzi, Matteo Sedda, Merel Severs, Kasper Vandenberghe, Lies Vandewege, Andrew Van Ostade, Marc Moon Van Overmeir, Fabienne Vegt.
Dauer: 24 Stunden, Pausen nach Belieben

www.berlinerfestspiele.de
mountolympus.be

 

Kritikenrundschau

"Die Kondition des Ensembles muss maßlos bewundert werden. Drill bis zum Umfallen. Den Helden werden Eislutscher gereicht, zur Erholung. Sonst besteht die Grundnahrung aus rohen Fleischfetzen", schreiben Rüdiger Schaper und Christine Wahl im Tagesspiegel (29.6.2015). Fabre breche den hohen Ernst, die nackte Gewaltdarstellung mit Witzchen und Mätzchen, "vierundzwanzig Stunden sind anders nicht zu füllen. Höhen, Tiefen, lange flache Strecken. Eine riesige Sammlung von Bruchstücken, ein Lapidarium voller Menschen". Fabre "sucht das Erhabene, die Schönheit im Schrecken." "Mount Olympus" sei großartig, und es ist grauenvoll, "das kann nicht ausbleiben bei einer solchen Spieldauer", aber es ist eines der größten Theaterwagnisse der vergangenen Jahrzehnte und die schiere Dimension tue gut in einer Zeit, in der das Theater immer kleinteiliger und auch kleinmütiger geworden ist. "Fabre tischt Kitsch auf, mit Kalkül. Spielt Callas und 'Casta Diva' ein und den berühmten Sirtaki von Mikis Theodorakis." Man könne ihm Hybris vorwerfen: "Wieso glaubt er, mit seinen schließlich doch begrenzten Mitteln die Zeit überlisten zu können? Still stehen, schreiten, sich am Boden wälzen, sich in Ketten wickeln, zittern und erbeben, Text sprechen in einer Umgebung, die sich kaum verändert – das Theater kämpft mit einer zugleich stumpfen und gefährlichen Waffe. Das ist der Mensch."

Noch begeisterter ist Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (29.6.2015): "24 pausenlose Stunden Kriegs-, Koitier- und Schütteltänze, Lustseufzer-Debatten, ein Lach-Yogakurs und auch: weihevolles Großtragöden-Einfühl-Schauspiel". Danach sieht man graue, verstrahlte, wankende, glückliche Gestalten dem Festspielhaus entströmen, "Klassenziel erreicht: Überwältigung!" Aber auch mit Rücksicht auf diese Obliegenheiten funktioniere die Idee, dass dieser intensive, geduldige, kitschige Bilderstrom das Bewusstsein okkupiert und das Gefühl für die Wirklichkeit aufweicht. Illusion und Realität vermischen sich in den schönsten Momenten des Stücks, "es sind die stillsten". Fazit: "Allein mit dem megalomanischen Zugriff bei gleichzeitiger ästhetischer Konsequenz hat Jan Fabre hier den dicksten und schmucksten Festivalbetriebsvogel abgeschossen (...) Das Ganze geht nicht nur an die Verausgabungsgrenzen, sondern ist auch produktions- und marketingtechnisch ein atemberaubendes Kunstwerk, das schwer zu überbieten sein wird. Zum Glück!"

"Blut ist hier der bestimmende Saft. Mit Fleischfetzen und Gedärmen wird viel gepanscht. Das grenzt oft an Kunstgewerbe", so Ute Büsing auf rbb Inforadio (29.6.2015). Und wenn doch mal einen Moment romantisch geliebt, bzw. sich narzisstisch gespiegelt wird, bevor wieder eine Klinge dazwischenfährt, sei der Kitsch nicht fern. "Oft sind sie Lachnummern im Wortsinn - wie im übertragenden beim kollektiven Orgasmusstöhnen im Wald. Die auf wenige Kernaussagen reduzierten Sprechtexte sind erstaunlich heutig. Man denkt durchaus an die sinnlosen Gemetzel dieser Tage, an Folter, Krieg und Massenvergewaltigung." Beseelt oder beglückt sei die Kritikerin nach dieser blutigen Grenzerfahrungsperformance um Sex und Gewalt nicht.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.6.2015) schreibt Simon Strauss: "In jedem Akt ist Fabre darum bemüht, das festgepanzerte Gehäuse des Mythos aufzusprengen, ihn seiner modisch-psychologisierten Schutzumschläge zu entkleiden und in seiner Essenz wieder unmittelbar zu machen." Man tue sich die zwei Tage an, da die "Sagen des klassischen Altertums faszinieren, auch weil man keine Götter-Stammbäume auswendig kennen muss, um folgen zu können". Vor allem aber sei es "die besondere Mischung aus Archaik und Sinnlichkeit". "Es ist die aus dem Gegensatz von Einst und Jetzt geborene Sehnsucht nach dem Zeitlosen", die Fabres Theaterperformance so ausdrucksstark mache – eine "phantastische Tragödiensinfonie".

