Volksbühne als Abspielstätte?

18. September 2017. Der Spiegel wertet in seiner aktuellen Ausgabe (Ausgabe 38/2017) die seit September öffentlich zugänglichen Haushaltsunterlagen über Stellenbesetzung und Finanzplan der Berliner Volksbühne aus und resümiert zuspitzend: "Chris Dercon, der neue Intendant der Berliner Volksbühne, treibt den Umbau des traditionsreichen Theaters in eine Abspielstätte von Fremdproduktionen konsequent voran."

In einer Stellungnahme wirft Chris Dercon dem Spiegel mangelnde Recherche vor: "Richtig ist, dass nicht wir, sondern Frank Castorf in den letzten Jahren sein Ensemble von 27 fest engagierten Schauspieler*innen auf 11 reduziert hat." Dramaturgie- und Regiestellen würden zudem, anders als vom Spiegel dargestellt, nicht abgebaut, sondern lediglich in die Programmabteilung verschoben. Der Darstellung schließt sich Christiane Peitz vom Tagesspiegel an.

Alarm! Oder falscher Alarm?

In der Berliner Zeitung antwortet Ulrich Seidler (der den Stellenplan bereits vor Wochen zum Thema eines Artikels gemacht hat) auf den besagten Castorf-Vergleich: "Es stimmt, dass Frank Castorf in den letzten Jahren nur noch elf der 27 Ensemblestellen besetzt hatte und mit den frei gewordenen Mitteln sein Ensemble durch Gäste ergänzte, die allerdings immer wieder bei Marthaler, Fritsch, Pollesch und Castorf selbst in diesem Theater auftraten − und jedem Zuschauer als Volksbühnenschauspieler galten, auch wenn sie keinen festen Vertrag hatten. Das ist das Ergebnis einer jahrelangen organischen Entwicklung. Dass nun die unbesetzten 15 Stellen einfach gestrichen werden, ist mehr als buchhalterische Hygiene." Der Text endet mit einer Warnung vor der "Abwicklung der Volksbühne", der sich aus den Zahlen herauslesen lasse: "ihre Umwidmung in ein Festspielhaus mit Produktionsapparat. Also, liebe Leser: Alarm!"

In der taz hält Theaterredakteurin Katrin Bettina Müller den Spiegel-Artikel für falschen Alarmismus bzw. die Skandalisierung eines bekannten Sachstands. Dennoch gibt sie zu bedenken: "Trotzdem bleibt die Frage nach dem Ensemble berechtigt. Die Auskunft, dass es einmal 11 Stellen haben soll, bleibt dürre, solange man keine konkreten Gesichter hat. Auch ist unklar, auf wen sich Regisseure so unterschiedlicher Herkunft überhaupt einigen können. So gesehen ist die Angst, dass es mit einem Ensemble vielleicht gar nichts wird, auch nachvollziehbar."

(chr)

 
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