Marshall McLuhan fliegt durchs Darknet

von Martin Krumbholz

Köln, 29. April 2016. Angenommen, vieles von dem, was die Performerin Angela Richter an diesem Abend in Köln-Mülheim erzählt und von ihren fünf Schauspielern erzählen lässt, wäre mehr oder weniger erfunden: Würde man es für glaubwürdig halten? Nun hat sich Richter, die sonst mit charismatischen Künstlerpersönlichkeiten wie Martin Kippenberger befasst ist, auf das digitale Universum und auf dessen Potenzen und Aporien eingelassen. Ihre wichtigsten Kronzeugen sind Julian Assange und Edward Snowden, den die Künstlerin vor einem Monat in Moskau getroffen und interviewt hat.

Drogenhandel auf der Seidenstraße

Das Darknet existiert. Es ist der (größere) Teil des Internet, der nicht über die geläufigen Anschlussstellen der Datenautobahn, zum Beispiel Suchmaschinen, zu erreichen ist, sondern – wie? Erklärt wird dies nicht, man müsse sich eben "einloggen" und dieser Schritt werde hier mal eben übersprungen. Jedenfalls muss man sich das Darknet als einen prinzipiell einsehbaren (also doch nicht so dunklen) Subkontinent des Internet vorstellen, in dem sich allerlei mysteriöse und offensichtlich auch kriminelle Vorgänge abspielen. Die dem Abend ihren Titel gebende "Silk Road" ist nur ein winziger Teil davon. Die berühmte Seidenstraße, die es schon vor unserer Zeitrechnung gab, war ein Handelsweg, der China mit Indien, Persien und Europa verband. Die "Silk Road" wurde von einem amerikanischen Physikstudenten erfunden, der angeblich gar nichts Böses im Sinn hatte. Aber sie dient zum Handel nicht mit Seide, Gold und anderen Edelmetallen, sondern mit Drogen. Edward Snowden weiß darüber viel zu erzählen.

SilkRoad2 560 DavidBaltzer uEn garde: Guido Lambrecht und Justus Maier in "Silk Road" © David Baltzer

Der Schauspieler Yuri Englert demonstriert in Köln nun genüsslich, wie man über das Darknet beispielsweise Opium bestellen kann. Er empfiehlt uns das Opium der Firma Bayer (in Leverkusen): einerseits, weil er Markenartikel nun einmal bevorzuge, andererseits, weil es sich durch seine astreine Bioqualität auszeichne und dunkler und härter sei als anderes Opium (oder so). Aber dabei bleibt es nicht: Ein wenig vage und unverbunden – aber das ist bei Angela Richter Prinzip – stehen die einzelnen Episoden oder Erzählstränge oder Monologe nebeneinander.

Das Bühnenbild von Katrin Brack zeigt, dazu durchaus passend, einen Dschungel aus roten Glühbirnen: eine wunderbar leichthändige, fragile und anziehende Metapher für das neuronale Netz, deren Faszination sich ja auch Angela Richter nicht entziehen kann und will. "Die Jugend findet sich in der gegenwärtigen Umwelt, dem elektronischen Drama, instinktiv zurecht. Ihre Erlebniswelt ist mythisch und voller Tiefe." Diese Sätze schrieb Marshall McLuhan erstaunlicherweise schon 1967. Inzwischen hat das elektronische Drama Fahrt aufgenommen und in seiner mythischen Erlebniswelt haben sich Abgründe geöffnet, bei denen man nicht mehr so sicher ist, ob man wirklich in sie hineinsehen will.

I'm a slave 4 U

In der mit Abstand bedrückendsten Episode des Abends spielt die auf einmal gar nicht mehr so sirenenhafte, sondern bis zur Unkenntlichkeit verpuppte Judith Rosmair (virtuos) die Verwandlung eines Menschen in ein "slave toy", ein Sexspielzeug, das man angeblich für eine größere Summe kaufen kann. Ist so etwas (noch) fiktiv, oder gibt es das wirklich? Und ist es wahr, dass man im Darknet Morde in Auftrag geben kann? Snowden bestreitet das. Aber denkbar ist vieles, und bekanntlich bleibt keine Niedertracht, die ein Hirn sich ausdenken kann, ungeschehen. Schicksal?

SilkRoad1 560 DavidBaltzer uYuri Englert und Judith Rosmair in "Silk Road", © David Baltzer

Es ist dieselbe Judith Rosmair, die uns zuvor zu den Klängen der Fünften Sinfonie von Beethoven (der sogenannten Schicksalssinfonie) erzählt hat, wie im Jahr 1977 eine CD mit bemerkenswerten Kulturschöpfungen der Menschheit, eine "Golden Record", zur freundlichen Kenntnisnahme durch Außerirdische als kosmische Flaschenpost ins All geschossen wurde. Ob und wo sie ankam, ist unbekannt, aber die Idee hat in ihrer Verspieltheit, in ihrem optimistischen Übermut einen nicht zu bestreitenden Charme. Und auch etwas von jener mythischen Tiefe, von der Marshall McLuhan einst sprach.

 

Silk Road. Ein Ausflug auf die tote Seitenstraße des Darknet.
von Angela Richter
Regie: Angela Richter, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Wiebke Schlüter, Musik: Sir Henry, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Yuri Englert, Guido Lambrecht, Justus Maier, Judith Rosmair, Malte Sundermann.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

"'Silk Road' ist zwar gut recherchiert – doch leider die meiste Zeit schrecklich albern", findet Stefan Keim im Deutschlandradio Kultur-Fazit (29.4.2016). Inhaltlich schwanke die Aufführung "zwischen platter Comedy, strukturlosem Gefasel, Informationsfülle und wenigen starken Momenten"; die Fakten rauschten vorbei, "weil alles verwitzelt wird mit imitierten Dialekten und seltsamen Kostümen", so Keim: "Angela Richter schreckt vor keiner Albernheit zurück. Als hätte sie ein Publikum aus schwer erziehbaren Zuschauern vor sich, die mit Blödelei bei Laune gehalten werden müssten".

"Das spielerische Angebot, das auf Katrin Bracks aus herabhängenden Schnüren mit roten Glühbirnen bestehender Bühne fünf Strippenzieher und Netzwerker machen, ist schmal und banal: Theatrale Klippschul-Lösungen, die auch textlich nicht den höheren Bildungsweg einschlagen", schreibt Andreas Wilink auf Spiegel online (30.4.2016). Auch die Recherche-Leistung sei "nicht der Rede wert", und so zappele das Ensemble insgesamt "mit zusammengesuchten Phrasen über Utopie und Dystopie, Mensch und Maschine, Hirn und Computer und einem waltenden kosmischen Geist (...) zwischen Predigerton, weicher Gemütsfülle und ironischer Haltung im Netz", und die Aufführung gehe "verloren in den unendlichen Weiten, und es hat nicht mal endlichen Spaß gemacht."

"Der Abend vermittelt die Faszination des Verbotenen, sich unbemerkt, ohne digitalen Fußabdruck, im Netz zu bewegen", schreibt Marion Meyer in der Rheinischen Post (2.5.2016). Richters Abend verhandle "äußerst komplexe heutige Themen", so die Kritikerin. "Nach einer starken, konzentrierten ersten Hälfte, flacht der 90-minütige Abend etwas ab, verzettelt sich, will zu viel erzählen. Spannend wird es beim Thema Privatsphäre. Denn was passiert, wenn der Körper längst tot ist, das Gehirn eines Menschen aber anhand der gesammelten Daten weiterlebt? Angela Richter gibt viele Denkanstöße."

 

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