Trompeten der Endzeit

von Dorothea Marcus

Kaiserslautern, 13. April 2017. In Kaiserslautern dröhnen die Militärflieger in kurzen Abständen über der Fußgängerzone. Es könnte kaum etwas besser passen zur Uraufführung von "Beben" von Maria Milisavljevic, junge Dramatikerhoffnung, die damit den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann, und in diesem Fall die Uraufführung in Kaiserslautern erlebt, direkt neben Ramstein, größtem US-Militärstützpunkt außerhalb der USA.

Auch im Stück dröhnt und bebt es apokalyptisch, in der Inszenierung von Fanny Brunner zunächst meist ausgelöst durch einen Knopfdruck von den Schauspielern im Militarylook oder Hipster-Joggern. Sie tollen um einen großen, mit opulentem Plastikrequisiten, Blumen, Essen, und einer Spielzeugstadt bedeckten Tisch herum, im Hintergrund türmen sich bunte Gummischwimmtiere vor großen Buchstaben mit dem Wittgenstein-Satz "Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen unserer Welt".

Wohlstand und alamierte Weltbeobachtung

Der Grenzausreizung der Sprache von Milisavljevic besteht darin, dass sie sich traut, wuchtige, poetische Worte ("Trompeten der Endzeit", neben Alltagssprache ("Jeder Hipster trägt ja heut nen Bart") zu stellen, weder Kitsch, Pathos, Rätsel noch deren Brechung scheut und dabei eine existentielle Gefährdung, äußerlich wie innerlich, beschwört. So richtig weiß man nie, wer hier in welcher Situation und warum spricht, den sechs Personen ist der Satz "Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind" vorangestellt, sie tragen die Anfangsbuchstaben der Schauspieler, die sie verkörpern: vielleicht eine Zweck-WG, in die etwas Größeres einbricht, ein Krieg oder eine andere Art von dröhnender Apokalypse, worüber sie immer wieder fluffig lakonisch philosophieren.

Was in den 80ern noch ein Schubsen war, ist eben heute das Kehleaufschneiden ("Das ist die Verrohung"), war die Aufmerksamkeitsspanne damals bei zehn Minuten, liegt sie heute bei 1:32. Ein rot gekleideter, überkandidelter Harlekin (Stefan Kiefer) taucht zu Beginn unter dem Tisch auf, weiß geschminkt mit roter Träne, heftig und outrierend gestikulierend.

Mythische Heimaten

Als eine Art zynischer Märchenonkel spricht er meist jene seltsamen Textstellen über den "Mann von der Kante von Ulro" und ist bei Milisavljevic ein zynischer, schadenfroher und stets auf Eskalation bedachter Weltbeobachter, während "Ulro" beim englischen Dichter William Blake noch die mythische Heimat der innerlich Verletzten, Einsamen und Leidenden war. Ein Gedicht von Blake ist auch dem Stück vorangestellt, weitere, zart und schön vertont von Jan Preissler, singen immer wieder die Schauspieler.

 Beben09 560 Marco Piecuch uDer Clown als Verkünder des Bösen: "Beben" in Kaiserslautern © Marco Piecuch

Und währenddessen kommt das Unheil immer näher, das von jenen westlichen Prototypen mit ihren westlichen Ablenkungs- und Fluchtmanövern möglichst lange ignoriert wird, ob nun durch esoterisch-achtsames Wegatmen oder Medien-Gedaddel. Schön, wie die Regisseurin das noch verstärkt, indem sie alle Darsteller einmal rund fünf Minuten Stille gönnt und sie auf ihren Smartphones herumtippen lässt: eine Art Null-Zeit, jene moderne Zeit-Dehnung, mit der wir uns regelmäßig aus dem Geschehen nehmen.

Doch immer häufiger lassen die Sechs es auf dem Spielzeugtisch dröhnen und beben: schon lange hat in der Stückrealität kein Kind mehr im Garten gespielt. Die Playmobil-Nachbarin, die nach der Ursache des Geräuschs suchen will, wird einfach mal so in Stücke gerissen, mit Handkamera auf der Leinwand auf Lebensgröße gezoomt. Es ist ein sehr passendes Bild für unsere amüsierte bis alarmierte, aber stets wohlfeil-hilflose Weltbeobachtung, wenn die Schauspieler die Miniaturwelt auf dem Tisch filmen: wie ein pittoresker Kriegsbaukasten wirkt das Weltgeschehen aus satter europäischer Heimatperspektive. Oder, wie es "Beben" auf den Punkt bringt: "Er dachte, sein Sofa sei nicht Teil von dieser Welt".