Eva Biringer schreibt auf Zeit Online (29.6.2015), das optionale "Ringelpiez"-Rahmenprogramm" schieße übers Ziel hinaus. Denn der wahre Wahnsinn spiele sich im Dunkeln der Bühne ab: "Keine Postdramatik, kein Mitmachtheater, sondern ein konzentriertes, episches Überwältigungskonstrukt haben Jan Fabre und seine Kompanie geschaffen. Nur wer sich dem aussetzt, bestenfalls 24 Stunden lang, spürt seine Magie." Wenn zum Beispiel einer der Tänzer so lustvoll "twerkt", bekomme der Zuschauer eine Ahnung, worum es den antiken Griechen bei ihren mehrere Tage dauernden Festspielen ging. "Überforderung inbegriffen." "Ekstase heißt Menschsein und Menschsein heißt Blut, Sperma und Tränen. Wer sich davor fürchtet, sollte mal wieder ins Theater gehen."

In der taz (30.6.2015) schreibt Katrin Bettina Müller, Fabre arbeite mit unseren Vorstellungen der Antike und überlieferten Bildern. "Das Schauspiel sei "solide – dass es aber, aufgrund der Tänze, der körperlichen Anstrengung, der ritualisieren Bilder und des vielen rohen Fleisches, das als Requisite massenhaft zum Einsatz kommt, ein anderes Theater wäre, wie der Regisseur gerne behauptet, sieht man nicht." Nicht in der Dauer liege das Problem der Aufführung, "sondern in dem Anspruch, durch eine außergewöhnliche Form von gemeinschaftlichem Erleben den Zuschauer verwandeln zu können. Der hat sich einfach nur gut unterhalten, geschlafen, gegessen, viel gesehen, in den Pausen vielleicht die Mythenschule besucht; aber er ist immer Zuschauer geblieben."

Ein gewalttätiges, oft über die Maßen komisches, hoffnungsloses, schließlich alles in allem sehr abgeklärtes Spektakel, schreibt Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (1.7.2015). "Das wiederkehrende Crescendo chorischen Stöhnens ist Teil einer Partitur über den sich entäußernden menschlichen Körper. Denn Fabre und den Seinen ist nichts Menschliches fremd", nicht die Körperflüssigkeiten, nicht sämtliche Varianten mentaler und emotionaler Abgründe. "Weiter, weiter, angefeuert vom Publikum, über den Schmerz und die Schwäche hinweg",  das sei eines der Leitmotive, metaphorisch fürs Menschenleben und dabei in diesem Augenblick doch brutal real. Fazit: "Der Schlaf gebiert Ungeheuer. Der Schlafverweigerer Jan Fabre bringt sie hellwachträumend hervor."

"Blutig wie harmlos" findet dagegen Manuel Brug (Welt, 1.7.2015) den Abend, der sich als Zumutung erstaunlich gut konsumieren lässt. Fabre sei als Ikone des Flämischen Tanztheateraufbruchs in den 80er Jahren groß geworden, habe aber heute nichts Bestürzendes, Verstörendes, Enervierendes, auch nichts Nervendes mehr. Man müsse gar nicht geistige Linien zu der sich außerhalb des Theaterkokon abspielenden echten griechischen Tragödie ziehen, "um alles trotz seiner Fülle, Länge und Repetitionsschwere allzu leichtgewichtig zu finden".

Für Deutschlandradio Kultur (4.7.2015) hat Susanne Burkhardt einen "Selbstversuch" unternommen, wie sich das anfühlt 24 Stunden Mount Olympus, zum Nachhören hier

 

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