Was das Netz mit uns macht

von Alexander Jürgs

Mannheim, 15. Januar 2017. Was für eine kranke Idee. Aber besonders abwegig oder gar undenkbar erscheint sie einem dann doch nicht. Da ist ein Elternpaar, das heimlich Filme davon dreht, wie es seine Tochter – Martina, sieben Jahre alt, Pferdeschwanz und niedliche Kleidchen tragend – zurechtweist, mit Vorwürfen überhäuft und belehrt. Die Videos davon stellen die beiden ins Netz, damit verdienen sie ihr Geld. Und die, die diese Filme konsumieren, dürfen auch noch Wünsche äußern, dürfen Situationen bestellen, die das Paar dann an der Tochter durchexerziert. "Scripted reality", inszenierter Familienkrach, der möglichst "natural" rüberkommen soll. Schöne kaputte Facebook-Welt.

Im Kokon

Mit "Vereinte Nationen" wirft der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz, Jahrgang 1982, einen hellsichtigen Blick darauf, wie die sozialen Netzwerken nicht nur unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern unsere Leben selbst verändern. Es geht ihm dabei nicht um die großen Verwerfungen, ums postfaktische Zeitalter, um "Fake News", Trump, die NSA oder russische Staatshacker, sondern darum, was ein bisschen Internet-Ruhm mit einer Familie machen kann.

VereinteNationen2 560 ChristianKleiner h Im Bretterbuden-Glashaus von Thea Hoffmann-Axthelm, im Kokon von Clemens J. Setz:
Nina Gamet im Bild, David Müller und Anne-Marie Lux  © Christian Kleiner

Tim Egloff, der die Uraufführung auf der Studiobühne des Mannheimer Nationaltheaters inszeniert, steckt das gefilmte Kind in einen Käfig aus Glas, in einen Guckkasten. Das ist ein simples, aber eben auch ein prägnantes Bild für das gläserne Ich im digitalen Zeitalter. Bald zeigt sich, dass dieses Bretterbudenhaus auf einer Drehbühne steht. Wenn sie sich bewegt, wechseln die Kulissen. So bleiben die Darsteller im Käfig gefangen, in ihrer Blase, im Kokon.

Den Psychoterror schön reden

Anton, der Vater, ist der, der in den Videos mit Martina auftritt, ein Schlaks in Chucks und Skinny-Jeans. Sein Kind maßregelt er mit einer Mischung aus intellektuellem Geschwurbel und Du-musst-an-dir-arbeiten-Terror. Wenn er die Tochter dazu bringen will, das ungeliebte Essen bis zum letzten Bissen aufzuessen, dann doziert er mehr, als dass er schimpft. David Müller spielt ihn als einen, der sich spürbar unwohl fühlt in seiner Rolle. Erst zögerlich, als ob er seinen eigenen Worten nicht traut, redet er auf das Kind ein. Dann, nach einer gewissen Zeit, tritt er sicherer und strenger auf. Anton hat Skrupel bei dem, was er macht, das ist nicht zu übersehen. Vor allem, dass andere es sind, die "Subskribenten", die die Handlung seiner Standpauken bestimmen, macht ihm zu schaffen. Gegenüber seiner Frau und Oskar, der die Videos vermarktet, äußert er diese Bedenken, perlt mit seinen Sorgen aber ab.

Dabei fällt es Anton immer schwerer, sich einzureden, dass sein Handeln, das Zurschaustellen des Kindes, ohne negative Folgen bleiben wird. "Ob man jetzt mitfilmt oder nicht, das spielt letzten Endes keine so große Rolle. Sie hat ja dieselbe Kindheit, ich meine, sie wird nicht misshandelt oder so", redet er sich das lukrative Geschäft mit den Videos schön – ohne, dass er dabei besonders überzeugt wirkt. Wie Regisseur Tim Egloff die Figuren des Stücks miteinander sprechen lässt, hat oft etwas Artifizielles, etwas Überspitztes. Als Zeichen für die Künstlichkeit der Situation wirkt es manchmal geradezu überdeutlich.

