Vom Sehen und Nicht-Sehen

von Dorothea Marcus

Wuppertal, 29. Juni 2018. In einer einsamen Berghütte lebt in Peter Turrinis 1993 uraufgeführtem Stück "Alpenglühen" ein blinder alternder Mann, weil er sich hier einst Heilung von der Kraft der Natur erhoffte, auch wenn er sie schon bald nicht mehr sehen konnte. In Markus Lobbes Inszenierung ist zunächst der Zuschauer von Blindheit geschlagen: grelle Scheinwerfer blenden ins Publikum, während per Video zunächst nur die ausführlichen Turrini-Regieanweisungen eingelesen werden: "ein dünner alter Mensch, ein Junge, ein Campingbett mit einem neuen Gast, ein Koffer, Stille."

Erst nach und nach kann man wahrnehmen, dass die Bühne leer – und statt dessen mit Papierplanen bezogen ist, auf der bald Bergpanoramen als kindliche Schattenumrisse erscheinen, verschwenderisch mit christlichen Kreuzen dekoriert. Die blinde Hauptperson steht schließlich im Zuschauersaal auf: Stefan Walz trägt distinguierten Dreiteiler, Seidenschal und Steampunk-Fliegerbrille, um seine Sehbehinderung zu illustrieren. Eine schöne Umkehrung der Wahrnehmungsmodi: das, was im Theaterstück normalerweise unsichtbar bleibt, wird hier ausgestellt – bald schon auch als Video, vom nahezu gesamten Wuppertaler Ensemble in Einzel-Großaufnahen gesprochen – während der Schauspieler, der monologisiert und alle Ereignisse vielleicht nur aus seiner Fantasie entwickelt, kaum sichtbar ist.

Alpengluehen 2 560 UweSchinkelSchattenspiele: der "Alte" Stefan Walz (im Hintergrund der "Junge" Martin Petschan)
© Uwe Schinkel

Verruchte Verwandlungsfantasien

Zugleich nimmt der Zuschauer genau seine nicht-sehende Perspektive ein: Denn seine Erinnerung ans Bergpanorama bleiben eben jene schlichten schwarz-weißen Schattenspiele an der Papierwand. Eingerichtet werden sie vom "Jungen", einem Bergbauernkind (Martin Petschan), das den Blinden besucht und versorgt und auch schon vorher mit feuerrotem Strubbelschopf und Pudelmütze durch die Sitzreihen zog, um Müll aufzusammeln. Er beschreibt die Wand mit großen Buchstaben, aus MORE wird AMORE wird HAREM, verziert mit Herzen und Blümchen.

Gestört wird das stille Idyll bald von einer Shakespeare rezitierenden Frau, die zunächst wie die ersehnte, vom Behindertenverband geschickte Prostituierte wirkt. Eifrig führt Philippine Pachl im pink glänzenden Höschen im leeren Halbdunkel lasziv-gymnastische Kerzen und "Gabeln" (Turrini) sowie eindeutige – und offenbar erfolglose – Masturbationsbewegungen aus. Doch dann verwandelt sie sich  – auf einmal brav-konservativ gekleidet – als Sekretärin des Verbandes, die auch mal ihre verruchten Verwandlungsfantasien ausleben wollte. Und schließlich, der Alte hat ihr schon längst seine ausufernde Lebensgeschichte als Journalist, Theaterdirektor, Holzfäller etc. ausgeschüttet (die der von Turrini auffallend ähnelt), entpuppt sie sich mit Dirndl, Gummistiefel und Blumenkranz im Haar als erfolglose Schauspielerin, die vor einem Ex-Theaterdirektor ihre "Julia" ungestört rezitieren wollte. Aber auch das ist sicher nur ein Fake.

Turrinis Stück ist alles zugleich: ein Pornoschwank, eine Persiflage auf alle möglichen Filme, ein krachendes Volksstück, eine philosophische Komödie. Aber vor allem ist "Alpenglühen" ein aberwitziges, grotesk verwickeltes, aber auch etwas ermüdend absichtsvoll konstruiertes Vexierspiel aus vielen Realitätsschichten, hinter denen am Ende immer die Kunst steckt – schließlich ist sie es, die der allgemeinen menschlichen Blindheit stets neue innere Welten öffnet.

