Once Upon A Time im Queer Palast

von Sascha Westphal

Köln, 20. März 2021. Wenn Edward II. seinen aufrührerischen Peers, den Bewahrern und Verteidigern des politischen Status quo, verkündet, "Ich bin die Liebe", ist das nicht nur ein Bekenntnis zu seinen Gefühlen und Leidenschaften. Alexander Angeletta wirft diese Worte seinem Gefolge gleich einem Fehdehandschuh vor die Füße und rüttelt damit an den Grundfesten des britischen Königreichs. Seine Liebe zu Gaveston, einem Mann, der zudem noch aus einer anderen sozialen Schicht als die Großen des Landes kommt, ist an sich schon ein Affront. Aber was schwerer wiegt, ist, was in Edwards Geständnis noch mitschwingt. "Ich bin die Liebe", heißt auch, ich bin die Freiheit. Er nimmt sich die Freiheit, nicht der Staat zu sein. Die Liebe verdrängt die Politik, und genau das kann diese niemals dulden.

Absoluter Freiheitswille

In Ewald Palmetshofers Antwort auf Christopher Marlowes elisabethanische Tragödie hat Edwards solipsistische Haltung, diese in ihrer Radikalität schon manische Fixierung auf das Objekt seiner Begierde, durchaus etwas Krankhaftes. Man kommt weder dem König noch seinem Geliebten Gaveston wirklich nah. Ein pubertärer Hang, jeden zu zerstören, der diesen Figuren widerspricht, brandmarkt sie letztlich als niemals erwachsengewordene Egoisten. Selbst ihre Liebe ist zutiefst egoistisch. Dieser eher düsteren Sicht auf einen Kind-König, der von sich behauptet, die Liebe zu sein, setzt Pınar Karabulut ihre Vision von der Liebe als revolutionärer Kraft entgegen, die als einzige die Menschen aus den Gefängnissen der Norm und der Unterdrückung befreien kann. Wie Edward fordert auch sie absolute Freiheit ein.

edwardII1 560 Thomas Anna Lukenda u.jpgDer König mag's brustfrei: Alexander Angeletta als Edward II. mit Birgit Walter © Ana Lukenda

Unter all den Film- und Serienprojekten, die gegenwärtig an den geschlossenen Theatern produziert werden, ist Karabuluts "Edward II. Die Liebe bin ich" ein Solitär. Sie, die sich schon bei ihren Bühneninszenierungen gerne in die unterschiedlichsten Richtungen treiben lässt, hat durch dieses filmische Projekt eine größere künstlerische Freiheit gewonnen. Die Beschränkungen, die ihr die Bühne als Ort auferlegt, sind genauso verschwunden wie die dramaturgischen Zwänge, die eine dreistündige Inszenierung mit sich bringt. Sie muss in diesem Format keinen großen dramaturgischen Bogen aufbauen, sondern kann in ganz anderen Einheiten denken.

Tief aus der Popkultur geschöpft

Zugleich schert sich diese sechsteilige Serie aber auch nicht um die Konventionen des seriellen Erzählens. Klassische Mittel eben dieser Kunstform wie die kurzen Rückblicke auf die Handlung früherer Folgen zu Beginn jeder neuen Episode ironisiert Karabulut hemmungslos. Ihre Adaption von "Edward II.", die Palmetshofers Stück wie einen Steinbruch nutzt, aus dem sie Szenen herausschlägt, um sie neu zusammenzusetzen und mit anderen oft auf Englisch gesprochenen Texten zu kombinieren, gleicht einem wild tosenden Strom der Ideen und der Formen, der alles, was Kunst und Popkultur, Kino und queere Theorie, zu bieten haben, mit sich reißt und durcheinanderwirbelt. Es ist schier unmöglich all die von ihr eingestreuten Zitate aus anderen Filmen und Serien, aus der bildenden Kunst und der Musik zu erkennen oder gar zu benennen.

edwardII1 280 Thomas Anna Lukenda uAm Set: Alexander Angeletta wird zu Edward II. © Anna Lukenda

In der zweiten Episode stellt sie eine an sich schon von Sitcoms und Seifenopern inspirierte Szene aus John Waters "Female Trouble" komplett nach. Die dritte, zu großen Teilen in Schwarzweiß realisierte Episode ist eine augenzwinkernde Hommage an den Film noir und seine femmes fatale. Für die vierte Folge hat sie die Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, als Drehort gewählt und zitiert neben Quentin Tarantino auch Trope des experimentellen und avantgardistischen Kinos. Es ist unmöglich, auch nur zu erahnen, welche ästhetischen Volten die Serie als nächste schlagen wird.

Trotzdem wirkt sie niemals beliebig. Jeder Wechsel des Tons, jede neue Appropriation ist in sich schlüssig. Und wenn Karabulut in der finalen Folge den von Jörg Ratjen gespielten Prinz Edward (den späteren Edward III.), ein wahrhaft monströses Kind, in eine bizarre Racheorgie stürzt und dabei Erinnerungen an italienische Thriller und Horrorfilme der 1970er Jahre weckt, steckt auch dahinter eine bestechende Logik.

