Ambition zum großen Gleichnis

von Esther Slevogt

Berlin, 13. September 2008. Der Mann ist ein archaischer Koloss, der schon von Anfang an rücksichtslose Lebensgier ausstrahlt: ein aufgedunsenes, verschlagenes Monstrum, das nicht den Schimmer von der burlesken, kunsthistorisch-korrekten Gemütlichkeit aufkommen lässt, die sonst die Szene beherrscht. Klaffende Wunden auf dem kahlen Kopf, eine lädierte, hinkende, höchst ungepflegte Erscheinung in schmuddeliger Unterwäsche, die ihm das Aussehen einer gefräßigen Made gibt.

Später trägt er eine schwarze Richterrobe, die den massigen Körper dramatisch umflattert wie das Kostüm eines Stummfilmhelden. Der Mann ist von Beruf Richter, und heute ist Gerichtstag. Doch mag er auf dem thronartig im Zentrum stehenden Richterstuhl lange nicht Platz nehmen und umschleicht ihn wie ein drohendes Verhängnis. Als er es dann doch tut, gleicht das einer gewaltsamen Inbesitznahme: Klaus Maria Brandauer ist als Dorfrichter Adam eine Art schauspielerisches Naturereignis, fast ein wenig zu groß für den Rest von Peter Steins Inszenierung von Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug".

Den Kupferstich das Laufen gelehrt

Am Anfang ist auf den Eisernen Vorhang der Kupferstich projiziert, der Kleist zu seiner bitteren Komödie inspirierte, und Peter Stein vollzieht den Kleistschen Schöpfungsakt gleich mit seiner ersten Szene nach: Der Eiserne Vorhang hebt sich, das Bild bleibt auf die Szenerie projiziert, die ihrem Vorbild nachgebildet ist. Das Bild lernt sozusagen laufen und nimmt alsbald dramatische Gestalt an. So hat es einst Kleist getan, dem 1802 mit seinem Stück vom Dorfrichter Adam ein modernes Pendant zu Sophokles' Drama "König Ödipus" vorschwebte: Jenes Mannes also, der einen Mord untersuchen soll, und im Verlauf seiner Ermittlung entsetzt feststellen muss, dass er selbst der Täter ist. Und so macht es jetzt Peter Stein, der den Kupferstich von 1782 auf der Bühne des Berliner Ensembles nun das Laufen lehrt. Im vorliegenden Fall weiß der Protagonist allerdings von Anfang an, dass er selbst der Täter ist und versucht, im Rahmen der Investigation diese Tatsache dreist zu verschleiern und einen anderen als Täter zu überführen.

Bewegung ist noch kein Leben

Allerdings sind es zunächst zwölf lebende Hühner, die für Bewegung sorgen. Und damit ist es wieder da: Steins fast schon berüchtigter Hang zum altmeisterlichen Tableau, das immer auch ein Hauch Museumsdorf durchweht. Und das Missverständnis, dass etwas lebt, bloß weil es sich bewegt: Ein nach Manier niederländischer Meister ausgeleuchteter Raum, Fenster mit grünen Butzenscheiben, durch die manchmal weiße Winternebel ins Zimmer dringen. Ein Holztisch mit Teppich darauf, sowie ein thronartiger, lederbeschlagener Richterstuhl.

Selbstredend sehen auch die beiden Mägde, die nun die Hühner aus der Stube des Richters jagen, aus, als seien sie Gemälden Jan Vermeers entstiegen. Und so nimmt Kleists berühmtestes Drama seinen Lauf: Gerichtsrat Walter reist durch die Provinz, um dort Missstände in der Justiz zu untersuchen und gelangt zwecks Prüfung auch in jenes niederländische Dorf, in dem Richter Adam den Vorsitz über das Steuer- und Rechtswesen hat. Im Zuge seiner Ermittlungen wird Walter Zeuge, wie eine gewisse Frau Marthe Rull gerichtlich klären lassen will, wer den Krug im Zimmer ihrer Tochter Eve zerschlug, und auch ihre Ehre empfindlich versehrte.