Alpengluehen 1 560 UweSchinkelMit Poesie und Inbrunst: Philippine Pachl (im Video Konstantin Rickert ) © Uwe Schinkel

Regisseur Markus Lobbes gelingt mit Fantasie und cleveren Ideen ein Zugriff, der diesen seltsamen Flickenteppich von einem Drama geschickt in Theater übersetzt, indem er die Sichtungs- und Wahrnehmungsebenen auseinandernimmt und umkehrt. Regelmäßig animiert der Bergführer zwischendurch das Publikum zum Singen des Kärntner Volkslieds mit "Poesie und Inbrunst", was erstaunlich gut klappt – der große Einsatz kommt, als im Stück eine "mit deutschem Akzent" singende Touristengruppe auftaucht. Irgendwann werden die Zuschauer dann auf den sommerlichen Theatervorhof getrieben, wo das nun barock kostümierte Paar Romeo und Julia klassisch abgestandene Shakespeare-Dialoge führt, als seien wir hier beim sommerlichen Hoffestspiel auf dem Dorf – eifrig trägt der "Junge" einen rotsamtenen Theatersessel heran.

Das beste Theater der Welt

Ständig werden so Bild und Abbild, Realität und Theaterrealität in Beziehung gesetzt, permanent überlagern sich die Ebenen – auch wenn Turrini, als er das Stück in den 1980er-Jahren schrieb, noch nichts von Dokumentartheater und Authentizitäts-Hype ahnen konnte. "Wir sind Weltmeister – wir sind das beste Theater der Welt", brüllt Stefan Walz als Romeo des kleingesparten Wuppertaler Theaters einmal zwischendurch und bringt damit auf den Punkt: Kunst ist eben vor allem Behauptung. Da macht auch gar nichts, dass die Schauspieler ein wenig zu angestrengt deklamieren und nicht immer die Spannung halten: an diesem Abend gehört es mit zur Imitiation der Imitation.

 

Alpenglühen
von Peter Turrini
Inszenierung und Fassung: Marcus Lobbes, Bühne: Marcus Lobbes, Pia Maria Mackert, Dramaturgie: Barbara Noth.
Mit: Stefan Walz, Philippine Pachl, Martin Petschan, Peter Wallgramm (Thomas Braus als Zweitbesetzung), im Video: Miko Greza, Alexander Peiler, Julia Reznik, Konstantin Rickert, Lena Vogt, Julia Wolff
1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.wuppertaler-buehnen.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Keim, der schon die Uraufführung in den achtziger Jahren in Wien gesehen hatte und davon ausführlich schwärmt, sagte auf WDR 3 (29.6.2018): Anders als seinerzeit Peymann, dem es bei der Uraufführung um die "Wahrheit" gegangen sei, gehe es Lobbes um die "Wahrnehmung". Die Inszenierung habe "philosophischen Tiefgang". Alles was seinerzeit in Wien "opulent" gezeigt worden sei, sei jetzt "Kopftheater". Turrinis These sei es, wenn wir wirklich zu einer Wahrhaftigkeit kommen wollten, dann nur durch das Spiel, das allerdings zuerst durch die Skepsis - nichts ist wahr, alles ist nur Spiel – hindurch müsse. Das habe Lobbes im Kern ganz genau getroffen.

In der Westdeutschen Zeitung schreibt Martin Hagemeyer (online 1.7.2018, 16:36 Uhr): Statt die Handlung brav nachzuerzählen, reihe Marcus Lobbes "Irritation an Irritation". Über "weite Strecken" spreche Stefan Walz "aus dem dunklen Hintergrund, während auf der hellen Bühne (Leere mit Konzept: Pia Maria Mackert) kaum etwas zu sehen" sei. Peter Wallgram als Fremdenführer nötige das Publikum, ein Kärntner Volkslied mitzusingen, und "stört jedes Gefühl so penetrant, dass es Vorsatz sein muss: sofort Klamauk, sobald Empfindung droht". Turrini selbst wolle "kein Alpenidyll"; die "Inszenierung" indes sperre sich "auch noch gegen Gefühligkeit". Wett mache das "der Purismus. Der Fokus aufs Hören, auf sparsames Tempo".

 
Kommentar schreiben