Etüde der Sinnzerstörung

von Gerhard Preußer

Köln, 22. Juni 2019. Sechs kleine künstliche Hamster drehen sich auf dem Modell einer Theaterbühne im Kreis, jeder in seiner geschlossenen Glaskugel. Nach draußen dringt nur das leise Klick-klick-klick der Mechanik. Hinter der Modellbühne ein umgestürzter Thespis-Karren, daneben ein Zirkuspferd im Jaguarfell, am Bühnenrand nur schwarze Raben. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler stehen auf der echten Bühne und mühen sich ab. Sie sprechen Worte, doch die kommen nicht an. Zu laut tönt die Musik aus den Boxen: Jacques Offenbachs Ouvertüren.

Offenbach am Offenbachplatz

Eine Studie der Vergeblichkeit, eine Etüde der Sinnzerstörung, ein Anti-Offenbach ist diese Inszenierung. Köln ist nicht Offenbach, aber Offenbach ist Kölner. Die Stadt bemüht sich den nach Paris ausgewanderten Sohn zum zweihundertsten Geburtstag mit einem Offenbach-Festival für sich zu reklamieren. Das ist aber eigentlich eine Angelegenheit der Oper, schließlich war Jacques Offenbach Komponist. Die Kölner Oper hat auch mit einer gedankenlos modernisierten Inszenierung der "Großherzogin von Gerolstein" ihren peinlichen Beitrag geliefert.

RomanComique2 560 ana lukenda uWas für ein süsses Elend, Schauspielerin zu sein: Marilene Mostert, Dennis Rodenbinder, Marlene Goksch und Uta Gärtel  © Ana Lukenda

Nun hat sich auch das Kölner Schauspiel besonnen, dass es ja eine "Außenspielstätte auf dem Offenbachplatz" hat. Das ist die kleine Spielstätte des Schauspiels neben dem eigentlichen Schauspielhaus, das ja irgendwann (2022?, 2023?) fertig renoviert sein könnte. Der Kölner Schauspielintendant Stefan Bachmann hatte erreicht, dass das halbfertige kleine Haus schon benutzt werden kann, während nebenan Schauspielhaus und Opernhaus noch im Dornröschenschlaf baurechtlicher und insolvenzbedingter Streitigkeiten als Sanierungsruinen vor sich hindämmern. Der Name der Spielstätte verpflichtet. Also wird eine Produktion, die eigentlich in der Miniatur-Ausweichspielstätte "Grotte", einem schlichten Container, stattfinden sollte, in die Stadtmitte gehieft.

Roman und Romanzen

Am Offenbachplatz spielt man Offenbach. Das wäre folgerichtig. Ist aber nicht so. Die Textfassung der Inszenierung von Hermann Müller (*1995) hat mit Ludovic Halévy und Hector Crémieuxs Libretto für Offenbachs gleichnamige "opera bouffe" noch weniger zu tun als dieses Libretto mit seiner Quelle, dem Roman von Paul Scarron. "Le roman comique" ist tatsächlich ein Roman von 1657, die deutsche Übersetzung von Franz Blei nennt ihn "Der Komödiantenroman", ein Roman über komische Romanzen unter Komödianten. Paul Scarron war Zeitgenosse von Molière und Corneille. Als gichtkranker alter Mann hat er eine junge Frau geheiratet, die schöne Briefe schreiben konnte. Sie wurde nach Scarrons Tod Erzieherin der Kinder Ludwigs XIV. und später sogar seine morganatische Ehefrau, Königin von Frankreich.

Die Verwicklungen in "Le Roman comique" sind nicht ganz so glamourös. Offenbachs Librettisten haben aus dem pikaresken Episodenroman 1861 eine Liebesgeschichte mit einem Maximum an komischen Verwicklungen extrahiert. Eine Lustspielhandlung von rasanter Blödheit mit wildem Klamauk, Verkleidungsspaß und Theater im Theater wie sie Jahrhunderte davor und danach auch üblich war. Den Unterschied macht Offenbachs Musik, vor allem die Couplets.

RomanComique 560 Ana lukenda uStudie der Vergeblichkeit: das Ensemble aus Schauspielstudent*innen und Spieler*innen des Senionr*innenprojekts "Old School" am Schauspiel Köln © Ana Lukenda
Von alledem in Köln: nichts. Nur Musikkonserven, kein Gesang. Hermann Müllers Textfassung orientiert sich eher an dem originalen Roman: Szenen aus dem Schauspielerleben. Und an zwei Kernstellen stammt der Text weder von Scarron noch von Halévy, sondern von Sarah Kirsch. Was hat die kunstvolle, verspielt melancholische Bilderverschachtelung der DDR-Lyrikerin Sarah Kirsch mit Offenbachs frech-lustiger Operette zu tun? Nichts. Die Darstellerin der unglücklichen alten Schauspielerin Olive darf Sarah Kirschs Elegie über eine Frau, die befürchtet, ihr Geliebter werde sie verlassen und aus dem gemeinsamen Haus vertreiben, aufsagen. Die Türklinke soll "Widerrede" vollführen. Danach verschwindet Olive im See wie Ophelia in "Hamlet". Was bleibt, sind unlustige Schauspieleranekdoten und noch ein Sarah-Kirsch-Gedicht: "Ich … notiere seltsamen Lebensweg von mir." Seltsam sind auch die Wege der Offenbach-Rezeption in Köln.

Süßes Elend

Der Dilettantismus der Inszenierung ist absichtsvoll. Er wird reflektiert. Im Dunkeln hört man verzerrte Stimmen über Mikrophon: "Wann ist ein Mann ein Mann? Wir kennen uns vom Aachener Weiher. Was muss alles zusammenwirken, damit ein Sinn entsteht? Ich möchte so gerne Emotionen auslösen." Aber Reflexionen lösen eben keine Emotionen aus. David Kösters, Dennis Bodenbinder, Marlene Goksch, Paul Langemann von der Leipziger Schauspielschule und Marilene Mostert und Uta Gärtel von der "Old School" des Seniorenprojekts des Kölner Schauspiels zeigen das Elend der Schauspielerei. "Comédien, est-il sur terre/ Un état plus charmant./ Joyuex métier, douce misère,/ Qu'on traverse en riant." Schauspielersein ist der glücklichste Zustand auf der Erde, eine freudiger Beruf, ein süßes Elend, das man lachend durchlebt, heißt es bei Offenbach/Halévy. In dieser Kölner Produktion ist nicht mal das Elend wirklich süß und lachen kann man selten.

 

Le Roman Comique
nach dem Libretto von Ludovic Halévy und Héctor Cremieux sowie dem Roman von Paul Scarron
Musik von Jacques Offenbach
Regie: Hermann Müller, Bühne: Stella Lennert, Kostüme: Réne Neumann, Dramaturgie: Stawrula Panagiotaki
Mit: Dennis Bodenbinder, Uta Gärtel, Marlene Goksch, David Kösters, Paul Langemann, Marilene Mostert
Premiere am 22. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

 
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