In Gänsefüßchen

von Dirk Pilz

Berlin, 14. Dezember 2017. Das ist doch seltsam. Da nimmt sich dieser Abend das Sterben und den Tod, das Leid, die Schmerzen, den Ekel und die Scham, die Einsamkeit, die Angst und also lauter so geschichts- wie gedanken- und gefühlssatte Themen zum Material; da hat er zudem fünf wunderbare ältere Tänzer des Dance on Ensemble, die ihre Körperlichkeit weder aufdrängelnd ins Rampenlicht schieben noch verschämt verstecken noch auch irgend verbrämen und also die Zerbrechlichkeit der Leiber, die Endlichkeit des Daseins zu zeigen, zu bespielen vermögen, ohne dies ausstellen zu müssen; da hat er zudem Schauspielerinnen, vornehmlich Judith Engel, Constanze Becker und Laurence Rupp, die den Silben und Gesten Bedeutungen beizulegen geübt sind, die sich in schierer Wirklichkeitswiederholung nicht erschöpfen – und dann ist das eine derart wassersuppige, zähe, ja leerlaufende Veranstaltung. Wie kann das sein?

Krippenspielparodie

Es kann ja sein, dass das alles so sein soll in "Die letzte Station" am Berliner Ensemble: so zerdehnt, zerfasert. Die einzelnen Szenen huschen wie lose Blätter über die Bühne, verwirbelt und gezaust von einem unfasslichen Wind der Vergänglichkeit. Es geht ja um Sterben, um das Alter, um Demenz, um Pflegefalltäglichkeiten, um die letzten Tage, von denen es heißt, es zögen einem die unwahrscheinlichsten und unmöglichsten Erinnerungen durch die Seele. Aber wenn es so sein soll, fragt man sich doch, ob es eine gute Entscheidung der Regie in den Händen des jungen Theaterfacharbeiters Ersan Mondtag war, den Stoff derart reibungslos in eine Spielstruktur zu übersetzen, die nichts tut, als ständig zu zeigen, was sie meint. Ein Abschilderungstheater, das zum Abgeschilderten nichts hinzuzufügen weiß.

Die Letzte Station1 560 Armin Smailovic uDrei Generationen: Aurelia Landos, Constanze Becker, Judith Engel © Armin Smailovic

Auf der grün gefassten Bühne von Stefan Britze steht ein Holzhäuschen, das an eine Weihnachtskrippe erinnert. Und tatsächlich wird gleich zu Beginn ein Krippenspiel gezeigt, mit kniender Maria vorm Jesuspuppenkind im Korbe und blökendem Vieh. Laurence Rupp trägt den neutestamentlichen Text vor, und wenn er davon spricht, dass diesem Kinde hier der Name Jesus gegeben ward, gehen alle Arme in die Höh' und wird im Chor "Ah!" gerufen. Nun ja. Eine Parodie, man hat's schnell heraus.

Sie singen, tippeln, verschwinden wieder

Zugleich will dies Erinnerung sein, das Einbrechen des Vergangenen ins Gegenwärtige. Denn das Spiel beginnt nach schöner, langer Stille, in der Judith Engel unter rotdunklem Licht auf einer Holzbank sitzt, damit, dass Constanze Becker im Schlafgewand und mit Koffer auf den Fichtenwald linkerhand zuschreitet, sich aber nicht in den Wald traut. Der Koffer, das ist das Leben, der Wald, das ist der Tod, das Danach, das Jenseits: ein Gestrüpp. Aus ihm heraus treten die Tänzer, schwanken wie Halme im Wind, schreiten gespenstergleich, geraten in Toten-Tänze und Daseinsdreher, stehen mitunter nur, singen, tippeln, verschwinden wieder und sind immerfort Bewegung und Bild gewordenes Erinnern. Das ist schön, und mehr als diese Tanzszenen hätte es im Grunde nicht gebraucht.

Die Letzte Station2 560 Armin Smailovic uLauter Alm-Öhis: Brit Rodemund, Christopher Roman, Ty Boomershine, Laurence Rupp, Frédéric Tavernini, Judith Engel, Constanze Becker © Armin Smailovic

Es ist hier aber auch ein Text, eine Gemeinschaftsproduktion von Regie und Ensemble mit ausgesucht improvisatorischem Charakter. Manches scheint nur zu geschehen, weil es sich in der Situation anbietet, manches, weil man es eben gern zeigen wollte: Constanze Becker hackt Holz, Judith Engel schaut unter ihrer Silberdauerlockenfrisur gespenstisch ins Publikum. Einmal sitzen alle in einer Reihe und wackeln mit den Händen, Armen, Köpfen, einmal laufen sie im Kreis und singen "lalala". Es wirkt oft auch sonderbar ratlos: Man hat ein essentielles Thema, aber keinen Stoff, keine dramaturgische, gedankliche Substanz. Von Alter, Tod und Sterben will man erzählen, aber jeder Erzählung wird die seelische, historische, auch spielerische Tiefen- oder Höhendimension verweigert. Lauter verkapselte, auch seltsam verkrampfte Szenen, als fürchte sich dieser Abend vor seinen Themen selbst. Die Becker'sche Wutrede wider das Sterben und die Weihnachtsgeschichte, wider verlogenes Trauern und falsche Gebete zum Schluss: ein Reden austauschbaren Inhalts.