Tim Egloff inszeniert einen puren Setz

Trotzdem ist dieses Stück stark und berührend, seine Sprache klar und direkt. Die Frage, welchen Einfluss die sozialen Netzwerken auf die Selbst-Inszenierung haben (und was dabei auf dem Spiel steht), spitzt es geschickt zu. Nach verschiedenen Versuchen auf dem Theater mit Stoffen "nach" Clemens J. Setz (etwa hier und hier)  ist "Vereinte Nationen" das erste wirkliche Theaterstück, das der 35-jährige Grazer, dessen Romane "Die Frequenzen" und "Indigo" jeweils auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises standen, geschrieben hat. Entstanden ist es im Auftrag des Festivals "Frankfurter Positionen". Nach der Mannheimer Uraufführung wird Egloffs Inszenierung im Februar auch dort laufen. Der Regisseur verzichtet weitgehend darauf, Text zu streichen, auf die Bühne bringt er einen sehr puren Setz. Etwas mehr eigene Haltung zu dem Stoff aber hätte gewiss nicht geschadet. Aber das kann ja noch kommen. Dass das Theaterdebüt von Clemens J. Setz bald auch an anderen Häusern gespielt wird, wäre jedenfalls sehr wünschenswert.

 

Vereinte Nationen
von Clemens J. Setz
Uraufführung
Regie: Tim Egloff, Ausstattung: Thea Hoffmann-Axthelm, Dramaturgie: Carolin Losch.
Mit: David Müller, Anne-Marie Lux, David Lau, Julia Duda, Holly Bratek / Nina Gamet.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Christine Wahl feiert Clemens Setz auf Spiegel-Online (16.1.2017) als dramatische Entdeckung. Regisseur Egloff greife gern zum Naheliegenden, neige aber leider auch dazu, Setz' vielschichtige Figuren etwas zu vereindeutigen. Dabei sei das Spannende am Text gerade, dass er beide Charaktere, im besten Sinne, wackliger zeichnet; "durchlässiger für jeweils gegenteilige Emotionen".

Clemens Setz "strindbergelt im 21. Jahrhundert" mit seinem Fokus auf das "Schlachtfeld Familie", berichtet Volker Oesterreich für die Rhein-Neckar-Zeitung (16.1.2017). Zwar wirke der Plot "arg konstruiert" und die Figurenzeichnung "arg schablonenhaft", doch treffe das Stück den "Nerv der Zeit". Dem Uraufführungsabend hätte ein "wenig Straffung und eine stärkere satirische Zuspitzung" gutgetan, so der Kritiker.

"Ein Stück, das zupackt und doch viele Rätsel aufgibt" hat Ralf-Carl Langhals für den Mannheimer Morgen gesehen (17.1.2017). Man könne "Vereinte Nationen" als "moralische Grenzauslotung der Facebook-Hölle lesen, aber eben auch – mit doppeltem Boden – als schauspieltheoretischen Text, der dem Ensemble Positionen zwischen Naturalismus, Performance und Postdramatik in den Mund legt". Das Bühnenpotenzial des Textes schätzt Langhals dabei eher gering ein: "Unklug ist das Planspiel nicht – aber ein wirklich guter Theatertext eben auch nicht". Tim Egloff finde "eine probate Regielösung" mit seiner "Mischung aus natürlich-realistischem Umgangston und höchst artifizieller Intellektuellen- und Moraldebatte".

"Egloff zeigt hier mit eindrücklichen Bildern eine solide Uraufführung, die dem Text und den Schauspielern zu Recht vertraut", schreibt Grete Götze in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.1.2016). Zurück bleibe das "bedrohliche, Kurz-vor-der-Katastrophe-Setz-Gefühl".

Tim Egloffs Inszenierung betone das Familiendrama in Setz' Stück, schreibt Judith Engel in der taz (18.1.2017). Aber in der Figur der kleinen Martina, die "mehr und mehr zum dekorativen, manipulierbaren Subjekt" werde und "eine dystopische Aussicht" auf das Projekt "ICH Reloaded – das Subjekt im digitalen Netz", in dessen Kontext diese Arbeit entstand, biete, gehe die Inszenierung doch "über die Grenzen des perfiden Familiendramas hinaus".

"Setz schafft eine flirrende Atmosphäre, in der das Schlimmste möglich erscheint, auch zwischen den Eltern selbst." Aber das Flirren des Textes verliere sich in der Konkretisierung der Figuren auf der effizienten Wohnschachteldrehbühne, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (25.1.2017). "Dennoch habe Regisseur Tim Egloff ein Gespür für die Abgründe." Im Video sehe man für einen winzigen Moment, wie Martina auf dem Badezimmerboden schlafen muss, wie sie einmal die Kamera entdeckt. "Da trägt sie einen roten Lippenstift und flirtet mit der Linse. Der Splitter eines Bildes, gruselig."

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