Erweiterung der Weltsicht

Berlin, 2. November 2018. Der Kulturjournalist und Mitgründer von nachtkritik.de Dirk Pilz ist vergangene Nacht im Berliner Charité-Krankenhaus an einer Krebserkrankung verstorben. Er wurde 46 Jahre alt.

dirk pilz5 07 200 2 thomas AurinDirk Pilz. 1972-2018
© Thomas Aurin
Dirk Pilz, geboren 1972 im vogtländischen Rodewisch, studierte Germanistik, Philosophie und Psychologie in Potsdam, Berlin (FU) und Kopenhagen und promovierte 2005 mit einer Arbeit zur Ästhetiktheorie (Krisengeschöpfe. Zur Theorie und Methodologie der Objektiven Hermeneutik, Springer Verlag 2007). Von 2003 bis 2007 war er Redakteur beim Fachblatt Theater der Zeit. Gemeinsam mit Petra Kohse, Esther Slevogt, Konrad von Homeyer und Nikolaus Merck gründete Dirk Pilz 2007 das Onlineportal für Theaterkritik und Theaterberichterstattung nachtkritik.de, dessen Gesellschafterkreis und Redaktion er bis zuletzt angehörte. Seine regelmäßige Kolumne "Experte des Monats" auf nachtkritik.de war kulturpolitischen und politischen Fragestellungen im Ausgang vom Gegenwartstheater gewidmet. Als Theater-, Literatur- und Sachbuchkritiker war er auch für die Berliner Zeitung, die Frankfurter Rundschau und die Neue Zürcher Zeitung aktiv.

Neben Theater- und Literaturkritik lag einer seiner Arbeitsschwerpunkte auf der Theorie und Geschichte der Religionen. 2014 kuratierte Dirk Pilz für die Kulturstiftung des Bundes die mehrtägige interreligiöse Konferenz "Ihr aber glaubet" in Köln. 2016 wurde er Mitglied des Stiftungsrats des interreligiösen Projektes "House of One" am Petriplatz in Berlin-Mitte.

Auf nachtkritik.de veröffentlichte er zu diesem Themenkreis den Essay Bühnenglauben – Warum das Theater mit Gläubigen kaum etwas anzufangen weiß. Darin diagnostizierte er am Gegenwartstheater einen fehlenden "Kontakt mit Andersgläubigen, mit Menschen und Ideen jenseits der eigenen Kantinenwelt, es fehlt an der Vorstellungskraft, dass man von anderen tatsächlich etwas lernen, die eigene Weltsicht Erweiterndes erfahren könnte." Um diese Erweiterung der Weltsicht kreiste seine Arbeit.

Dirk Pilz übte Lehrtätigkeiten an diversen Hochschulen aus. Zehn Jahre lang betreute er als Mentor die Festivalzeitung (später den Theatertreffen-Blog) beim Berliner Theatertreffen. Seit 2015 war er Gastprofessor am Berlin Career College der Universität der Künste und leitete dort den Masterstudiengang Kulturjournalismus akademisch. 2012 erhielt Dirk Pilz den Marie-Zimmermann-Preis für Theaterkritik (verbunden mit einem Aufenthalt an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart). Dirk Pilz verstarb am 2. November 2018 in Berlin. Er hinterlässt seine Frau und zwei Kinder.

(chr)

 

Die Trauerfeier für Dirk Pilz mit anschließender Beerdigung findet am Donnerstag, den 22. November 2018, um 10 Uhr in der evangelischen Dorfkirche Alt-Stralau, Tunnelstraße 5-11, 12045 Berlin, statt.

Weil vielfach nach einer Spendenadresse gefragt worden ist - wer spenden möchte, möge dies bitte für das House of One tun:
Spendenkonto
Kontoinhaber: Stiftung House of One – Bet- und Lehrhaus Berlin
Bank: Bank für Sozialwirtschaft AG
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Für EUR Beträge
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Wenn Sie für Spenden über 200 Euro eine steuerlich absetzbare Spendenquittung benötigen, geben Sie bitte unter Verwendungszweck Name und Anschrift an.

