Bewegter Wortgottesdienst

von Ralf-Carl Langhals

Köln, 17. Oktober 2008. "Ach Gott, die Kunst ist lang und kurz ist das Leben", sagt Faust verschwörerisch, und ein hörbares Schmunzeln geht durch die ausverkaufte Halle Kalk, Kölner Spielort der Goetheschen Tragödie ersten Teils. "Das kommt mir jetzt schon (wir befinden uns noch im Studierzimmer in schlichtester Probenbühnenästhetik) vor wie fünf Stunden", antwortet ein Herr und geht. "Anstrengend" raunt ein anderer und folgt.

Die Übrigen bleiben, folgen überwiegend gebannt und halten es mit einem anderen Zitat des Abends: "Geduld will bei dem Werke sein!" Die braucht man freilich bei Laurent Chétouanes theatralischen Wortgottesdiensten, gescholten als phonetische Studie mit Hörspielcharakter von den einen, gelobt als die ultimative Sprechtheatererneuerung von den anderen.

Mehr emotionale Dichte
"In der deutschen Sprache ist jedes Wort wie ein Stein, andere Sprachen sind wie Flüssigkeiten", beschrieb Chétouane seine Begeisterung für die deutsche Sprache einst im Interview. Ein schönes wie überstrapaziertes Bild, denn die herabstürzenden Brocken aus den Steinbrucharbeiten, etwa in Mannheim, Hamburg und München, konnten zuweilen auch den hartnäckigsten Sprachfreund qualvoll erschlagen. Den starken Rigorismus und den Willen zur Künstlichkeit seines Lehrers Hans Hollmann merkt man der Arbeit Chétouanes allerdings im positiven Sinne schon immer an.

Seine Fähigkeit, Menschlichkeit in der Künstlichkeit zu entwickeln ist seitdem, auch durch die Integration tänzerischer Elemente, zunehmend flüssiger geworden. Doch anders als in Weimar, wo Chétouane im März "Faust II" inszenierte, bleiben Publikumsverärgerung und Buhgewitter in Köln aus. Sein Verfahren, einen Text dem Raum auszusetzen, in dem Körper und Sprache zusammen funktionieren müssen, hat spürbar an emotionaler Dichte gewonnen. Wo einst oft bis zum Exzess artifizielles Wortwürgen, Sprechpressen, Schäumen und Stottern vorherrschte, hat der Regisseur die feinere Betonungsdramaturgie der  deutschen Sprache für sich entdeckt: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's SEIN.", "Die Erde HAT mich wieder", "Am Golde hängt DOCH alles."

Drei Gretchens schlaflos auf der Decke
Chétouane stellt drei Gretchens und drei Fausts auf die Bühne, die sich den maßvoll gestrichenen Text reihum teilen. Geschlechter- und Figurenzuordnung spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Dass aus dem Kölner Faust trotz Sprachhuldigung keine tönende Gelehrtentragödie, kein zelebrierter Selbstzweckklassiker, sondern ein musisches wie privates Intellektuellendrama geworden ist, verdankt er auch großartigen Schauspielern.

Jan-Peter Kampwirth übernimmt den manierierten Akademikerpart, Christoph Luser (Bravo!) den maliziösen wie träumerischen, Carlo Ljubek den spöttischen wie humorvollen Part. Julia Wieninger, Eve Kolb und Patrycia Ziolkowska teilen sich ein facettenreiches Gretchen, wobei letztere in der Sprach- und Bewegungsästhetik Chétouanes förmlich aufgeht. Dazwischen bewegen sich Jan Burkhardt und Joris Camelin minimalistisch zur Sprachmelodie und nah am Zuschauer, suchen den Blick jedes einzelnen, scheinen zu fragen: "Und wie ist das bei dir mit unter falschen Voraussetzungen geschlossenen Beziehungen, mit Trennung und Vereinigung, mit dem Weiterentwicklungsdrang, der Genussgier und den Beziehungsfolgen?"