Wenn die Maskerade fällt

Im Text steht als Regieanweisung einmal "Altersheimrealität", mit Anführungszeichen. So wirkt die gesamte Inszenierung: gefangen im Modus einer Uneigentlichkeit, als flüchte sie vor eben jener Wirklichkeit, die sie zeigen will.

Wie seltsam unberührt einen dieses Gänsefüßchen-Theater lässt, wie gedankenarm, gefühlsmau es ist. Die Kenner mögen sich daran erfreuen, dass Ersan Mondtag verglichen mit vorherigen Arbeiten hier andere Wege versucht, weg vom gefahrlosen Symbol-Spiel, hin zu einem waghalsigen, offenen Schau-Spiel. Einmal findet es auch statt, als Constanze Becker ihre Figur den Verlust des Kindes erinnern lässt. Dann schreit sie kurz, derb, schroff. Dann ist es, als fielen alle regiehalber errichteten Schutzmauern, als stürzte die Maskerade. Sie wird danach fix wieder errichtet.

 

Die letzte Station
von Ersan Mondtag und Ensemble
Regie: Ersan Mondtag, Bühne: Stefan Britze, Kostüme: Raphael Rose, Musik: Diana Syrse, Licht: Ulrich Eh, künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin.
Mit: Constanze Becker, Judith Engel, Peter Luppa, Laurence Rupp, Aurelia Dias/Lotta HEgenscheidt/Emilia Nietiedt und dem Dance on Ensemble: Ty Boomershine, Brit Rodemund, Christopher Roman, Jone San Martin, Frérdéric Tavernini.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

"Mondtag arbeitet mit den üblichen Verfremdungstechniken, die sein Theater so einzigartig machen: eine seltsames, unmöglich erscheinendes Gegeneinanderarbeiten der Körperglieder, ein Spiel mit Doppelgängern, religiösen und psychologischen Urszenen. Totentanz, Veitstanz, Mysterienspiele", ist Hannah Lühmann in der Welt (16.12.2017) fasziniert. Was allerdings "seltsamerweise" störe, sei der politische Furor; "er wirkt aufgesetzt", so Lühmann: "So ehrenwert das Anliegen ist, den gesellschaftlichen Umgang mit alten Menschen zu problematisieren, so merkwürdig pathetisch steht die politische Agenda in diesem Stück; das existenzielle Drama des Sterbens, das auf der Bühne in der Hüttensituation so genial zum Ausdruck kommt, verträgt seine eigene Politisierung nicht."

"Das Team hat für die Recherche Alten-Wohnprojekte und ein Hospiz besucht. Auf der Bühne gibt es davon nun einen kitschigen Verschnitt: Ein Wutchor von meckernden Greisen, eine Zitterchoreografie, ein minutenlanger Weinkrampf, Geschenk auspacken, Fotos bestaunen, Anfall vorführen, natürlich Weihnachten feiern − alles irgendwie vernebelt und in indifferente Bewusstseinsbereiche verlagert", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (16.12.2017). Der "im ersten Wald-Koffer-Bild auserzählte Abend" werde mit allen Tricks künstlich am Leben gehalten. "Als quälende Geduldsprobe und mithin als Vorgriff auf Lebensabend-Finsternisse hat er erbarmungslos funktioniert", so Seidler: "Aber die kommen von allein und früh genug."

"Immerhin, der Text hat seine leuchtenden Momente", schreibt Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (17.12.2017). Doch was mit der Weihnachtsgeschichte beginne und endee, läuft dazwischen aus seiner Sicht allzu oft leer. "Auch wenn der Regisseur sich von der radikalen Künstlichkeit vorangegangener Abende löst, um zu einer anderen Direktheit der Erzählung zu finden, fehlt diesem Ensembleprojekt doch der Kern. Parodie und Ernst wechseln ziemlich wahllos. Nur Fragmente von Geschichten wehen aus dem Tannenwald."

"Der ge­spro­che­ne Text ist der Re­de nicht wert, und die Tanz­auf­trit­te des Dance-on En­sem­bles sind zu kurz, um zu wir­ken", so Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.12.2017). "Auf­fäl­lig ist al­lein das gut aus­ge­leuch­te­te Am­bi­en­te mit Weih­nachts­tan­nen und of­fe­ner Holz­hüt­te. Die Tra­gik will hier vor al­lem gut aus­se­hen und sich da­bei selbst zu­schau­en. So wird aus Kri­se Kitsch und aus Pa­thos Par­odie."

Mondtags Textcollage bündele zahllose Erzählstränge, verdichte sie zu fesselnden, oft todtraurigen Episoden mit urkomischen Auswüchsen. Dorion Weickmann von der Süddeutschen Zeitung (20.12.2017) lobt "fulminante Schauspieler", vor allem Constanze Becker und Judith Engel, sowie die Tänzer, die trotz Gewichtsverstärker zierliche Walzerbögen, deftige Polkaschritte und chorisches Parkinson-Zittern auf die Bühne schmuggelten. "Erstaunlicherweise verzichtet Ersan Mondtag darauf, diesen Totentanz mit seinem Markenzeichen zu versehen. Statt die Figuren zu stilisieren, rückt er sie so nah heran, dass sich die Zuschauer in ihnen erkennen, Wanderer auf dem Weg zur letzten Station." Nichts daran sei neu. "Aber vieles neu gesehen."

 

 

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