Die Sache mit dem Teufel

von Michael Wolf

Berlin, 7. Oktober 2021. Drei Tage hatte man Giles Corey gefoltert, ihn mit Steinen beschwert, um ein Geständnis aus ihm herauszuquetschen. Aber der Achtzigjährige gab nicht nach, kurz vor seinem Tod soll er stur "Mehr Gewicht" gefordert haben. Zweieinhalb Jahrhunderte später recherchierte Arthur Miller seinen Fall und den der weiteren neunzehn Frauen, Kinder und Männer, die den Hexenprozessen von Salem zum Opfer fielen. Heraus kam sein, neben "Tod eines Handlungsreisenden", bekanntestes Stück: "Hexenjagd".

Teufel vs. McCarthy

Einige Mädchen werden dabei erwischt, wie sie nackt im Wald tanzen, was bei den streng religiösen Städtchenbewohnern Misstrauen weckt. Aus Angst vor Bestrafung behaupten die Mädchen, vom Teufel besessen zu sein, und beschuldigen weitere Bürger. Diese stehen nun vor der Wahl: Entweder sie gestehen und denunzieren weitere Mitbürger, oder sie werden gefoltert und hingerichtet.

 "Hexenjadg" von Arthur Miller, Regie: Mateja KoležnikDie "Hexen" im tristen Einheitslook irgendeines Faschismus © Matthias Horn

Im Zentrum des Stücks steht das Schicksal von John Proctor. Er hatte eine Affäre mit Abigail, der Anführerin der Mädchen, die nun aus Eifersucht Proctors Frau der Hexerei bezichtigt. John versucht, seine Frau zu retten und den Wahnsinn zu stoppen, doch vergeblich. Die Richter sind zwar am Ende davon überzeugt, dass der Teufel seine Finger nicht im Spiel hatte, doch da haben sie schon zu viele Menschen hinrichten lassen, um ihren Fehler einzugestehen.

"Hexenjagd" ist, wenngleich Miller sorgfältig recherchierte, kein Historienstück, sondern eine Parabel auf die McCarthy-Ära in den USA, als zahlreiche Intellektuelle, darunter auch Miller selbst, beschuldigt wurden, dem Kommunismus anzuhängen. Die Geschichte spielt also zugleich Ende des 17. Jahrhunderts und in den USA der Nachkriegszeit. In letztere Epoche versetzt auch die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik am Berliner Ensemble den Stoff.

"Hexenjadg" von Arthur Miller, Regie: Mateja KoležnikEben noch im Wald getanzt (Lili Epply) © Matthias Horn

Die Herren tragen hier Lederjacken oder Anzüge und lange Mäntel, die Damen hochgeschlossene Kleider und Blusen (Kostüm: Ana Savić-Gecan). Raimund Orfeo Voigt hat einen Guckkasten auf die Bühne gebaut: hinten ein Saal, der mal als Turnhalle, Wohnung oder Gerichtssaal bespielt wird, aber nur teilweise einsehbar ist. Auch vorne, in einem gefliesten Eingangsbereich, sind die Spieler nicht immer gut zu erkennen, weil Koležnik gerne einen Dialogpartner mit dem Rücken zum Publikum positioniert oder gleich hinter einer Säule versteckt. Nicht nur geschlossen, sondern geradezu verrammelt ist hier also die Vierte Wand.

Keine Zeit zum Spielen

Reduziert, fast selbstgenügsam wirkt das Spiel dadurch, als wäre man gekommen, einmal ein so großes Ensemble – inklusive Chor stehen 21 Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne – bei der Arbeit zu beobachten. So richtig ins Spiel kommen nicht alle, und wie auch? Einige von ihnen laufen ja nur ab und zu mal über die Bühne. Corinna Kirchhoff hat zu Beginn einen komischen Auftritt als lebenskluge Frau, die das Unheil kommen sieht und ihre verschreckten Mitbürger aufruft, die Sache mit dem Teufel mal lieber ganz schnell wieder zu vergessen. Nach einer Viertelstunde hat sie dann aber auch schon Feierabend.

"Hexenjadg" von Arthur Miller, Regie: Mateja KoležnikDenunzieren oder denunziert werden: Darwinismus in Salem © Matthias Horn

Aber auch den Hauptdarstellern mangelt es ein wenig an Zeit (der Abend dauert keine zwei Stunden) und wohl auch an Raum auf dieser tiefen, engen Bühne. Sie erzählen diszipliniert und konzentriert die Geschichte, aber wenig über ihre Figuren. Marc Oliver Schulze und Bettina Hoppe wehren sich als Ehepaar Proctor tapfer gegen das Unheil, das die Stadt und sie selbst erwartet, lassen diese Bedrohung aber selten spürbar werden. Freude bereitet hingegen Ingo Hülsmann. Als nicht besonders heller aber umso engagierterer Ermittler treibt er die Dorfgemeinschaft vor sich her.

"Mehr Gewicht!"