Arbeit am pittoresken Detail

Mit mathematischer Präzision entwickelt die Kleistsche Dramaturgie den Fall, der mit dem Sturz des schließlich überführten Richters endet, der sich im Verlauf immer stärker in seine Lügen verstrickt. Themen wie Ehre, Wahrheit und die Reinheit des Gefühls werden verhandelt. Aber auch der fehlbare Mensch selbst, weshalb der Richter und Eve, das Objekt seiner Begierde, ihre biblischen Namen nicht von ungefähr tragen. Doch so recht will der Funke nicht zünden, und der Abend schleppt sich müde. Zu viel Arbeit am pittoresken, am burlesken Detail.

Hier tuscheln Mägde im Hintergrund, da schnarcht der Gerichtsdiener unter seinem Dreispitz. Vorn auf der Bank barmt Eve, die nicht sprechen darf, weil sie um das Leben ihres Liebsten Ruprecht fürchtet. Ein paar Meter weiter wütet eben dieser Ruprecht, der sich von Eve betrogen wähnt, still vor sich hin. Weil soviel Arbeit an die Herstellung der Oberfläche verwendet wird, dringt der Abend nicht darunter.

Schauspielerische Highlights

Es gibt große schauspielerische Highlights: Brandauer eben, dessen Dorfrichter nahezu Amstettener Züge hat. Wie er sich brutal Eve wie seinen Privatbesitz greift, körperlich drohend seine Ansprüche an sie geltend macht, um sich gleich wieder unterwürfig jovial Gerichtsrat Walter zuzuwenden: so könnte man sich auch einen Joseph Fritzl vorstellen. Martin Seifert ist als distinguiert-verklemmter Gerichtsrat Brandauers souveränes Gegenstück.

Die etwas kleineren Highlights: Tina Engel als Mutter Marthe, ein wütendes Weib mit wehenden Röcken. Roman Kanonicks dumpf-plumper Ruprecht. Der alert-aasige Gerichtsschreiber Licht, den Michael Rotschopf ein bisschen wie den jungen Peter Stein aussehen läßt. Eve, die Marina Senckel als bäuerliche Madonna interpretiert. Und am Schluss Ilse Ritter als zirpende Zeugin Frau Brigitte, die letztendlich für Erhellung des Falles sorgt. Brandauers schauspielerische Übermacht jedoch lässt ihnen nicht wirklich Raum. Wenn er fort ist, sinkt das animierte Bild in die Zweidimensionalität zurück.

Gefallener Koloss

Am Ende sind alle gerettet. Nur Adam ist geflohen. Da entfernen sich die dem Kupferstich nachgestellten Kulissen wie von Geisterhand und man blickt auf ein kahles, winterliches Schneefeld. Der hinkende Adam stapft darin, strauchelnd. Die Gesellschaft verfolgt ihn. Doch nicht um ihn zu richten, sondern aufzurichten: an einem Stahlseil aus dem Bühnenhimmel. Denn soviel Werkzeug braucht es schon, um einen gefallenen Koloss wie Brandauers Adam zu stemmen. Dazu singen sie Hölderlins spätes Gedicht "Die Linien des Lebens sind verschieden". Man spürt Ambition zum großen Gleichnis, nur versteht man nicht, was für eins. Das Bild ist nicht stark genug, um sich zu erschließen. Angesichts der monströsen Scheußlichkeit, mit der Brandauer seinen Dorfrichter Adam ausgestattet hat, weiß man auch nicht so recht, womit der diesen versöhnlichen Schluss verdient haben sollte.

 

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Peter Stein, Bühne: Ferdinand Wörgerbauer, Kostüme: Anna Maria Heinreich, Musik: Arturo Annecchino. Mit: Martin Seifert, Klaus Maria Brandauer, Michael Rotschopf, Tina Engel, Marina Senckel, Andreas Seifert, Roman Kanonik, Ilse Ritter, Stephan Schäfer, Michael Kinkel, Ninja Stangenberg, Larissa Fuchs und 12 Hühnern.

www.berliner-ensemble.de

 

Mehr zu Peter Stein: Im Mai 2007 inszenierte er in Berlin Wallenstein, ebenfalls mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle. Nach einer Verletzung Brandauers sprang Stein im September selbst als Schauspieler ein.