EdwardII 280h plakatSchließlich erzählten gerade diese Filme in rauschhafter Weise von den Abgründen männlicher Gewalt, wobei man sich nicht sicher sein konnte, ob sie diese Gewalt nun zelebrieren oder durch Überaffirmation kritisieren. Karabuluts Standpunkt ist dagegen eindeutig. Sie treibt die queere Camp-Ästhetik eines John Waters in ihr Extrem, um ein jede Normativität sprengendes, ganz und gar fluides Bild des Menschen zu zeichnen.

In den Blutströmen patriarchalischer Gewalt

Alexander Angelettas Edward II. entscheidet in der Liebe nicht zwischen den Geschlechtern. Er liebt die Königin ebenso ausschweifend wie Gaveston und bewegt sich dabei selbst ständig zwischen den Geschlechtern. Damit wandelt er in den Spuren von David Bowie und Tilda Swinton. Am Ende hat er sogar einen Auftritt als Double von Grace Jones, um endgültig jede Eindeutigkeit in der Liebe zu negieren.

So fügt sich das eklektische Feuerwerk der Bilder, das Pınar Karabulut in den sechs Folgen ihrer Serie entzündet, zu einem feministisch queeren Entwurf der Welt zusammen, in dem Nicola Gründels Isabella ebenso bedingungslos liebt wie ihr Mann und in der schließlich eine alle Bedrängten und Bedrohten ermächtigende heilige Johanna den Blutströmen patriarchalischer Gewalt entsteigt, um wie einst Buffy the Vampire Slayer die Dämonen einer heteronormativen Gesellschaft dahin zu schicken, wo sie hingehören.

 

Edward II. Die Liebe bin ich
von Ewald Palmetshofer nach Christopher Marlowe
Regie: Pınar Karabulut; Video: Leon Landsberg; Szenenbild: Bettina Pommer; Kostümbild: Teresa Vergho; Originalmusik: Daniel Murena; Lichtgestaltung: Michael Frank; 1. Kameraassistenz: Leon Follert; Dramaturgie: Sarah Lorenz
mit: Alexander Angeletta, Nicola Gründel, Benjamin Höppner, Nicolas Lehni, Justus Maier, Jörg Ratjen, Kristin Steffen, Birgit Walter und vielen anderen
Premiere der ersten Episode am 12. Februar 2021
Dauer: 6 Episoden à 20 bis 40 Minuten

www.schauspiel.koeln

Kritikenrundschau

Christiane Lutz schwärmt in der Süddeutschen Zeitung von dem mit Filmzitaten und allem "was das Netflix-verwöhnte Hez begehrt" überladenen Serien-Spektakel. Hier sei "das absolut Beste aus einer anhaltend bescheidenen Theater-Situation" geacht worden.
Den Vorlieben der Regisseurin Pınar Karabulut für "Bling-Bling, Glamour und Mode, für Popmusik und rosafarbenen Trash" sieht sie hier "hemmungslos gefrönt", ohne dass dies dem poetischen Text von Ewald Palmetshofer oder der Logik des Stücks etwas abtragen würde. Wechsel zwischen "Fernsehnaturalismus und Theaterüberzeichnung" findet sie gekonnt. "Die meisten Figuren sind bei ihr Grenzgänger zwischen den Geschlechtern, schimmernde Gestalten, ohne dass sie sie der Paradiesvogelhaftigkeit preisgibt." - so Christiane Lutz und befindet, dass dem titelgebenen Satz "Die Liebe bin ich" Rechnung getragen wird. Die Liebe werde hier als grelle Party gefeiert. Und bevor da jemand "Reizüberflutung" hüsteln wolle - "es haben doch ohnehin alle gerade viel zu viel Ruhe."

In der kölnischen Rundschau (20.3.2021) konstatiert Alex Hill, dass belohnt wird, wer sich durch knappe drei Stunden Filmmaterial zu arbeitet, ja kämpft. "Karabuluts Umsetzung (...) bleibt ein Hybrid zwischen Theater- Kunst und TV-Unterhaltung, aus all dem Mord und Totschlag, dem Gespinst aus Lügen und Intrigen wird nie ein Serienfutter, das zum neu-deutschen „Binge-Watchen“ oder „Süchten“ taugen will." Trotzdem "verhindert ein dreimal um die Ecke gedachtes Regiekonzept nicht, dass man als Zuschauer ein großes Vergnügen daran hat, Ensemblemitgliedern wie Birgit Walter oder Lola Klamroth bei der Arbeit zu erleben."
Am Schluss brilliere Kristin Steffen mit ihrem "Johanna"-Monolog - der Rezensent nennt es eine "Glanzleistung".

Im Kölner Stadt-Anzeiger beschreibt Christian Bos: Die Regisseurin "switcht" sich durch die Genres "und  präsentiert die Tragödie des gegen jede Staatsräson männerliebenden Königs mal als Gangster- mal als Horror-, mal als experimentellen Tanzfilm." Dabei bediene sich "die Regisseurin aus einem weiten (pop-)kulturellen Fundus.". Die Referenzen, die bis zu Marina Abramović und Drag-Performer Divine reichen, bebilderten die Spannungen und zerlegten das Bild der Kleinfamile - "sehr schön" findet der Rezensent. Weiter merkt er an: "Das eigentlich Dramatische des Dramas, das unerbittliche Fortschreiten im Rhythmus des Blankverses, geht über dieser vielstimmigen Kunst des Zitats gelegentlich verloren."

 

 

 
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