Reißt ihm den Rucksack voller Privilegien runter!

von Matthias Schmidt

Meiningen, 1. Oktober 2020. Einen unterhaltsamen Umgang mit einem so gar nicht unterhaltsamen Thema, das versprachen die vier Schauspieler*innen anfangs für diesen Abend. Sagten es. Und taten es. Sie legten los, einheitlich gekleidet in eine weiße Showmaster-Garderobe, als würde es ein Leichtes, Konstantin Küsperts als ironische Szenencollage getarnte Kampfansage an "das System" zu einem flotten, kapitalismuskritischen Erlebnis werden zu lassen.

Schlagfertig ausgewählte Video- und Tonschnipsel unterbrechen die Sätze der Protagonisten. Wie "Dalli, dalli", nur eben schneller. Ein famoser Rhythmus, auf den Regisseurin Juliane Kann da zu Beginn setzt. Musikschnipsel à la "I am your slave", Scherze darüber, dass die meisten Theatertexte in Fernost von Billiglöhnern geschrieben würden – sehr angenehm der Humor, es scheint zu gelingen. Man liest auf der Leinwand, "Timing ist keine chinesische Stadt", während sich die Showmaster die Hände schrubben. "White Washing" mal wörtlich genommen. Sklaven präsentieren sich potenziellen Käufern. Umgekehrt preisen Verkäufer Sklaven an. Natürlich sind sie weiß, das ist ja der Witz, dass Küspert die Welt auf den Kopf stellt. Im Laufe des Abends in Meiningen schminken sie sich noch weißer, was den Witz noch witziger machen will. Funktioniert aber nicht. Der unterhaltsame Furor der ersten Minuten geht mehr und mehr verloren.

"Was wäre, wenn?"

Angedroht wurde es ja im Grunde gleich zu Beginn. Das Publikum wird – per Schrift auf der Leinwand – als "weiße Mehrheitsgesellschaft" mit Privilegien begrüßt. Das löste Schmunzeln aus, wer wollte nicht humorvoll mitdenken, was die koloniale Geschichte uns hinterlassen hat, was an Rassismus übrig sein mag aus den alten Zeiten, was an Vorurteilen, was an Sklaverei für die schicken Klamotten und die billige Schokolade. Küspert spielt es in immer neuen Varianten durch. "Was wäre, wenn", heißt eine. Darin lässt er Afrikaner in feinstem AfD-Vokabular klagen, dass immer mehr Europäer den Kontinent fluten, sich dabei weder um Sprache noch um Kultur scheren, Kinder kriegen ohne Ende, und die Kriminalität sei auch sehr angestiegen. Ein Auf-den-Kopf-stellen der Verhältnisse, hübsche Idee, die sofort verfängt. Vorurteile im Visier.

sklaven leben 600 c marie liebig8Ihr könnt uns mal alle, weiße Mehrheitsgesellschaft: Katharina Walther, Ulrike Walther und Björn Boresch spielen in Meiningen "sklaven leben" © Marie Liebig

Dann die Sklavenauktion, in der das "Weiße spielen Schwarze, die sich weiß schminken" schon nicht mehr so recht aufgeht. Ein Insider, wer soll den verstehen? Folgt eine Szene aus H.G. Wells' Roman "Die Zeitmaschine": Sie spielt in einem "Land am Ende der Zeiten", in der es eine Welt "oben“ gibt, wo die "Eloi" leben, in Saus und Braus und dekadent. Und eine zweite, die Welt "unten", wo die Morlocks, die Sklaven, wie Tiere gehalten werden. Als die Eloi die Morlocks zum ersten Mal sehen, bekommen sie einen Schreck: Sollten wir dafür verantwortlich sein? Wir, darauf zielt die Inszenierung, das ist die "weiße Mehrheitsgesellschaft". Die Analogie war schon nicht mehr schelmisch, und das aus gutem Grund. Dennoch ist spätestens dies der Moment, in dem der Abend seine Botschaft hinreichend vertieft hatte.

Eine bitterböse Show sollte er sein, die das Publikum sensibilisiert. Aber es ging immer weiter, und aus unterhaltsam wurde weniger unterhaltsam und daraus schließlich ermüdend. Man lernt in diesem Stück einfach niemanden kennen, keine Menschen, wie die alten Dramen sie aus Gründen hatten. Mit denen man mitfühlen, die man lieben oder hassen kann. Da ist kein Konflikt, der sich entwickelt, kein "Othello", an dem man das Thema Rassismus "erleben" kann. In Meiningen tragen sie alle dieselben Kostüme, nuscheln höchstens kurz ihre Namen, wechseln dann auch noch die Rollen und gehen dadurch verloren. Und beginnen immer noch eine weitere Szene, die wieder auf dieselbe Mitteilung hinausläuft. Die Welt ist – was oben genannte Themen angeht – im Argen. Brechts Dialog vom armen und vom reichen Mann, er war ins Globale und ins Koloniale übersetzt, und er war verstanden, und das war gut.