Selfie vor Rissen an der Wand

Und so zelebriert man Realitätsflucht, verkleidet sich wie Marie Scharf als Prinzessin, um sich auf einem Gummi-Einhorn zu räkeln, fantasiert von der Kindheit, als alles noch so langsam und grün bewaldet war, macht ein "Selfie vor Rissen an der Wand" oder knallt sich mit Computerspielen voller Lebenspotions und Diamantschwertern zu – im Stück kreisen Satzbruchstücke ein gegenwärtiges Lebensgefühl ein.

Beben19 560 Marco Piecuch uBlumenkinder herzen Dich: der schönere Teil des Einkreisens in "Beben" © Marco Piecuch

Doch als eigentliches Grundthema des Dramas hat sich die Autorin noch sehr viel mutiger an das Thema von Liebe und Verzeihen gewagt. Erst allmählich zeichnet sich die Handlung ab, im Wechsel von Zeitebenen und Perspektiven schält sich langsam die Erzählung heraus, in der vielleicht ein Soldat, vielleicht ein Polizist oder vielleicht auch nur ein bewaffneter Nachbar einen kleinen Jungen erschießt, den seine Mutter an einem Sommertag hinausschickte, der ihr ein Buch besorgte und es bedrohlich unter der Kleidung trug.

Kindertotenlied

Jetzt versteht man, warum der Schütze (Daniel Mutlu) von Beginn an apathisch neben einem Mikro auf dem Boden liegt, sein Leben ist durch diese Schuld ebenso zu Ende wie das der auf der Bühne herumstolpernden Mutter (Marsha Zimmermann), die einen herzzerreißenden Monolog darüber spricht, wie sie die tote Kinderstirn küsst und sich in seinen toten Augen "all ihr Sein" ergießt. Zuerst im verhärmten Rächermodus im Military-Look, verkleidet sich die Mutter nach dem Schuss erst einmal als schwarze Witwe – um dann auf einmal weißen Mantel und Hippie-Blumenkranz anzulegen. Mit riesigen schwarzen Plastikhänden kommt sie auf die Bühne – um sie dem Täter zu reichen und ihm zu verzeihen. Denn "wer hat ihn denn sonst. Den Mut. Wer, wenn nicht wir. Was soll denn werden aus der Welt?"

Und passend zum heiligen Osterwochenende umarmen, knutschen und herzen sich nun die Schauspieler, nun alle Blumenkinder, schütteln die Hände der Zuschauer, verkünden ihre Telefonnummern und Adressen, sollten mal wer nicht wissen, wo er bleiben soll, und lächeln sich selig in eine kitschige Welterlösungsfantasie – bis einer weiße Ku-Klux-Klan-Masken verteilt. Oder sind es die Pilgermasken der Semana Santa?

Zynismus entgehen

Klug bricht die Regisseurin immer wieder die Liebes- und Erlösungsutopien der Autorin Milisavljevic und macht das Ganze zum spannenden und mutigen Abend über die Frage, ob und wie man dem allgegenwärtigen Zynismus entgehen kann. Schon seltsam, wenn man danach auf seinem Smartphone nachlesen kann, wie während der Vorstellung die Amerikaner die "Mutter aller Bomben" abgeworfen haben, vielleicht vom kaum 10 Autominuten entfernten Ramstein aus. Es könnte nicht besser zu diesem Stück passen.

Beben
von Maria Milisavljevic
Uraufführung
Regie: Fanny Brunner, Bühne und Kostüme: Daniel Angermayr, Musik: Jan Preissler, Dramaturgie: Andra Wittstock.
Mit: Marie Scharf, Marsha Zimmermann, Oliver Burkia, Stefan Kiefer, Daniel Mutlu, Luca Zahn. Dauer: 1 Stunde 45 Minuten keine Pause

www.pfalztheater.de

 

Mehr über Beben auf der nachtkritik-Festivalwebsite des Heidelberger Stückemarkts, bei dem Milisavljevic' Stück den Autorenpreis gewann.

 

Kritikenrundschau

Milisavljevic verquicke ihre Themen in diversen Handlungssträngen und das oftmals mit Brüchen. Heraus komme ein assoziatives Tableau, das dem Zuschauer weite Interpretationsspielräume lasse, schreibt Fabian R. Lovisa in der Rheinpfalz (15.4.2017). "Damit das Drama nicht allzu düster gerät, arbeitet die Regisseurin den textimmanenten Witz heraus, was allerdings auch mal in recht klamaukige Szenen münden kann. Man bewundert in diesen Momenten den Mut und die Kompromisslosigkeit der Schauspieler, etwa wenn sie laut schreiend über die Bühne toben und/oder sich mit aufblasbaren Badetieren bewerfen müssen." An dem "trotz der überwältigenden Themenfülle erlebenswerten Aufführung" entstehe ein in Teilen beklemmendes Bild der Herausforderungen unserer Tage.

 

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