Großer Zusammenhang von Wort, Kraft, Tat
Dazu zeigt der Abend – trotz strapaziös überlanger Hexenküchen- und Kerkerszene – berückende Bilder. Wenn im Anfang Wort, Kraft oder Tat verhandelt werden, trifft man sich zaudernd, ins Private flüchtend im Kuschelkreis. Später, als Gretchens Ruh' dahin ist, wälzen sich drei choreografisch schlaflos auf einer Decke, die bösen Geister der Domszene gehen zu klerikalem Klangteppich unter die Haut. Dort kommen sie auch her: Mephisto und Konsorten sind nicht unter, sondern in uns. Einfühlung braucht es nicht. Den Seelenraum in uns seziert Chétouane auf seiner leeren Bühne mit Goethes gesprochener Sprache. Am Anfang war eben doch das Wort.

 

Faust. Der Tragödie erster Teil
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Laurent Chétouane, Bühne: Patrick Koch, Kostüme: Sanna Dembowski, Musik: Leo Schmidthals, Video: Anna Henckel-Donnersmarck.
Mit: Jan-Peter Kampwirth, Eve Kolb, Carlo Ljubek, Christoph Luser, Julia Wieninger, Patrycia Ziolkowska, Tänzer: Jan Burkhardt / Joris Camelin.

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr über Laurent Chétouane: Im März 2008 inszenierte er in Weimar Faust II. Brecht und Hölderlin brachte er im Februar 2008 in Köln in Empedokles // Fatzer zusammen. Tanzstück #2: Antonin Artaud liest den 2. Akt von Goehtes Faust 2 und heißt einer seiner Tanzabende, eine Faust II-Studie, die im Dezember 2007 an den Berlin Sophiensälen entstand.

 

Kritikenrundschau

Goethes Text sei zwar in Laurent Chétouanes "Faust"-Inszenierung "ganz schön zusammengestrichen" und oft gegen die Regel betont, dabei "aufmerksam formuliert und transportiert", insgesamt "gut zu verstehen", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (20.10.2008). Wiederzuerkennen sei dieser "Faust" jedoch nicht ("noch keine Qualität an sich"), vor allem weil Faust und Gretchen mehrfach besetzt seien: "Sechs Personen versuchen sich an einer Rolle". Bei Chéoutane werde das Drama suspendiert und Psychologie verweigert: "Dialoge schaffen keine Konfrontationen, die Verse werden vielfach als quasilyrische Preziosen gehandelt, die (...) in Posen und kleine Spielsituationen, Verrätselungen und Verlegenheiten übersetzt werden". Die Tänzer wirkten "zunehmend redundant", während die drei Schauspieler Faust "in vielen, auch widersprüchlichen Facetten" beleuchteten. "Dynamik und emotionale Dichte" allerdings gewinne die Inszenierung durch Gretchens Tragödie. Am Ende dieser "anstrengenden" Inszenierung, "die weniger bemerkenswert als merkwürdig ist", stehte "kein Ausweg, keine Erlösung". Und der Zuschauer habe zwar oft den Eindruck "dass sich der Regisseur bestimmt etwas dabei gedacht hat", muss sich allerdings noch öfter "fragen: aber was?".

"Von jeder Psychologie befreit" seien die Figuren, und von Figuren befreit wiederum das Drama, konstatiert auch Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (20.10.2008). Umso freier verweile der Blick auf dem Text. "Mit jeder, von der eigenen inneren Stimme abweichenden Betonung schwappt neuer Sinn über ins Parkett." Den einzelnen Schauspielern sei je ein "Set verschiedener Tonfälle" zuzuordnen, wobei eine bestimmte Passage jeweils von dem gesprochen werde, "der die erhellendste Haltung dazu entwickelt". Dazu choreographie Chétouane "den gesamten Raum als Beziehungsgeflecht der vielen argumentativen Standpunkte des Textes". Ihre schwächeren Momente erlebe die Inszenierung, wenn improvisiert werden dürfe (Auerbachs Keller und Hexenküche). Auch leuchteten nicht alle Bilder und Aktionen ein, wenn der Regisseur aber "einen klaren Punkt setzen" wolle, greife er "auf die einfachste Form zurück". Gerade in der ersten Inszenierungshälfte "mag einem schwindeln angesichts der Höhe der Aussicht, die sie uns auf einen Text gewährt, von dem man glaubte, ihn längst überschaut zu haben". "Einen klareren Blick auf den 'Faust' konnte man lange nicht mehr erleben".

