Den Bruch auflösen

11. Januar 2018. Videospiele gehören seit Langem zur Welt des Theaters – schon allein, weil sich zahlreiche, insbesondere immersive Theaterprojekte auf sie beziehen. Jetzt erklärt Matthias Kreienbrink in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (auf faz.net online veröffentlicht am 11.2.2017) sie gar zum Gesamtkunstwerk: Sie seien "nie ganz abgeschlossen, sind immer in einem Prozess des Werdens". Wagners Begriff meinte ja, Dichtung, Musik, Tanz, Architektur in einer großen Synthese zu verschmelzen, in einem Großprojekt, in dem am Ende auch eine in soziale Gruppen zersplitterte Gesellschaft zusammenkommen sollte. "Ein Kunstwerk für das Volk, aus dem Volk."

In den Videospielen finde sich das dichterische Drama, "immerhin geht es oft um nichts geringeres als die große Weltenrettung durch die Spieler". Getragen würden sie "durch Musik, die nicht nur der Untermalung dient, sondern eine wichtige Funktion erfüllt: Nähern sich die Spieler etwa einem Gegner, wird ihnen das oft durch die Musik signalisiert". Die Performanz der Spielfiguren ähnele dem Tanz: "Die Spieler lernen diffizile Bewegungskombinationen, bewegen sich elegant durch Kämpfe und über Hindernisse, springen von einer Plattform zur nächsten." All das finde in Welten statt, die in mühsamer Kleinarbeit erschaffen werden. Die Spieler können Häuser, Paläste, Grotten oder Pyramiden erkunden – abhängig davon, welches Spiel sie wählen.

"Die verschiedenen Künste vermischen sich in Videospielen also auf ganz unterschiedliche Weise. Anders als in der Vorstellung Richard Wagners sind sie nicht immer dem Drama unterstellt. Vielmehr nähern sie sich vor allem dann einem Kunstbegriff, wenn sie Erlebnisse bieten, die nur ein Videospiel bieten kann." Eine Debatte über diesen Kunstbegriff sei längst überfällig. "Videospiele sprechen heute die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit an" und gingen zugleich aus der Gesamtheit der Gesellschaft hervor. "Der Begriff des Gesamtkunstwerks könnte dazu dienen, den Bruch aufzulösen, der Videospiele immer neben die anderen Künste stellte, neben die anderen Medien, nicht in eine Linie mit ihnen."

(geka)

 

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