 

Kritikenrundschau

"Was aber bleibet, ist großes Theater", befindet Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.9.). Peter Stein und sein Protagonist Klaus Maria Brandauer hätten aus Kleists "Komödie eines Richters, der über seine eigene Untat zu Gericht sitzen muss", das "Weltendspiel einer Ego-Groteske" gemacht und nähmen "eine ganze, im Grunde längst nicht mehr fass- und beherrschbare Welt auf einen Kopf, ein Hirn, ein Herz", das von Brandauers Dorfrichter Adam nämlich. Stadelmaier sieht hier keinen Teufelskerl, sondern eher den "zum Kerl gewordenen Teufel", "der ja nichts anderes als der von Gott (dem Guten) abgefallene Engel" sei.  Auf diesem Weg werde aus dieser "klassischen Komödie der Suche nach Gerechtigkeit" eine "Tragödie der komisch-unendlichen Ungerechtigkeit". Stadelmaier fand außerdem viel Stoff zum lachen: "Vor allem über die kurzen Beine der Lügen, über die der Dorfrichter dauernd stolpert." Doch amüsierte sich Stadelmaier "auf himmlischem Inferno-Niveau". Kleists, "des verzweifelten Wahrheitssuchers zerrissene Welt-Schöpfung", wird für ihn bei Stein "im letzten Aufflugsversuch eines stürzenden Engels zur hinreißend komischen Volte".

Für Arno Widmann, der den Abend für die Frankfurter Rundschau (15.9.) bespricht, bestand
Peter Steins Arbeit bei diesem "Zerbrochnen Krug" vor allem darin, "Anschluss an die Art von Theater zu suchen, die er in den 60er Jahren zu zerstören mithalf". Für Widmann macht dies den Reiz aller neueren Stein-Inszenierungen aus: "Da versucht einer die Scherben wieder zusammenzukleben, in die er, als er jung war, das alte Familienporzellan zerschlagen hatte." Denn aus Sicht Widmanns geht es Stein darum, "den von ihm zerbrochenen Krug des alten Schauspielertheaters wieder zusammen zu leimen". Dafür brauche er die "Rampensau" Brandauer. Doch reflektierter Klamauk sei eben keiner. Weshalb im Fall von Steins Berliner Kleist-Inszenierung das Ergebnis der Restaurationsbemühungen "eine studienrätlich abgesicherte, von verlorenen Konventionen gestützte Lustspieligkeit" sei, die jene tranige Bürgerlichkeit zitiere, wie sie "uns aus alten Aufführungen des 'Zerbrochnen Krugs' bis zum Ekel bekannt ist". Damit allerdings scheine Stein einen Nerv zu treffen.

"Ein Spektakel bis zuletzt", jubelt dagegen Barbara Villiger-Heilig, die für die Neue Zürcher Zeitung (15.9.) nach Berlin gereist ist. Zwar betrachtet sie es als Ironie der Geschichte, dass "der siebzig Jahre junge Theaterrevolutionär von anno dazumal" Peter Stein, den "Zerbrochnen Krug" mit "atemraubender Detailversessenheit" nun ausgerechnet am Berliner Ensemble inszeniert habe, wo Brechts Verfremdungseffekt Hausrecht genießen würde. Das Ergebnis feiert sie jedoch für seine "souveräne Eleganz", aber auch als Zeugnis von Peter Steins philologischer Leidenschaft. Kleist habe bekanntlich sein analytisches Ermittlungsdrama mit Sophokles' 'Ödipus' in Verbindung gebracht: "Der Schuldige, ein Klumpfuß hier wie dort, überführt sich selbst". Goethe, Regisseur der verpatzten Uraufführung, habe später die Struktur des Dramas bemängelt, "bei dem Vorgänge bloß redend nachvollzogen würden". Peter Stein und sein Ensemble indessen würden nun "bei diesen Reden" nicht nur die allmähliche Verfertigung der Gedanken zeigen sondern "überhaupt der Sprache, die sich in die Körper einschreibt, grandios zu ihrem Recht" und stellte Stein Kleists, nach Goethes Vernichtung abgewandeltes, planvolles Gesamtkonzept wieder her."