Für Günther Hennecke von der Kölnischen Rundschau (20.10.2008) liegt über allem vorerst "ein Schleier bleierner Vergeblichkeit". Das Ganze sei "lange ein Trauerspiel", "wäre da nicht die Sprache", deren Worte "wie Kostbarkeiten" "zelebriert" würden. In einer "Mischung aus Wortgottesdienst und Verkünstelung" verweigere diese "Inszenierung der Langsamkeit" sich jeder Psychologisierung. Keine großen Gefühle brächen sich "Bahn aus der Eingleisigkeit eines Kunstwillens, der sich alles unterordnet". Individualität und Spontaneität versackten "in einem Formwillen, der das Drama zu ersticken droht". Und dass Mephisto ein gesichtsloser Mitspieler bleibe, ebne den ersten Teil "noch stärker ein als erträglich". Nach der Pause gewinne die zunächst spannungslose Inszenierung jedoch "eine völlig andere Qualität" und finde "zu mitreißenden Szenen", setze gar "zu schönsten Höhenflügen" an und entwickle aus "Faust" noch "eine strahlende Gretchen-Tragödie" – "in einem grandiosen Endspurt noch große Bildkraft und Eindringlichkeit" sowie aufblühende Darstellerinnen.

Diesmal treibe Chétouane die Schauspieler "nicht in eine extreme sprachliche Stilisierung", sondern wechsele die Spielformen, so Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (21.10.2008). Mal mache man sich "über Goethes Reime lustig", mal spreche man die Monologe "ganz innerlich, wie eine Übung in psychologischem Einfühltheater". Kampwirth zeige "die verklemmte Seite Fausts". Ziolkowska setze bei ihren virtuosen Rollen-Wechseln "viel Erotik ein" und Kolb habe "hinreißend direkte, derb-authentische Momente". Dabei legten die Schauspieler oft einfach "den Schalter um, zerstören, was sie gerade aufgebaut haben und behaupten eine gänzlich andere Stimmung". Die "hervorragenden Schauspieler" hätten manch "große Momente": Luser lasse Mephisto-Sätze "hinreißend lässig von den Lippen tropfen", Wieninger explodiere beinahe "vor sinnlicher Spielfreude", Ljubek kultiviere "ironisches Understatement" und liefere eine "überwältigende" Pudel-Performance. Doch vor allem nach der Pause herrsche "konventionelle Leere auf der Bühne". "Einen klaren Blick auf das Wesentliche" vermittle Chétouane nicht, habe hier "nicht den überzeugenden Zugriff gefunden".

In der Süddeutschen Zeitung (22.10.2008) schreibt Martin Krumbholz, dass Chétouane sich um das vierzigjährige Dogma des Regietheaters nicht schere und keineswegs behaupte, dass "Faust" ein Stück von heute sei. Es gehe ihm nicht um Wiedererkennung, weder der Situationen, noch von Aufführungstraditionen. Es gehe ihm auch nicht um den Text, den er immer wieder umstelle, und nicht um Empathie, denn er kollektiviere die Figuren statt sie zu individualisieren. Statt dessen bekomme man bei ihm "einen klassischen Text zu sehen und zu hören, wie man ihn noch nie gesehen und gehört hat". In einer "fulminanten Energieleistung" der Darsteller entstünden und entschwänden Bilder und Szenen und verdichteten sich "am Ende zur Chiffre einer kollektiven Erfahrung". Nach vier Stunden hätte man "den gewaltigen Text" ohne Interpretation, aber auch ohne Verneigung "in einer bestechend schönen Form" erlebt.

 

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