Persönlichkeiten im Fluss

von Sabine Leucht

München, 25. September 2015. Mit schweren Schritten kommt er die düstere Treppe herab, die die gesamte Bühnenbreite des Residenztheaters ausfüllt. Bestürzung im Gesicht, den struppigen Lorbeerkranz hinter dem Rücken versteckt. Dann bricht er heulend über ihm zusammen und bedeckt sich und ihn mit seinem Mantel. Da kann Shenja Lacher noch so oft fragen: "Ist es ein Traum?" Er spielt hier weniger einen ungehorsamen Träumer als einen vom Gehorsamszwang Traumatisierten.

Es ist optisch schön und gibt zu denken, dass David Bösch dieses Anfangsbild noch einmal verwendet und damit seine Inszenierung mit einer Klammer versieht. Ganz am Ende, Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" hat sein eigenes Todesurteil überlebt und darf sich wider Erwarten aufs Neue an die Spitze seiner Kompanie setzen – "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!".

Steinerne Staatsmacht

Der Lorbeer gebührt ihm nun offiziell, aber die Verzweiflung kommt auch wieder und setzt sich an die Stelle, wo bei Kleist die Ohnmacht steht. Vielleicht, weil der ganze Kriegs-Wahnsinn nun wieder von vorne losgeht, in dem Homburg, der Eigensinnige, sich zwischen Befehl und Intuition, militärischer Strategie und Siegeswillen immer aus der Situation heraus entscheidet (und damit meist für das Letzte)? Oder hat Bösch seinen Kleist hier gar ein Quäntchen Kriegsskepsis untergeschoben? Das wären zumindest mögliche Interpretationen.

Doch Böschs überraschend schnörkellose Inszenierung im Einheitsbühnenbild von Falko Herold drängt einem keine Deutungen auf. Fast streng und szenisch karg geht es zu. Mal liegt eine Matratze auf den Stufen, mal steht nach dem Abzug des eisernen Vorhangs ein Schreibtisch parat. Bühnennebel wabern, mit oder ohne Kanonendonner. Man ist konzentriert auf die Sprache, liebt Symmetrie und Chorisches dort, wo sich die Bühne zu einem Cinemascope-Ausschnitt verengt. Wenige Wort- und Szenenwiederholungen legen Spuren hin zu vergleichbaren Situationen und Verhaltensmuster. Mehr nicht.

PrinzFriedrichvonHomburg3 560 Andreas Pohlmann uEigensinniger zwischen Befehl und Intuition, mit Sockel und blutbeflecktem Hemd: Shenja Lacher
als Prinz Friedrich von Homburg © Andreas Pohlmann

Klar ist nur, dass es bereits in der geschickt verschlanken Stückfassung hauptsächlich um den Menschen geht. Namentlich um Shenja Lacher als Prinzen, der in München bereits Böschs Peer Gynt war. Und um den Kurfürsten Oliver Nägeles. Zugunsten dieser beiden und getreu dem Motto der neuen Resi-Spielzeit ("Der Feind im Inneren"), rückt das auf vier Mann reduzierte militärische Personal in den Hintergrund. Selbst die Prinzessin Natalie von Oranien und damit Homburgs Liebesverwirrtheit, die gewöhnlich als Grund dafür herhalten muss, dass er die Order zum Abwarten im Kampf überhört, wirkt hier weniger als Ursache denn als Symptom seiner Zerstreutheit.

Kleist'scher Fortschritt

Zwei Mal hat der junge General in der Schlacht gegen die Schweden versagt. Jetzt muss ein Sieg her. Für den wird ihm der Kurfürst, der ihm wie ein Vater ist, ein wenig Kreativität in der Befehlsauslegung schon verzeihen. Der aber befindet sich gerade in einer Phase, in der er den Absolutismus mitsamt seiner willkürlichen Gnade gegen das Wohl des "Vaterlands“ auszutauschen gedenkt. Dass das zu Kleist Zeiten ein Fortschritt war, muss man sich heute erst (wieder) vergegenwärtigen, wo einem Worte wie "das heiliges Gesetz des Krieges" sauer aufstoßen – und allerlei aktuelle Assoziationen wecken, die die Regie gottlob nicht bedient. Nägeles Fürst muss sich in dieser Welt scheinbar auch erst zurechtfinden. Er ist butterweich vor Liebe zu seiner Nichte Natalie und lässt sich von der Begnadigungsrhetorik des Obristen Kottwitz und Konsorten allzu gerne aus der Fassung bringen. Da hat sich noch keine stahlharte Staatsmacht etabliert, alles ist noch im Fluss.

PrinzFriedrichvonHomburg1 560 Andreas Pohlmann uFriedrich von Homburg (Shenja Lacher), die Kurfürstin (Ulrike Willenbacher) und Natalie von
Oranien (Friederike Ott) © Andreas Pohlmann

Lacher aber ist vor allem triumphal an jenen Stellen, wo sein Fluss zum Strudel gerät: Als Homburg das Grab sieht, das bereits für ihn ausgegraben wurde, befällt den schreckenserprobten "General der Reuterei" die nackte Todesangst und der irre Hunger auf Leben. Jede Haltung, alle Prinzipien fallen zu lassen, ohne seine Figur der Lächerlichkeit preiszugeben, das beherrscht Lacher perfekt. Sein blindwütiges Tapsen nach jedwedem Rettungsanker ist würdelos und berührend.