"Kommando John Brown"

Dass das dem Autor und der Inszenierung nicht genügte, ehrt sie einerseits. Zu oft heißt "Botschaft im Theater" ja einfach nur, wir sind uns alle einig. Also warum nicht in den Angriff gehen? Die Leute aus ihrer Selbstgewissheit holen, heißt es sinngemäß im Programmheft. Was nun folgt, stammt aus der Abteilung Attacke. Politisches Theater, wie es ausgestorben schien. Nestlé wird angegriffen, die Kautschukindustrie, der ganze verhasste Kapitalismus. Ein "Kommando John Brown", benannt nach einem amerikanischen Abolutionisten, einem Kämpfer gegen die Sklaverei, ruft zu Gewalt auf. "Nehmt euch, was euch genommen wurde", heißt es, bevor Schüsse fallen.

sklaven leben 600 c marie liebig5Die Stirn voller Blut: Katharina Walther in "sklaven leben" am Meininger Staatstheater © Marie Liebig

Der "alte weiße Mann", inzwischen auch eine Marke wie Nestlé und als solche zum Freiwild erklärt für die gute Sache, bekommt einen mit. Mit Vorurteilen und Zuschreibungen gegen Vorurteile und Zuschreibungen, erstaunliche Logik. Immerhin noch einmal sehr witzig darf er klagen, er habe seinen "Rucksack voller Privilegien verloren". Das letzte Aufbäumen der Leichtigkeit, denn am Ende steht eine Zusammenfassung ganz ohne Humor.

Mag sein, dass das Thema es verlangt, versprochen war anderes. Der Text und seine Inszenierung, die als unterhaltsame Show begannen, als sympathische Aufrüttelplatte, enden mit dem Charme einer aktivistischen Presseerklärung: Die Sklaven, sie werden, sobald sie sehen, wie gut es uns geht, in unsere Welt kommen. "Es kann keine friedliche Lösung für dieses Problem geben ohne massiven Systemwandel. Wir können froh sein, wenn sie nur Teilhabe und Gleichheit wollen. Und nicht Rache." Was ist das – Drohung, Warnung, Vision? Jedenfalls klingt es erstaunlich anarchistisch in einem Staatstheater.

Wie zur Beruhigung treten die vier Schauspieler*innen danach aus ihren Rollen: die maximal erlaubte Spieldauer sei erreicht. Man freue sich, dass das Publikum wieder da sei und dass es schön wäre, wenn alle bald wiederkämen. Dann geht man raus in die schwarze Nacht und weiß nicht so recht. Die nächste Premiere ist "Wir sind noch einmal davongekommen".

 

sklaven leben
von Konstantin Küspert
Regie: Juliane Kann. Bühne und Kostüme: Vinzenz Hegemann. Videos: Juliane Kann, Sebastian Reiß. Video Mitarbeit: Marie Gimpel. Dramaturgie: Gerda Binder.
Mit: Björn Boresch, Matthias Herold, Katharina Walther, Ulrike Walther.
Premiere am 1. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.meininger-staatstheater.de

 

Kritikenrundschau

Dem Publikum werde in Juliane Kanns Inszenierung "wieder einmal erbarmungslos der berühmte Spiegel vorgehalten, auf dass es sich in der ganzen Jämmerlichkeit zivilisierter Existenz erkenne", so Siggi Seuß in der Mainpost (5.10.2020). Das geschehe hier vor allem in Form einer "atemlosen Aneinanderreihung von Informationen". Und auch wenn das Ensemble eine "Meisterleistung" zeige, bliebe Zuschauern, "die sich gerade an einem bemerkenswerten Gedanken festhaken", so "keine Chance zum Vertiefen". Für den Rezensenten bedeutet das: "Wer Menschen hinter ihren Öfen hervorholen will, muss sie anders anfassen."

Das Stück sei ein "harmloser Achtzigminüter: schon der Text ohne Risiko für die Spieler", schreibt Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen (9.10.2020), "ohne Gefahr für's Publikum. Juliane Kann geht erst recht auf Nummer sicher - und verliert deshalb. " Sie flüchte sich in die Form einer kleinen politischen Revue, die Fortsetzung epischen Theaters mit "etwas moderneren Mitteln". Die Schauspieler "liefern auch seriös ab", aber es komme nichts an.

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