"Um mich ist Schwank, also schwanke ich", bringt Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung (15.9.) den Abend für sich auf den Punkt. Denn schon allein "wegen des Kontrastes zwischen der derben Komik und den fünffüßigen ungereimten Jamben, die der Entlarvung des Dorftyrannen das Versmaß einer Schillerschen Tragödie überwerfen", sei Kleists Adam eine Paraderolle der Schauspiel- wie der Sprechkunst. Brandauer als Kleists um keine Geste, kein Mienenspiel je verlegene Dorfrichter Adam, "der seine Finten und Ausflüchte im schamlosen Vertrauen auf seine Fähigkeiten als Komödiant auslebt", ist für Müller außerdem eine gelungene Fortsetzung des "schauspielernden Helden Wallenstein", der Stein und Brandauer zum ersten Mal zusammengeführt habe. Die Probleme des Abends sieht der Kritiker dann im "Jenseits des Genrebildes", in dem Stein seinen Kleist präsentiert. Zwar folge er konsequent Kleists Grundidee, das Lustspiel als "dramatische Genremalerei" aufzufassen. Doch im Zitat der holländischen Malerei erschöpfe es sich nicht. Das wisse Stein natürlich, weshalb seine Inszenierung mit dem abstrakten Schlusstableau auf eben dieses Jenseits ziele, es aber nicht erobern könne.

Zwar lasse Stein Kleist Lustspiel "erwartungsgemäß so textfromm spielen, dass vermutlich sogar der Avantgardist Kleist irritiert wäre, könnte er mit ansehen, wie sehr 200 Jahre später sich Theaterleute bemühen, das Stück genauso aufzuführen, wie man es zu seinen Lebzeiten vielleicht getan hätte, wenn der Regisseur nicht Goethe gewesen wäre", befindet Matthias Heine in der Tageszeitung Die Welt (15.9.). Allerdings hat das für ihn den Vorteil, dass man endlich mal in Ruhe über das Stück nachdenken könne, weil "man nicht mit aufgepfropften Ideen des Regisseurs behelligt" werde, weshalb er dem Abend doch einiges abgewinnen kann. Das einzige, was ihn stört, sind die zwölf lebenden Hühner. "Im Theater wird man heutzutage so oft mit 'echten' Arbeitslosen, 'echten' Problemkindern und 'echten' Politikern behelligt (bei 'Rimini-Protokoll' und anderen Authentizitäts-Hubern), dass man wenigstens in dieser konservativen Oase gerne einmal auf das Echte verzichtet hätte."

"Wo sich bei Kleist die Geschichte zuspitzt, hängt sie bei Stein durch oder steht auf der Stelle", berichtet Hartmut Krug für den Deutschlandfunk (14.9.). Der Text wirke in Peter Steins historisierender Inszenierung zwar "dramaturgisch verschlankt, zugleich aber bläst die Inszenierung das Geschehen atmosphärisch stark auf". Klaus Maria Brandauer werfe sich "nicht sofort hinein in die sicheren Effekte seiner bühnenwirksamen Figur, sondern kostet sich gewissermaßen langsam in sie hinein. Der Darsteller macht das ungemein souverän, doch er bleibt eigentlich immer bei sich." Richtig komisch oder existentiell verzweifelt werde weder er noch irgendeine Figur in diesem "kunstvollen Stadttheater-Spiel". "Brandauer spielt auch keine Entwicklung eines immer mehr in die Enge getriebenen Menschen, sondern er stellt Situationen und Empfindungen eines stets direkt reagierenden Mannes nacheinander vor." Und dieses "Nach- und Nebeneinander von Haltungen" bestimmt alle Figurendarstellungen wie die gesamte Inszenierung. Insgesamt nimmt "die kleinpusselige, eher naturalistische denn realistische, vor allem aber äußerliche und volkstheaterhafte Spielweise in einer historisierenden Kulissenwelt dem Geschehen alle Spannung".