Schauspielers Leuchten

Verglichen mit der Glut seiner Verzweiflung scheinen die Sorge der Kurfürstin (Ulrike Willenbacher) und der Prinzessin (Friederike Ott) direkt aus dem Eisschrank zu kommen. Die Beiden haben aber auch nicht so schwer am Kleistschen Selbstwiderspruch zu tragen, den der Prinz erst mit der freiwilligen Annahme seines Todesurteils überwindet: Zum ersten Mal ist er nicht "geteilt", wie er seine Zerstreutheit nennt. Das preußische Ideal ist mit seinem Temperament versöhnt, Pflicht mit Herz. Das Leuchten in der letzten Szene steht im Text – "Ach, was für ein Glanz verbreitet sich" - ; bei Lachers Homburg leuchten das mit verbundenen Augen erhobene Gesicht und sein ganzes Wesen. Fast blöd, dass es dann doch anders ausgeht für ihn. Verhinderte Selbstmordattentäter werden seine Trauer sicher verstehen.


Prinz Friedrich von Homburg
von Heinrich von Kleist
Regie: David Bösch, Bühne: Falko Herold, Kostüme: Meentje Nielsen, Musik: Bernhard Moshammer, Licht: Tobias Löffler, Dramaturgie: Sebastian Huber.
Mit: Oliver Nägele, Ulrike Willenbacher, Friederike Ott, Shenja Lacher, Gerhard Peilstein, Johannes Zirner, Franz Pätzold, Arnulf Schumacher, Simon Werdelis.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

  

Kritikenrundschau

Schon die Stückfassung komme "so robust und entschlossen daher", dass für Irritationen und Aporien kein Platz sei, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (28.9.15). Böschs Inszenierung sei "von keinem größeren Gedanken oder tieferen Zweifel angekränkelt" und bediene vor allem "das gute, alte Stadttheater, in dem es dem Zuschauer schon genügen soll, wenn der Klassiker nicht entstellt und der Text schön und klar gesprochen wird (das wird er hier), und es bitte nicht zu lange dauert". "Traurig", so Dössel, "was für ein braver Routinier aus dem einst so stürmisch drängenden, die alten Dramen mit dem heißen Herzen eines jungen Menschenfreundes lesenden Regisseur Bösch geworden ist."

"Ein großer, ein wunderbar durchdachter Theaterabend" schwärmt hingegen Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.9.15) und analysiert: "Bösch und Lacher zeigen uns den Prinzen hier nicht als einen, der verrückt spielt, um der Geliebten den Abschied zu erleichtern." Sie führten vielmehr vor, "dass wir uns auf diesen Menschen keinen Reim machen können". Durch Böschs Inszenierung würden "fast alle seine Merkwürdigkeiten" des Prinzen sichtbar, so Kaube. "Ein ganz erstaunlicher, ein großartiger Fall von Werktreue: Nach eindreiviertel Stunden ohne Pause ist man so bereit, Kleists Schauspiel für misslungen zu halten. Oder sagen wir: selbst für unglücklich."

"Eine steife Klassik-Musterstunde (…); in der das ordentlich gesprochene Dichter-Wort noch etwas gilt" hat dagegen Bernd Noack gesehen und schreibt auf Spiegel online (27.9.15): David Bösch, "den man mal wild nannte und kannte", habe einen "Prinz von Homburg" "auf die Bretter getuscht, der im Grunde so wenig Anlass für Kritik liefert, dass man ihn höchstens etwas fade finden kann". Bösch lasse ein Stück, "in dem ganz zentral und unwidersprochen zum Beispiel von der Verherrlichung des Gesetzes durch den Tod die Rede ist", im leeren Raum verhallen. Titeldarsteller Shenja Lacher lasse "keinerlei Entwicklung" erkennen ("und Bösch lässt ihm dazu auch gar keine Zeit und Ruhe"), nichts Zwingendes sei da zu spüren, kein Widerstreit im Inneren, keine Zerrissenheit angesichts der finalen Wahlmöglichkeit zwischen Leben und Tod. "Seine Not ist eine steile Behauptung."

Eine Enttäuschung hat Sven Ricklefs erlebt und gibt im Deutschlandfunk (27.9.15) zu Protokoll: Man merke Böschs Inszenierung "den fast zu großen Respekt vor der Kleist'schen Sprache und dem staatstragenden Sujet" an. "Er, der sonst wie kaum ein anderer mit einer ganz speziellen, wunderbar koboldhaften Fantasie auf zugleich ganz liebevolle Art mit Figuren und Stücken umgeht", so Ricklefs über Bösch, "hat sich hier nun zu einer zwar durchaus ansehnlichen, aber eher artigen Erzählung des Homburgschen Falles hinreißen lassen."

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