Regisseurin Koležnik hält sich derweil mit Gegenwartsbezügen zurück. Die Mädchen tragen zwar uniforme Kleider und Armbinden, die nach Faschismus aussehen, aber welcher spezifische Faschismus hier am Werke ist, welche Ideologie unserer Zeit da grassieren soll, bleibt im Dunkeln. Überraschenderweise sind die selbsternannten Hexen hier keine überforderten Mädchen, nicht die ersten Opfer dieser kollektiven Paranoia also, sondern durchtriebene Lolitas. Zu Beginn tollen sie in kurzen Shorts herum, später ziehen sie sich ihre Slips aus und als ihre Anführerin sich in die Ecke gedrängt fühlt, entblößt sie provokant ihre Brust.

Womöglich fügen sich die jungen Frauen hier einfach in die Rollen, die ihre Gesellschaft von ihnen erwartet. Wenn sie Hexen sein sollen, verhalten sie sich eben entsprechend dem Klischee unabhängiger und damit bedrohlicher Frauen. Aber für diese Lesart bleiben die Figuren zu vage gezeichnet, ebenso wie die Inszenierung im Ganzen. Bis zum Ende bleibt unklar, was diese Geschichte, eingeklemmt zwischen 1692 und 1953, über das Jahr 2021 zu erzählen hat.

 

Hexenjagd
von Arthur Miller
Übersetzung: Hannelene Limpach, Dietrich Hilsdorf; Mitarbeit Übersetzung: Alexander F. Hoffmann.
Inszenierung: Mateja Koležnik; Bühne: Raimund Orfeo Voigt; Kostüm: Ana Savić-Gecan; Komposition und Musikalische Leitung: Michael Gumpinger; Choreografie: Magdalena Reiter; Licht: Rainer Casper; Dramaturgie: Karolin Trachte
Mit: Marc Oliver Schulze, Bettina Hoppe, Jasha Eliah Deppe, Lili Epply, Philine Schmölzer, Wiebke Frost, Sophie Scherrieble, Oliver Kraushaar, Judith Engel, Martin Renztsch, Tilo Nest, Corinna Kirchhoff, Gerritt Jansen, Veit Schubert, Ingo Hülsmann, Marc Benner.
Chor: Katharina Maria Abt, Katharina Beatriece Hierl, Katharina Petrova, Lea Nora Härtel, Marine Madelin.
Premiere am 7. Oktober 2021
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Regisseurin Mateja Koležnik sperre ihre Figuren in klaustrophobische, verschattete, verwinkelte Räume. Getrieben seien sie eher von dunklen Mächten als von ihrem eigenen Willen. Und zwecks bedrückender Atmosphäre habe dieses mal Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt den Gang eines Gerichtsaals in altsozialistischer Pracht auf die Bühne gewuchtet, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (15.10.2021). "Nicht alles ist einsehbar, zwischen Säulen und Wand verschwindet immer ein Teil der Figuren." Als Zuschauer verliere man den Überblick "wie die Figuren, die in dieser Angstmaschine gefangen sind". Die Darsteller geraten bis an den Rand der unfreiwilligen Komik und darüber hinaus ins Chargieren, "der Rest ist Armgefuchtel-Theater".

"Mateja Koležnik hat eine Idee, die auf den ersten Blick bestechend wirkt, sich aber als fatal erweist," schreibt Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (9.10.2021). Sie verlege große Teile der Story in einen hinteren Raum, halb Turnhalle, halb Gerichtssaal – für das Publikum kaum einsehbar – und lasse die über Leben und Tod entscheidenden Szenen vorn spielen, im Flur. Allerdings fällt es dem Kritiker schwer, das Arrangement ernst zu nehmen. Auch insgesamt geht für ihn der Abend nicht auf, der sich für seinen Geschmack zu stark Richtung Kino streckt, ohne dort anzukommen.

Auf Simon Strauß von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.10.2021) wirken die Figuren von Regie und Bühnenbild eingeengt. "Die suspenseartige Stimmung, die Koleznik mit Hilfe von viel flackerndem Licht und chorischen Einlagen schafft, hat den Preis, dass ihr Ensemble (prominent besetzt unter anderem mit Corinna Kirchhoff) oft nur wie atmosphärisches Beiwerk wirkt. Man hat den Eindruck, dass sich dieses Theaterspiel aus lauter Film-Stills zusammensetzt – Ingmar Bergman und David Fincher nennt die slowenische Regisseurin selbst als Inspiration –, die über einen knarrenden Bühnenboden geschickt werden." So bleiben dem Kritiker vor allem "einzelne, starre Bilder im Gedächtnis".

Das windige Versteckspiel zwischen Haupt- und Nebenräumen schaffe eine "greifbar bodenlose, neurotische Atmosphäre", so Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (10.10.2021). Raffiniert durchdacht sei das, bleibe aber zu konturlos. "Denn inhaltlich entwickelt sich nichts darin, vielmehr machen sich die Verschwörungsmechanismen, die Miller aufkratzt, in diesem Verweisspiel auf Nichtzusehendes noch unsichtbarer. Vor allem bekommt der nötige Sprung zu Regimen heute, die wieder ganz auf Danforth-Rhetorik setzten, keine Energie."

 

 
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