Als "staubig, gemütlich, betulich, abgehangen" verreißt Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (15.9.) den Abend. Fast unerträglich findet er das "schrecklich Gemütliche" der Aufführung. "Mägde kichern, der Gerichtsbüttel ist ein dumpfer Grobian, das Volk überhaupt geriert sich derb und laut, während der Gerichtsrat Walter aus der Stadt (Martin Seifert) ein vornehmer oder auch nur vornehm tuender Herr ist und sich vor den Dörflern ekelt. Die kleine Welt in bester Ordnung – und das in vollem Ernst. Stein buchstabiert die Typen ohne jede Überraschung durch". Auch wenn das Theater sich Berliner Ensemble nennt und der Regisseur Peter Stein heißt: Für Schaper hat "diese Veranstaltung" den Charakter eines Tourneetheaters. "Ein Star zieht seine Register, um ihn herum werkeln Chargen."

Eher missmutig bespricht auch Dirk Pilz diese guten zwei Stunden "Brandauer-Verherrlichungstheater" in der Berliner Zeitung (15.9.). Er fragt sich vor allem, "aus welcher konfliktarmen Welt heraus – und in welche heile Welt hinein – hier inszeniert wurde". Denn dies erschließt sich für den Kritiker nämlich nicht. Dabei sei "das 'zerscherbte Faktum', der 'Krug', als handgreifliches Symbol dafür, wie sich in der Dorfgeschichte das Weltgeschehen spiegelt", auf der Bühne stets anwesend. Auch wundert sich Pilz, dass "solches auf das Wort und den Brandauer-Effekt setzende Theater so viel Zuschauerliebe hervorzulocken versteht". Dass "es alles brav und bieder bleibe", wäre für ihn aber nur eine billige Erklärung. Man blicke bei Stein "vielmehr in einen Kosmos, der von Anfechtung nichts weiß, in der also die Hoffnung auf Veränderung der Welt und auch der Menschen noch nicht bloß jener 'Mangel an Information' ist, den Heiner Müller einst predigte."

In diese Richtung, aber noch ein bisschen weiter, gehen auch die Überlegungen von Hans-Dieter Schütt in der Zeitung Neues Deutschland (15.9.) Zwar bleibt für Schütt an diesem Abend "gleichsam alles beim Anfang: Die Aufführung geht in ein Bild hinein, sie fällt nicht aus dem Rahmen, sie sprengt ihn nicht". Aber sie fülle ihn immerhin. Die Worte, die man auch gegen den Abend verwenden könnte, nämlich "Bauerntheater, bieder, betulich, altmeisterlich, altmodisch", möchte Schütt außerdem für ihn verwenden. "Es ist hier nichts auf Extravaganz gesetzt, auch schauspielerisch überwiegend nicht; souveränes Handwerk lässt sich betrachten, und just dies schafft eine Aura, die frei ist vom Ehrgeiz nach modernen Reizungen". Aus Sicht Schütts verleiht gerade das diesem Lustspiel "eine unaufgeregte, langsam strömende Ernsthaftigkeit". Peter Stein und Klaus Maria Brandauer vollzögen so "auf sehr besondere Weise" fast "eine kultische Kunstausübung", die ihr Maß "gegen das Desolate heutiger szenischer Eingebungen" setze. Schütt sieht darin "ein stolzes Stehenbleiben, Rekonstruktion statt Revolte, in Müdigkeit an die Unzerstörbarkeit der Dichtertexte glaubend, alternd lieber wacker bleiben, als mitzuwackeln, wohin der Tross des großen Medienverbundes und der Aufmerksamkeitsgier zieht."

Für Peter Kümmel führt in der Wochenzeitung Die Zeit (18.9.) Brandauers, vom Übermut getriebenes Spiel in dieser Inszenierung zwei verschiedene Malweisen und Linienführungen, die sich aneinander reiben: "die Geduld der alten Meister" und den "hochfahrenden, vom Augenblick gepeitschten Federstrich des statirischen Zeichners" nämlich. Denn für Kümmel wankt Brandauer als Dorfrichter "wie eine aus ihren Umrissen platzende Wilhelm-Busch-Figur" die Steins Vermeersche Idylle sprenge. Sein Dorfrichter Adam sei kein reiner Bösewicht, sondern beherberge eine Fülle von Wesen unter seiner lädierten Schädeldecke: "Einige möchten vertuschen, andere möchten gestehen – Licht und Schatten liegen im Zwist miteinander in dieser Aufführung, und zwar im Gesicht des Richters wie in den Tiefen der Bühne".

 

 

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