An die Freundschaft und die Zusammenarbeit mit Dirk Pilz erinnern sich Nikolaus Merck, Esther Slevogt und Christian Rakow.


Presseschau und Stimmen

"Dirks freundliche Zugewandtheit war mindestens so unerschöpflich wie sein Wissen. Dirk machte mir Mut, indem er da und ansprechbar war. Oft half er mir aus der Patsche. Zum Beispiel, wenn ein Nachruf zu schreiben war. Es ist nicht zu fassen." In einem großen persönlichen Nachruf gedenkt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (online 2.11.2018) seines Freundes und Kollegen Dirk Pilz.

Im Berliner Stadtmagazin Zitty (online 2.11.2018) würdigt Theaterredakteur Friedhelm Teicke seinen langjährigen Autor: "Dirk Pilz war ein feiner Mensch. Nicht in dem Sinne, dass er sich für irgendetwas zu fein gewesen wäre, überhaupt nicht, aber er war ein feinsinniger Autor, ein blitzgescheiter, stets höflicher, rundum ein äußerst angenehmer Kollege."

Für das interreligiöse House of One – Bet- und Lehrhaus Berlin würdigt Roland Stolte auf der Website (4.11.2018) das Stiftungsratsmitglied und den "Rat- und Ideengeber" Dirk Pilz für seine "existentielle, religiöse und intellektuelle Tapferkeit, die ich nicht vergessen werde; eine Haltung, die auch der weiteren Entfaltung des House of One unendlich gut getan hätte."

An Dirk Pilz' Anfänge als Germanistikstudent beim "Unidram"-Festival in Potsdam erinnert sich seine ehemaliger Kollege Frank Starke in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (4.11.2018). "Über Unidram kam er zum Schreiben, verfasste erste Rezensionen. In den Folgejahren war er eine feste Größe im Feuilleton der Märkischen Allgemeinen, als Theaterkritiker, aber auch als Spezialist für Sachbücher. Keiner konnte sich in der Redaktion so kompetent wie er mit theologischen Fragen auseinandersetzen."

"Sich angreifbar machen. Für Dirk hieß das, einen Gedanken luzide und selbstbewusst zu vertreten, immer im Bewusstsein darum, dass er potenziell relativ bliebe, dass es irgendwo da draußen eine Möglichkeit geben könnte, die Dinge aus ähnlich guten Gründen ganz anders zu sehen", schreibt Janis El-Bira auf dem Blog des Berliner Theatertreffens (6.11.2018). "Sein Misstrauen gegenüber den eigenen Vorurteilen und Geschmäcklereien, der eingehegten Bequemlichkeit saturierten Denkens, war grenzenlos."

"Dirk Pilz nötigte einem sein Wissen nicht auf (...). Er stellte es Interessenten beinahe selbstlos und beiläufig zur Verfügung", schreibt Raoul Löbbert aus der "Christ und Welt"-Redaktion in der Zeit (9.11.2018).

"Sein früher Tod hat mich betroffen gemacht, aber auch nachdenklich," schreibt Jan Küveler in der Tageszeitung Die Welt (14.11.2018). "Es wäre übertrieben und deshalb eben gar nicht in seinem Sinne, das Ende einer Ära zu beklagen. In einen Satz gepresst, mit einem Subjekt, das keinen Zweifel kennt, und einem Prädikat, das einen Vorgang im Brustton der Überzeugung behauptet, klingt es zu apodiktisch – aber etwas ist doch dran, auf tastende, flüsternde Weise, wenn man sagt, dass die Figur des Theaterkritikers historisch wird. Vieles deutet darauf hin, dass ihre Zeit zu Ende geht. Es muss keine Katastrophe sein; vielleicht verpuppt sie sich nur und entsteht in neuer Form wieder. Vielleicht hat sie längst damit angefangen."

 

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