Das Schweigen brechen

3. Februar 2018. Sechzig aktuelle und ehemalige Mitarbeiter*innen des Wiener Burgtheaters werfen ihrem ehemaligen Direktor Matthias Hartmann in einem Offenen Brief Machtmissbrauch vor. Der Wiener Standard (2.2.2018, online 18 Uhr) veröffentlichte diesen Brief auf seiner Website. Wir dokumentieren ihn hier.

Die Unterzeichner*innen aus allen Abteilungen – darunter auch die Schauspieler*innen Sabine Haupt, Corinna Kirchhoff, Sylvie Rohrer, Philipp Hauß, Nicholas Ofczarek und Markus Hering – beklagen, Hartmann habe eine "Atmosphäre der Angst und Verunsicherung erzeugt", mit sexistischen und rassistischen Bemerkungen das Klima am Haus belastet sowie homosexuelle Mitarbeiter diffamiert. Ferner habe er Techniker*innen beschimpft und seine Doppelrolle als erster Regisseur und Vorgesetzter willkürlich ausgenutzt. Hartmann leitete das Burgtheater ab Sommer 2009. Im März 2014 wurde er im Zuge des Finanzskandals entlassenen.

Fieses Klima duch Wegducken ermöglicht

Die Verfasser*innen schreiben, sie wollten Matthias Hartmann ausdrücklich nicht als einzigen "Missetäter" darstellen. Immer wieder werde von vielen Regisseur*innen "Machtmissbrauch, Demütigung und Herabwürdigung" als "probates Mittel" in der Arbeit angesehen und durch das "eigene künstlerische Genie" entschuldigt.

Für sie selbst sei es "erschreckend und beschämend", dass sie "Jahre und eine gesamtgesellschaftliche Debatte benötigt" hätten, um überhaupt "miteinander über diese Vorkommnisse zu reden". Sie selbst hätten durch "Passivität", "Wegducken", durch "Stillhalten" und "Schweigen" zu den von ihnen kritisierten Verhältnissen beigetragen.

Jetzt sei es ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, "dass solche Bedingungen unseren Arbeitsplatz nicht wieder dominieren können". Theater als "gesellschaftliches, unterhaltendes und bildendes Reflexionsmedium" müsse diesem Auftrag auch in der Produktionspraxis und den rechtlichen wie politischen Rahmenbedingungen gerecht werden.

Der Offene Brief sei ein Aufruf, "personelle Machtballungen " in Theatern und der "Kulturbranche generell", genauer zu betrachten und "möglicherweise Strukturen zu überdenken". Es gelte durch eigenes Verhalten für eine "respektvolle und faire Arbeitsatmosphäre zu sorgen und "den Mut zum Einschreiten zu kultivieren".

Hartmanns Reaktion

Vom Wiener Standard und der Süddeutschen Zeitung mit den Vorwürfen konfrontiert, habe Hartmann die Kritik als missverstandene Witze, üblich am Theater oder verzerrte Darstellung abgetan (mehr dazu in unserer Presseschau).  Heute sprach Hartmann, laut der Wiener Tageszeitung Die Presse (3.2.2018, online 15:17 Uhr), von einem "gezielten Angriff" auf die Premiere des "überregional beachteten David-Bowie-Musicals 'Lazarus' ", das am Abend die deutsche Erstaufführung in Düsseldorf haben wird.

(Der Standard / Süddeutsche Zeitung / Die Presse / jnm)

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